Sommer-Impressionen

Morgens um sechs am Rossio.
Zwei junge Männer schlendern Hand in Hand durch ein morgendliches Lissabon. Jetzt gibt der eine dem anderen einen Kuss. Ob sie verliebt sind? Vielleicht. Wer weiß.
Ich stehe am Fenster des Hotels und sehe auf die Straße. Gleich wird es Tag, der Rossio ist noch leer, die Luft frisch. Wo sind die beiden gewesen, in einer Bar im Bairro Alto, oder haben sie sich auf einer der Treppen im Labyrinth der nächtlichen Alfama getroffen? Wie lange kennen sie sich schon, eine Woche, einen Tag, eine Stunde?
Das gute Gefühl – auch das ist Portugal, zwei verliebte Männer an einem frühen Sonntagmorgen.

Um halb sieben
Die Bettlerin kommt und setzt sich auf den Bürgersteig. Sie kommt immer um die gleiche Zeit. Pünktlich um halb sieben. Ein ausdrucksloser Blick. Ein langer schwarzer Rock, eine Jacke, ein Kopftuch. Eine Körperhaltung, die Hoffnungslosigkeit verrät.
Sie setzt sich an den Rand des Bürgersteiges und lehnt sich an die Hauswand. Streckt ihre Hand aus, senkt den Blick. Ein Mann geht vorbei, bleibt stehen, sucht in seiner Tasche nach ein paar Münzen. Er gibt sie der Bettlerin und geht weiter.

Um acht Uhr
Im Frühstücksraum des Hotels. Jugendstil vom Feinsten. Ruhige Musik unaufdringlich im Hintergrund. Vier Kellner in Uniform. Hier gibt es ein nicht-portugiesisches Frühstück. Man hat es für die Ausländer aufgebaut, von denen man weiß, dass sie sich schon morgens gerne den Magen vollschlagen. Am liebsten an einem Buffet. Gerne mit gebratenen Eiern und Speck.
Ein mittelalter Amerikaner aus San Francisco liest ein Buch auf Französisch über chinesische Literatur. Er erzählt mir, dass er mit seiner Mutter auf Europatour sei. Am Ende werden sie mit einem Frachter nach Amerika zurückfahren. Zwei junge Frauen erscheinen in fast durchsichtigen Hotpants. Mit langen Strickjacken. Aber trotzdem. Ein blondes Paar scheut sich nicht, den Raum der Belle Epoque in Bade-latschen zu betreten. Eine Frau bestellt zum Frühstück Sekt. Es gibt ihr den „Snap“, erklärt sie ihren Freundinnen. Die Angestellten ertragen alles mit Fassung. Selbst die Badelatschen.

Unterwegs mit der Metro.
Wer will schon in Lissabon Auto fahren? Ich jedenfalls nicht, da hätte ich ja gleich Taxifahrerin werden können. Nein, die Metro ist schon ganz okay. Sie ist nicht nur okay, sie ist sogar sehr gut. An den Wänden von zeitgenössischen Künstlern gestaltete Azulejos. Alice im Wunderland am Cais do Sodré. Alfons der Erste stilisiert mit erhobenem Schwert – wo war das noch mal? Die Metrostationen verschwimmen in meiner Erinnerung.
Aber das bleibt zurück: Die Lissabonner Metro ist die überpünktlichste Metro der Welt. Sie fährt nicht pünktlich, sie fährt zu früh. Die Anzeige zeigt: Metro kommt in 30 Sekunden. Aber da ist die Metro längst abgefahren. An diesem Tag gleich viermal.

12 Uhr mittags
In einem einfachen Restaurant. Hier ist es noch ganz „portugiesisch“. Handgeschriebene Karte auf Portugiesisch statt Fotos und fünf Sprachen. Gutes Essen. Günstige Preise. Große Portionen. Keine Touristen, nur Einheimische (wie die Einwohner eines Landes bei den Ausheimischen gerne heißen).
Ein Mann telefoniert mit seiner Tochter in der Algarve. Er schickt ihr 147 Beijinhos, 42 Cora-ções, 3 Abraços. Am nächsten Wochenende hat er frei, da wird er zu Hause sein. Und sie soll die Mama grüßen. Dann trinkt er seinen Café aus, nimmt sein Handy und geht.

Um Mitternacht
Ein letzter Blick auf den fast leeren Rossio. Ein paar Nachtschwärmer redend auf dem Weg zu einer Bar.

Text: Annegret Heinold
ESA 08/16

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