Happy Frango

Plötzlich ist es ein Ritual. Und jetzt hat es sogar einen Namen: Happy Frango. Glückliches Hähnchen. Ein im Grunde in die Irre führender Name, denn die frangos sind ja nicht happy darüber, auf dem Grill zu liegen. Obwohl, zu dem Zeitpunkt ist es ihnen egal, sie sind ja schon tot. Aber vorher … aber lassen wir das.
Hauptsache wir sind happy. Es geht nämlich nichts über ein gebratenes Hähnchen auf dem Markt – unter freiem Himmel gegrillt, gut gewürzt, Haut kross, fast schwarz. Dazu Salat, Reis, Pommes. Offener Wein. An einem langen Tisch mit Plastiktischdecke in Gesellschaft anderer Marktbesucher.
Als erstes geht man über den Markt. Ich rede hier vom echten Wochenmarkt. Also einmal in der Woche oder zweimal im Monat auf einem staubigen Gelände am Rand der Stadt. Es gibt sie nämlich noch, die Märkte, auf denen man alles bekommt. Und ­günstig! Drei Paar Hausschuhe für fünf Euro. (Wer braucht drei Paar Hausschuhe?). Gelbe Plastik­schüsseln. Aluminiumtöpfe in Partygrößen. Und enxadas. Jetzt sagen Sie bloß, Sie kennen keine enxadas? Eine enxada ist doch die Grundausstattung eines jeden Residenten mit einem Stückchen Land. Die erstandene enxada trägt man stolz auf der Schulter über den Markt, den Walnußbaum in der einen Hand, die Tüte mit den Lauchpflänzchen in der anderen.
Lauch heißt übrigens alho francês, und es lohnt sich das zu wissen, denn solange man alho francês für eine französische Knoblauchvariante hält, zahlt man das Doppelte, da der deutsch- oder englischsprechende Verkäufer zehn statt fünf Cent pro Pflänzchen nimmt.
Einer der schönsten Stände (neben dem Hähnchen-Grill) ist der „Wühlstand“. Hier kostet ein Kleidungsstück 2 Euro (ZWEI!). Wo kommen diese Klamotten her? Die Ware dieses Standes ist eines der Rätsel des portu­giesischen Lebens. Es gibt Leinenjackets,
Pullover, Shirts. Man zieht, prüft, wirft zurück. Wühlt und wählt.
Ich entscheide mich für eine dicke Strickjacke in Königsblau, die drei Kilo wiegt und mich durch den portugiesischen Winter bringen wird. Die Tochter einer Freundin kauft einen hippen Pullover und eine bunte Hose, die in Deutschland das Fünffache kosten würde.
Dann ziehen wir weiter, die Trophäen-Tüten in der Hand. Es ist kurz vor zwölf. Der Duft von gebratenen Hähnchen zieht über das Marktgelände. Bei Happy Frango belegen wir einen ganzen Tisch. Wir sind zehn Leute und bestellen acht Portionen Hähnchen. Der Vegetarier nimmt den Bacalhau. Der Bekannte von Freunden nimmt gar nichts. Das Ganze ist ihm nicht geheuer. Wackelige Plastikstühle. Die Tische stehen mit den Beinen im Staub. Die Bedienung wischt lässig mit einem Lappen über die Plastiktischdecke, ehe sie die Teller auf den Tisch stellt. Das ist ihm nicht nur nicht geheuer, das ist ihm so richtig suspekt.
„Was´n mit dem los?“, fragt mich M. „Der sieht ja aus, als ob man ihm sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat.“
Aber das isses auch. Von da an ignorieren wir ihn. Wollen wir uns hier von einem Hygiene-Fanatiker unser Happy Frango kaputt machen lassen? Nö – wollen wir nicht. Wir lieben unsere Markt-Grill-Hähnchen, mit und ohne Piri-Piri. Die lassen wir uns nicht madig machen.
Und jetzt kommt auch noch der Mann mit dem Akkordeon. Muss ich noch extra erwähnen, dass es ein Knopf-Akkordeon ist? Wir suchen nach einer Münze für den Musiker und wissen: Dieser zweite Montag im Monat, der ist schon was ganz Besonderes. Da ist nicht nur ein Ritual, das ist eine Institution. Wir reden hier nicht mehr von Happy Frango, wir reden von Happy Frango ™.

Text: Annegret Heinold
ESA 11/2015

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