Mercado de Natal?

Es war einmal, in einer Zeit, als man noch nicht darüber diskutierte, ob Weihnachtsmärkte korrekterweise in Wintermärkte umbenannt werden sollten, also in der guten alten Zeit, die nicht immer gut war, aber die in der Erinnerung ja bekanntermaßen immer besser wird, also in dieser Zeit fuhr ich mit meiner alten Casal zum Monatsmarkt.
Er fand im Dezember statt, irgendwann vor Weihnachten, war aber in der Tat weder ein Weihnachts- noch ein Wintermarkt, sondern ein ganz normaler Monatsmarkt, wie er an jedem zweiten Montag im Monat stattfand.
Was eine Casal ist? Ein Moped. Eins von diesen 50 cc Zweirädern, die damals das übliche Transportmittel in Südportugal waren. Manchmal fand eine ganze Familie darauf Platz. Plus Einkäufe. Dafür ohne 
Helme. Hauptmerkmale dieser Zweiräder: laut, also LAUT, und unzuverlässig. Allerdings zuverlässig in ihrer Unzuverlässigkeit. Ein Ausflug in die Stadt = ein Besuch in der Werkstatt. Das Gute: die Reparaturen wurden gleich erledigt, und man konnte sie in der Werkstatt klönschnackend abwarten. Und der Preis so einer Reparatur – defekter Benzinschlauch, verstopfter Vergaser, gerissenes Bremskabel – war den damals üblichen Budgets angepaßt.
Wenn man Glück hatte, kam man mit ein paar hundert Escudos weg. Und die neuesten Klatschgeschichten und Gerüchte gab es kostenlos dazu. Manchmal auch einen Ausflug in noch ältere Zeiten, in die einen andere Wartende in der Werkstatt verbal mitnahmen. Zeiten, in denen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet wurde, Tageslohn 25 Escudos, und ein Fahrrad ein fast unerreichbares Ziel war. Zeiten, in denen man von einem Moped nicht einmal zu träumen wagte.
Danach ging man getröstet weg. Froh in einer Zeit zu leben, in der jeder ein Moped hatte. Was machte da schon ein verstopfter Vergaser! Oder das Knattern und der Lärm.
Ich weiß noch, was ich damals auf diesem Markt kaufte.
Es war ein sonniger Dezember-Montag. Ich traf Marlene, ihr Mann war auch in Deutschland, genau wie meiner. Sie kaufte einen Topf aus Aluminium. Ich kaufte einen Orangenbaum, eine Kuchenform, für die man keinen Ofen brauchte, und Glaszylinder für Petroleumlampen. Die Zylinder wurden in graues dickes Papier gewickelt, und kamen erstaunlicherweise immer heil zu Hause an. (Im Gegensatz zu dem Moped, das ja jedes Mal eine Reparatur brauchte. Den Umkehrschluß, dass Glaszylinder stabiler als Mopeds seien, möchte ich aber trotzdem nicht ziehen). Außerdem kauften wir je ein Flanellhemd als Weihnachtsgeschenk für unsere Männer. Und ein Päckchen mit getrockneten Feigen, die mit Mandeln gespickt waren, und die wir gleich im Café am Marktausgang aßen.
Dann fuhr Marlene in ihrem alten Ford nach Hause und ich packte meine Einkäufe in die Eselskörbe, die am Gepäckträger meiner Casal befestigt waren. Der Orangenbaum kam über den Lenker. Quer.
Von Weihnachten war damals auf dem Markt nicht viel zu sehen. Es gab keine Weihnachtsbäume, obwohl wir gerne welche gekauft hätten.

Keine Weihnachtslieder.
Keinen Glühwein.
Keinen Schnee.
(Natürlich nicht, in Südportugal).
Fazit: keine Weihnachtsstimmung.

Am 24. Dezember war ich bei strahlendem Sonnenschein am Strand.
Am späten Nachmittag kam mein Mann gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsessen aus Deutschland zurück. Er brachte mir einen Pullover mit. Ich schenkte ihm das Flanellhemd vom Markt, der weder ein Weihnachtsmarkt noch ein Wintermarkt war, und irgendwie doch alles gleichzeitig, denn er fand im Winter statt und wir und auch alle anderen kauften für Weihnachten ein.

Text: Annegret Heinold
In ESA 12/15

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