Modernices

Mit den Modernices ist es wie mit dem Cholesterin. Es gibt gute und schlechte. Beim Cholesterin heißen die schlechten LDL und die guten HDL. (Kann man sich gut merken. L wie low = tief = Wettertief. Und H wie high, also super Wetter mit Sonnenschein.)
Allerdings ohne Cholesterin ist auch keine Lösung, da könnten wir gar nicht leben. Zitat aus einem Artikel: „Es kann gar nicht genug betont werden: Cholesterin an sich ist nichts Schlechtes“. Das gleiche gilt für die Modernices. Ohne die würde Nordportugal immer noch unter Alfons dem Ersten in der Grafschaft Portucale leben und die Algarve wäre von Mauren besetzt.
Aber was sind denn diese Modernices nun 
eigentlich? Antwort: Modernices sind Neuigkeiten, Modernes.
Manches ist gut. Manches ist schlecht.

Es gibt Modernices, die nichts schaden. So wie zum Beispiel die neue Mode der Mal-bücher für Erwachsene. Gibt es von „Ausmalen“ über „Portoterapia“ bis „Zen-Malen“.
Bei „Portoterapia“ kann man das Stadtbild inklusive der mit Wäsche behängten Balkone ausmalen und lernt dabei noch etwas. Nämlich, dass Porto die Stadt ist, wo man die Unterwäsche seiner Nachbarn kennt.
Dass man in den öffentlichen Toiletten zunehmend Eintritt zahlt, ist eine Modernice, die mir weniger gefällt. Wie eine Krake breitet sich diese Unsitte aus. Von Lissabon aus infiziert sie das ganze Land. Zunächst war es nur der Bahnhof, jetzt hat es schon auf die Busbahnhöfe übergegriffen.
Täglich werden es mehr Toiletten, die man nicht mehr umsonst benutzen kann. Es ist kein freiwilliger Beitrag, wo man ein paar Münzen in einem Tellerchen hinterlässt. Nein – es ist eine knallharte Schranke und wer einen großen Koffer hat, der hat Pech. Der kann ziehen und würgen und sehen, wie er sein Tralala–Gepäck da durchzieht, das Handgepäck drüber, den Rollkoffer schräg drunter.
Ach, was war das schön, als die Toiletten hier noch kostenfrei waren!

Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo es ja schon immer was kostete. Das gibt zu denken. Ist Deutschland nicht dabei, Portugal zu zeigen, wie man vernünftig wirtschaftet? Ist es mit dem Unterschlupf unter den Rettungsschirm aufgeflogen, dass hier das ganze Land umsonst pinkeln geht?
Womöglich entdeckt von einem Mitarbeiter der Troika. Er kommt in Lissabon an. Muss mal (ja, auch Politiker sind nur Menschen). Und stellt fest, dass man mitten in Lissabon, und in der Algarve, und in Porto, also von Süden bis Norden, also im ganzen Land, einfach so umsonst kann. Na, da ist es ja kein Wunder, dass die hier finanziell nicht klarkommen. Denn wo kommen wir da hin, wenn da einfach jeder umsonst…, nicht wahr.
Und jetzt haben wir den Salat. Wer heute eine Reise tut, ist gut beraten, wenn er genügend 50-Cent-Münzen bei sich hat.

Also diese Modernice ist eine L-Modernice.
Aber es gibt bestimmt auch H-Modernices.
Mal überlegen. Muss doch was geben. Dass jeder zu jeder Zeit mit seinen Fingern übers Smartphone rutscht? Nein, das ist auch eher L.

Dass die Aufzüge zunehmend zu einem sprechen, um einem mitzuteilen, in welchem Stockwerk man sich befindet? Mmhh. Nö. Auch eher L. Besonders nachts, wenn man im Haus gegenüber wohnt, und der Aufzug spricht die ganze Nacht mit seinen spät nach Hause kommenden Bewohnern.
Aber es muss doch etwas geben…
Jetzt habe ich es! Eiscreme.
Noch vor drei Jahrzehnten war es praktisch unmöglich, hier leckeres Eis aufzutreiben. Heute gibt es gute Eisdielen an jeder Ecke. Also eindeutig eine H-Modernice. Womit wir allerdings wieder beim Cholesterin wären. Denn dafür ist das Eis jetzt nicht so gut…

Text: Annegret Heinold
In ESA 06/16

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