Ruína com boas vistas

Ein Hauskauf ist immer eine aufregende Sache und in Portugal ganz besonders. Es gibt ja Länder, in denen so ein Hauskauf fast unbemerkt stattfindet, und bei dem sich Käufer und Verkäufer nie treffen. Nicht so in Portugal. Da ist es ein würdevoller Akt, bei dem alle Beteiligten anwesend sein müssen.



Ich bin fest davon überzeugt, wenn ich an diesem Tag nicht die weiße Bluse angehabt hätte, dann hätte Hermann aus Hamburg seinen Hauskauf knicken können. Denn das Häuschen, dass er kaufen wollte, gehörte gar nicht dem Nachbarn, der es verkaufen wollte, sondern der Schwiegermutter. Und diese Schwiegermutter wollte einerseits verkaufen, und dann andererseits auch wieder nicht.
Es war ein heißer Augusttag. Wir standen im Schatten einer Korkeiche vor einem weißgekalkten Lehmhaus. Bienen summten und die Luft roch nach Thymian.
„Sie haben so eine hübsche Bluse an,“ sagte die Schwiegermutter zu mir. Dann zeigte sie auf Hermann. „Sind Sie verheiratet?“
Ich schüttelte den Kopf. Nein, Hermann war kein Namorado, Partner oder Lebensabschnittsgefährte. Hermann war ein Freund, träumte von einem Haus in Südportugal, aber er sprach kein Portugiesisch. Also übersetzte ich.
„Gut“, sagte die Schwiegermutter nach einer Weile. „Ich verkaufe.“
Der Nachbar, Hermann und ich atmeten auf.
Am besten wäre es jetzt gewesen, sie gleich zum Notar zu schleppen. Aber jeder, der in Portugal eine Immobilie gekauft hat, weiß, wieviel Zeit, Geduld und Papiere dafür nötig sind. Als wir die Schwiegermutter endlich zum Termin beim Notar abholten, trug sie einen schwarzen Rock, eine helle Polyesterbluse, und über ihrem Arm hing eine unförmige Handtasche.
„Heute werde ich ihn zum ersten Mal wiedersehen“, vertraute sie mir auf der Autofahrt zum Notar an.
„Wen?“, frage ich.
„Meinen Ex-Mann“, sagte sie. „Zum ersten Mal seit 16 Jahren.“
Auf dem Notariat saßen wir aufgereiht auf Stühlen an der Wand und warteten. Das war noch nicht das Heiligtum des Notariats, das war das Vorzimmer mit dem langen Tresen. Wer endlich dran kam, breitete seine Papiere auf dem Tresen aus. Aber wieviele Papiere es auch waren, es fehlte immer noch ein Papier, von dem vorher nie die Rede war. Zum Glück hatten wir unsere Papiere zusammen. Papiere zu besorgen war in diesen Zeiten ja wie eine Schnitzeljagd. An den Checkpoints wie Grundstücksamt, Finanzamt, Notar, Botschaft, Junta de Freguesia und Câmara gab es jedes Mal eine neue Aufgabe. Viele Checkpoints mußten mehrmals angelaufen werden. Manchmal hing auch eins vom anderen ab.
„Das ist ja wie Dominosteine“, sagte ich zu der Sekretärin in der Botschaft.
„Oh, da haben Sie Glück, es gibt Fälle, die sind wie Ping-Pong“, lautete ihre Antwort.
Heute händigt der Notar erstens Listen aus und übernimmt zweitens einen Teil der Bürokratie. Das nimmt natürlich einen Teil des Spaßes weg. Dafür geht es erheblich schneller. Es sei denn, man gerät in eine Ping-Pong-Falle, da gibt es keine Lösung. Damals nicht und heute nicht.
Wir warteten eine Stunde. Und noch eine. Der Nachbar unterhielt sich mit seinem Schwiegervater. Hermann sagte nichts. Vielleicht war ihm ein bisschen mulmig zu Mute. So ein Hauskauf ist schließlich eine große Entscheidung. Egal ob es sich um eine Ruína com Boas Vistas, eine Ruine mit schönen Blick, handelt oder eine Vivenda do Luxo, eine Luxusvilla.
Wie sagte ein Freund von mir neulich so schön: „Damals träumten wir ja alle davon, uns einen Hof in Portugal kaufen. Zum Glück hatte keiner das Geld“. Stimmt einerseits. Aber auf der andern Seite, wer weiß, was ihm und den anderen alles entgangen ist. Heißt es nicht immer, man bereut nicht das, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat? Und heißt es nicht auch, ein Mann soll in seinem Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, und einen Sohn
zeugen? Hermann hatte damals das Geld.
Sein Hauskauf war ja auch mehr in Richtung Ruine als in Richtung Luxusvilla. Oder um genau zu sein: es war eine Ruine. Nur dass die Wände noch standen. Allerdings fielen sie an dem Tag zusammen, als er das Dach an einer Ecke
abnahm, um es zu reparieren. Das wäre bei der Luxusvilla nicht passiert. (Denke ich mal.)
Die Schwiegermutter machte ihre Tasche auf, holte eine Kette aus falschen Perlen heraus und legte sie um. Dann holte sie aus ihrer Handtasche ein Dutzend Eier, die sie mir in die Hand drückte.
Ovos caseiros, die guten Landeier, für mich. Als nächstes holte sie ein Armband und einen Pfirsich hervor. Sie legte das Armband an und aß den Pfirsich. Endlich wurden wir in das Zimmer des Notars gerufen. Die Schwiegermutter aß den letzten Bissen von ihrem Pfirsich und drückte mir den Kern in die Hand.  „Hier“, sagte sie. „Den können Sie einpflanzen. Diese Pfirsiche sind ganz ausgezeichnet.“
Der Notar las den Kaufvertrag vor. Ich übersetzte. Dann unterschrieben wir alle und die Schwiegermutter drückte ihren Fingerabdruck auf das Papier. Und das war´s.  Plötzlich war es erledigt.
Nach wochenlangen Vorbereitungen, Aufregungen und Zweifeln war der Kauf abgeschlossen und Hermann der Besitzer eines Monte Alentejanos, an dem er die nächsten zehn Jahre renovieren würde (mindestens). Ich gab ihm auch den Pfirsichkern. So hatte er nicht nur das Haus, sondern konnte auch einen Baum pflanzen. (Und für den Sohn war ich ja nicht zuständig.)
Und jetzt mal ganz ehrlich, so eine Zermonie beim Notar, bei der alle Beteiligten anwesend sind, die hat doch was.
Wie, es kostet Zeit und Nerven? Ja schon. Aber es schafft doch auch ganz wunderbare Erinnerungen. Oder etwa nicht?
Annegret Heinold
ESA 3/14

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