Mit allen zwölf Sinnen

Wie jetzt 12 Sinne? Zwölf? In der Tat sind sich die Wissenschaftler nicht einig, ob wir 5, 7 oder 21 Sinne haben. Erfassen wir Portugal also mal mit 
12 Sinnen. (Wer will, kann das Land natürlich gerne mit allen 21 Sinnen erfassen, da spricht ja nichts dagegen.)

Sehen
Was man in Portugal sehen kann? Soooo viiiiiel, dass es sinnlos ist, Tipps zu geben. Also einfach Augen auf und umgucken: weiße Häuser im 
Süden, schwarze Häuser aus Schiefer im Norden, graue Häuser aus Granit im Zentrum. Das Weiß des Schnees auf dem Gipfel der Serra de Estrela, das Grün der Wälder im Gerês, das Gelb der weiten Felder im Alentejo. Das Blau des Himmels.

Hören
Und jetzt die Augen zu und nur hören. Wie hört sich Portugal an? Das Schreien der Möwen am Wasser. Das Hupen der Autos in der Stadt. Das Klappern der Kaffeetassen in den Cafés. Der „Valsa“ des Akkordeons auf einem sommerlichen Dorfball.

Riechen
Der Geruch von gegrillten Sardinen, der Duft von Eukalyptus (ja, er zerstört den Boden, aber der Geruch!), der salzige Duft des Meeres. Der süße Duft von reifen Melonen in der Markthalle. Der schwere Duft von Jasmin.

Schmecken
Der Geschmack von Mandelkuchen in Alcobaça. Von frisch gebrühtem Café, Arroz de Marisco und von Farturas, dem Schmalzgebäck auf den Märkten.

Tasten
Fühlen Sie mal: der raue Granit eines Hauses in den Beiras; der körnige Sand unter den Füßen bei einem Strandspaziergang, das salzige Meerwasser auf der Haut; die Hände im Wind.

Der 6. Sinn – das Außer-Über-Anderssinnliche
Das ist Maria oben in den Bergen, die Bänderris-se mit Beten und Ritualen heilt. Die Frau, die „o mau olhado“, den bösen Blick, abwenden kann. Der Laden, der Gliedmaßen aus Wachs verkauft. Das sind all die Gelübde von Alfons dem Eroberer bis zu den Gläubigen, die Cavacas vom Dach der Kapelle S. Gonçalinho werfen. Und das Wunder von Fátima.

Der 7. Sinn
Der siebte Sinn ist, wie jeder weiß, der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland ferngesehen hat, der Verkehrssicherheit gewidmet. Wie fühlt sich der 7. Sinn in Portugal an? Nach schnellem Start bei grüner Ampel, blockierten Kreuzungen und illegalem Parken.

Gefühle
Oh ja – es gibt Wissenschaftler, die auch das für einen Sinn halten. Und warum nicht. Dieser Sinn fühlt sich in Portugal nach Saudade an, nach Fado in alten Tascas, nach melancholischen Filmen. Und nach Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

Thermorezeption
Für den Sinn der Temperaturempfindung hat Portugal einiges zu bieten. Glühendheiß im Sommer, feuchtkalt im Winter. Die Temperaturen schwanken von minus 10 bis plus 50. Eine Herausforderung für die Thermorezeptoren. Ganz besonders im Winter vor einem Kamin in einem Haus im Alentejo: vorne heiß und hinten kalt. Das trainiert die Sinne.

Nozizeption
Das lassen wir lieber weg. Sinn für Schmerz-empfindung. Ab damit ins Krankenhaus. Wenn Schmerz, dann Seelenschmerz, also Saudade, und damit der Sinn für Gefühle (s.o.).

Propriozeption
Das Gefühl für Eigenwahrnehmung, das Wahrnehmen des eigenen Körpers im Sinne von: zu wissen, wo sich der eigene Fuß befindet, ohne es durch den ersten Sinn Sehen wahrzunehmen. Wie das bei den Portugiesen ist? Ja, woher soll ich das wissen. Ich stecke doch nicht drin!

Zeit
Das ist der einzige Sinn, für den die Wissenschaftler keine Rezeptionsmechanismen beim Menschen nachweisen können. Wahrscheinlich gibt es keine. Jeder, der in Portugal lebt, kann das bestätigen. Der Verdacht, dass beim Menschen kein Zeit-Sinn existiert, liegt in diesem Land besonders nah.

Text: Annegret Heinold
ESA 10/2015

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