Pu Tao Ya und die Sardinen im Mai

Eine Sardinhada gehört zu Portugal wie Strand und Sonne. Wie die heilige Essenszeit und die Bica im Café. Wie Lissabonner Parkplatzmangel und die Weite des Alentejo. Mit anderen Worten: Was wäre das Leben in Portugal ohne eine Sardinhada?

Spricht hier jemand chinesisch? Ich wüßte nämlich zu gerne, ob es stimmt, dass Portugal auf chinesisch Traubenzähne heißt. Also Trauben + Zähne wie in: das Land der Traubenzähne. Pu Tao Ya – eigentlich ein schöner Name. Sehr poetisch, und stimmt auch fast phonetisch. Aber wenn es stimmt, ist es natürlich ein Irrtum der chinesischen Sprache, denn es müßte doch wohl eher Sardinen- zähne heißen. Denn jetzt mal ganz ehrlich, was ist in Portugal wichtiger: Trauben oder Sardinen? Na? Na gut. Beides ist wichtig. Die Trauben für den Wein und die Sardinen zum Grillen. Am besten beides zusammen. Schließlich weiß jeder: Zu einem guten Essen gehört ein guter Wein. Und zu einem guten Wein sollte man etwas Gutes essen, schon damit man eine Grundlage für den Alkohol hat. (Wobei man übrigens für den Wein keine Zähne braucht, aber für die Sardinen schon.) Gerne mit Zitronensaft und Meersalz gewürzte gegrillte Sardinen und dazu ein schöner Rotwein. Ja – Rotwein, erstaunlicherweise, denn gegrillte Sardinen sind die Ausnahme der berühmten Fisch- Weißwein-Regel. Schon die alten Römer wußten übrigens die lusitanischen Sardinen zu schätzen und zu nutzen. Sie machten daraus Garum. Die Herstellung klingt eklig, und der Geruch in der Nähe der Produktionsstätten muss unerträglich gewesen sein, denn die Sardinen wurden in offenen Behältern monatelang der Sonne ausgesetzt, bis sie sich so richtig zersetzt hatten. Aber das Ergebnis war so gut, dass das Garum von Lusitania aus im ganzen römischen Reich verteilt wurde. Mein erstes Geld verdiente ich in einem konservativen Zeitungskonzern als Küchenhilfe. Zur Finanzierung meines Führerscheins. Und außerdem – wie heißt es so schön? Vom Tellerwäscher zum Millionär. Oder zeitgemäß: von der TellerwäscherIn zur MillionärIn. Der TellerwäscherInnenteil ist somit erledigt, der Anfang also gemacht… Zu diesen Zeiten wurden die Speisekarten noch auf der Schreibmaschine getippt. Und so kam es, dass eines Tages die „Mao-Scholle“ auf der Tageskarte stand. Und über ein „o“ kann man ein „i“ tippen, so oft man möchte, das „o“ geht davon nicht weg. Und entweder der Küchenchef hatte kein Tipp-Ex oder es gab in ihm etwas Rebellisch-Subversives, das er sonst gut tarnte. Vielleicht war es auch einfach nur Faulheit. Jedenfalls stand an diesem Tag keine Mai- sondern Mao-Scholle auf der Speisekarte. Eine Mai-Scholle ist keine Zubereitungsart, sondern hat etwas mit der Jahreszeit zu tun. Schollen sind im Mai und Juni am besten. Genau wie die Sardinen. Und die beste Zubereitungsart ist die gegrillte Sardine. Einfach – wie schon erwähnt – mit Zitrone beträufeln und Salz bestreuen. Aber auf keinen Fall ausnehmen. Dann wird die Sardine nämlich trocken. Beliebter Ausländerfehler. Oder sagen wir lieber: beliebter Fehler von Leuten aus anderen Ländern. Denn Ausländer sagt man ja nicht mehr, nicht wahr. Also in diesem Fall von Leuten aus an- deren Ländern als Portugal. Einheimische (meine Güte – ist dieser Ausdruck eigentlich noch üblich? Oder sagt man da jetzt auch was anderes? Und wenn ja – was? ImLänder? Ur-Einwohner? Eingeborene?), also die Leute hier in Portugal, also die, die von hier kommen, also die Portugiesen, die nehmen die Sardinen nicht aus. Sie sind mit Sardinen aufgewachsen, sie kennen sich aus. Also haben sie wohl recht. Sie kennen doch das Sprichwort: Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie die Römer. „Brüder, fliegt von euren Sitzen, Wenn der alte Römer kraißt, Laßt den Schaum zum Himmel spritzen: Dieses Glas dem guten Geist.“ Das ist von Friedrich Schiller, aus der Ode an die Freude. Der alte Römer ist hier kein Garumbegeisterter Einwohner Roms, sondern ein bauchiges Glas, aus dem man wunderbar Wein trinken kann. Ja, die wußten zu feiern, die alten Römer. Das bringt uns wieder zu Garum, und das Garum wieder zurück zu den Sardinen. Sozusagen ein umgedrehter Garums-Gärungsprozeß. Was das alles miteinander zu tun hat? Alles in diesem Universum hat immer etwas miteinander zu tun, das weiß doch heute jeder. Aber feiernde Römer, Lusitania gleich Portugal, die Sardinen, ob als Garum oder gegrillt, ob mit Rotwein oder Weißwein getrunken aus einem bauchigen Römer in einem Edelrestaurant oder aus einem Zahnputzbecher am Strand, das hat auf jeden Fall etwas miteinander zu tun, und alles zusammen ergibt eine anständige historisch gewachsene Sardinhada. Und deswegen ist die Sardine zum Symbol der Festas de Santo António im Juni in Lissabon geworden. Deswegen steht die Sardinhada von Setúbal mit mehr als 6.000 Kilo gegrillten Sardinen im Guinessbuch der Rekorde. Deswegen gehört die gegrillte Sardine zu den sieben Wundern der portugiesischen Gastronomie. In der Kategorie Fisch. Noch vor dem Bacalhau! Und deswegen – wenn jetzt im Mai die beste Fangzeit für Sardinen beginnt, dann sollte man sich das nicht entgehen lassen, und den Mai mit einer üppigen Portion Mao – äh, pardon, Mai-Sardinen feiern. Obwohl, egal ob Mao-Sardine oder Mai-Sardine, lecker sind Sardinen immer. Einfach unschlagbar gut. Und es geht eben nichts über eine schöne Sardinhada. PS: gerade rechtzeitig trifft die Nachricht meines persönlichen China- Korrespondenten R.R. aus S. ein. Pu Tao Ya sind wirklich die Traubenzähne. Die Sardinenzähne heißen Shadingyu Ya. Tja dann.

Annegret Heinold

ESA 05/14

Share.

Comments are closed.