Portúmons

Dialog neulich bei mir zu Hause, in meinem Arbeitszimmer. M.M. versucht sein Busticket auszudrucken, ich stehe nutzlos daneben. Er kämpft mit Laptop, Drucker und Internetverbindung. Nichts klappt. Man versteht nicht wieso. Nicht mal er, obwohl er doch so viel jünger ist als ich, und außerdem auf dem Computer College war.
Ich sage: „Ich denke, du hast das studiert.“
Er sagt: „Zu meiner Zeit konnte man noch keine Online-Tickets kaufen.“
Und ich denke plötzlich an all das, was es zu meiner Zeit noch nicht gab und komme mir vor wie ein Abrictosaurus. Es gab keine Handys, keine elektronische Maut und keine Pokémons. Dafür Gummitwist statt Video-spiele und Postkarten statt E-Mails.
Also sage ich ganz spontan: „Weißt du was, es macht Sinn, dass wir irgendwann sterben, die Welt verändert sich und irgendwann kommen wir einfach nicht mehr mit.“
Und M.M. sagt: „Okay, wenn du neunzig bist, erschieße ich dich. Und wenn ich werde wie meine Eltern, erschießt du mich. Was immer zuerst kommt. Abgemacht?“
(Vielleicht sollte man heutzutage keine Witze über das Schießen machen, nicht bei all dem Schrecklichen, was da draußen passiert. Aber fällt wirklich für jeden nicht-erzählten revolverrelevanten Witz irgendwo auf der Welt eine Kugel weniger? Glaube ich jetzt auch nicht. Und was ist mit den Krimis? Darf man die noch sehen? Wackelige Angelegenheit, das Ganze).
Nein, nicht abgemacht, mein Lebenswille regt sich, dann vielleicht doch lieber am Ball bleiben, solange es irgendwie geht. Ich habe ein Handy, was sage ich da, ich habe ein Smartphone! Und ich bin auch (leider) an der elektronischen Maut beteiligt. Aber was soll der Hype mit den Pokémons?
Die Recherche ergibt: ein Pokémon ist ein Poketta Monsutā, das ist japanisch und bedeutet Taschenmonster. Klingt irgendwie süß. Man fängt sie auf der Straße. Und zwar auf der realen, also weltlichen greifbaren Wirklichkeitsstraße, sozusagen richtig draußen.
Man nennt das: realidade aumentada, also erweiterte Realität. Also eine Verzahnung von Realem und Virtuellem. Eine Verbindung von Sichtbarem und Unsichtbarem. Das ist im Grunde nichts Neues, das gab es schon immer. Wassergeister weltweit, sogar in Deutschland, man denke nur an die Loreley. Trolle in Norwegen. Elfen und Trolle in Island. Geister in englischen Schlössern. Bigfoot, Einhörner, Vampire und Meerjungfrauen. Wir sehen sie nicht, aber sie sind immer da.
Die Pokémons sind nur die Ersten, die aufgeflogen sind, denen eine fiese App die Tarnkappe entrissen hat. Die Elfen, Trolle und Geister haben bisher Glück gehabt, aber das muss nichts heißen, denn was nicht ist, kann ja noch werden, die Welt entwickelt sich ständig weiter (s.o.).
Jetzt, wo sie sichtbar geworden sind, wird es für die Pokémons gefährlich.
Die Menschen verbringen ihre Zeit nicht mehr auf der Couch vor dem Fernseher, sondern gehen draußen auf die Jagd. Selbst die Kinder!
Die besten Jagdgründe kann man sogar googeln. In Portugal befinden sie sich oft in Uninähe. Ja, auch in Portugal gibt es Pokémons, sozusagen Portúmons. Am 
Cemitério de Mafamude in Vila Nova de Gaia hat ein Portúmon den ganzen Verkehr zum Erliegen gebracht. Und das an einem ganz normalen Montag. Wie soll das erst am Wochenende werden?
Wenn ich einen Rat an die Portúmons geben müsste, dann wäre es dieser: Lasst euch nicht weiterhin mit Bonbons und Sternenstaub abspeisen, sondern erkundigt euch, wie die Trolle und Elfen in Island es geschafft haben, unsichtbar zu bleiben und trotzdem eine Elfenbeauftragte im Bauamt zu bekommen.
Text: Annegret Heinold
ESA 09/16

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