Portugal für Träumer & Realisten

Ein 6 m x 1,5 m großes Beet bringt 145 kg Gemüse im Jahr. Sagt John. Wer John ist? Ich werde Ihnen einen kleinen Tipp geben – er ist der Autor der Aussteiger-Selbstversorger-Traum-vom-Leben- auf-dem-Land-Bibel, die damals alle im Gepäck hatten, als sie hier in Portugal ankamen.

Wir hatten das Buch natürlich auch. Die alternative Gemeinschaft oben in den Bergen hatte es. Die ehemalige Angestellte der Oldenburger Behörde und ihr handwerklich geschickter Mann auch. Sowie hunderte von Lehrern, die sich in der Algarve oder im Alentejo niederließen. Wenn schon nicht als Rentner, dann wenigstens in den Ferien oder für ein Sabbatjahr. Wahrscheinlich hatten Sie das Buch auch. Oder haben es immer noch (genau wie ich). „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour. Untertitel: Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer. Inhalt: Die Anleitung für den Traum vom Leben auf dem Lande für uns Städter-Realisten. John erklärt darin, wie man einen Nutzgarten anlegt und Kräuter züchtet. (Ich kannte damals nur grüne Bohnen aus der Dose.) Er beschreibt und illustriert, wie man Kühe melkt und Kälbchen füttert. Und Bienen einfängt. Sogar eine Anleitung zum Schlachten ist enthalten. So weit sind allerdings die wenigsten gegangen. Ich kannte aber jemanden, der die geschlachteten Tiere einmachte und die Gläser mit dem Namen der Kühe und Schweine beschriftete. Fritzi, Mitzi, Lisa. Was dazu führte, dass die Besucher das Essen immer mit etwas Befremden aßen. Aber das war damals das Motto: Wer Tiere ißt, der muss das aushalten. Wer das nicht wollte, der konnte Vegetarier werden. Überhaupt – die Besucher aus Deutschland! Während unser aller Bio-Öko-Traum durch portugiesisches Laissez-Faire langsam verwässerte, waren die Besucher aus Deutschland über-oberkritisch. Sie rügten Ellie, eine Mutter von zwei kleinen Kindern, die die Windeln in der mit Generator betriebenen Waschmaschine wusch. Wie konnte sie bloß! Öko-Sauerei!! Genauso kritisch sahen sie, dass ihr Mann Jens mit dem Auto ins Dorf fuhr statt mit dem Fahrrad. Bis Jens zu einem Besucher sagte: Weißt du was, für das Benzin, dass du auf deinem Flug von Deutschland nach Portugal verfliegst, können wir oft Windeln waschen und mit dem Auto ins Dorf fahren. Jens hatte es irgendwann auch satt, dass alle bei ihm aufs Außenklo gingen, so dass es ständig voll war. Er fand dafür eine geradezu geniale Lösung. Er stellte das Holzhäuschen-Außenklo in die Mitte der Bullenweide, und schon war das Problem gelöst. Das machte jeder genau einmal. Niemand sitzt gerne auf dem Klo, wenn draußen drei Jungbullen lauern. Waren die Bullen großgefüttert, wurden sie verkauft. Oder eingemacht (im wahrsten Sinne des Wortes). Maxim, Wiwi, Fritzi. Wie gesagt – so weit gingen die wenigsten. Aber so ein kleines Gemüsebeet von 6 m x 1,5 m mit Salat, Paprika und Tomaten, die unter südlicher Sonne reiften, davon träumten wir alle. Auf dem Monatsmarkt kauften wir Orangen- und Zitronenbäume. Büschel von Zwiebeln und kleine Salat- und Kohlpflanzen, die wir unter den skeptischen Blicken und verstohlenem Grinsen der portugiesischen Nachbarn mehr oder weniger unsachgemäß anpflanzten. Im besten Fall wenigstens nach Anleitung aus Seymours Band „Gemüse anbauen“. Nur an die Hühner habe ich mich nie so recht rangetraut. Aber jetzt sind drei Legehennen bei uns eingezogen. Lea hat sie auf dem Markt erstanden. Plus eine Tüte Hühnerfutter. Noch sind es keine Legehennen. Noch stecken wir in die Tiere vorne mehr Futter rein als hinten rauskommt. Oder ganz korrekt: Wir stecken vorne Futter rein, aber es kommt überhaupt noch kein Futter hinten raus. Aber laut Auskunft der Marktfrau soll es in wenigen Wochen soweit sein. Wir haben den Hennen noch keine Namen gegeben. Im Gespräch sind seit ein paar Tagen Grilled, Roasted und Fried. Nur als Scherz, natürlich. Obwohl – wenn die weiterhin nicht legen – dann, ja dann können wir für nichts garantieren, und mit Hilfe der 14 Illustrationen aus dem Kapitel „Geflügel“ werden sie ihrem zukünftigen Namen alle Ehre machen. Als Anregung, Wink mit dem Zaunpfahl und letzte Warnung haben wir ihnen jetzt ein Ei ins Nest gelegt. Manchmal frage ich mich, wieviel wir hier wohl zur Erheiterung der einheimischen Bevölkerung beigetragen haben, mit unseren Städter-Landwirtschaftsversuchen. Vermutlich haben wir uns ähnlich ungeschickt angestellt wie damals beim Wäschewaschen an der Quelle. Ein Sinti-Roma-Kind (so heißt das doch heute politisch korrekt, oder?) hat meinem Mann die Wäsche aus der Hand genommen und ihm gezeigt, wie es richtig geht. Mein Mann ist nie mehr zum Wäschewaschen mitgekommen. (Und wenn ich dieses Mädel, das ja jetzt eine erwachsene Frau sein muss, irgendwann mal wiedertreffe, dann kriegt sie von mir heute noch nachträglich eine hinter die Löffel, jedenfalls verbal). Sendungen wie „Versteckte Kamera“, „Big Brother“ oder „Dschungelcamp“ brauchten die portugiesische Landbevölkerung gar nicht, die hatten ja uns. Wir waren doch im Grunde die beste Doku-Soap, die die je hatten. Und falls sich jetzt jemand für die gute Unterhaltung, die wir geboten haben, bedanken möchte, dann sage ich großzügig auf gut Hamburgisch: da nich für. Das haben wir doch gerne getan. Und gelernt haben wir auch ganz viel. Und ich kann Grilled, Roasted und Fried nur raten, dass sie jetzt das Eierlegen lernen, denn sonst sehe ich mich gezwungen, doch noch das Schlachten zu lernen. Die Anleitung dazu liegt hier schon neben mir. Dank John.

Annegret Heinold

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