Etwas fehlt…

Eines Tages merkt man: Es ist weg. Man fragt sich: Wann ist es eigentlich verschwunden? Und wieso hat man es nicht schon längst bemerkt?

Etwas ist nämlich aus unserem Leben verschwunden. Und wenn Sie in Portugal wohnen oder hier öfter Urlaub machen, und Auto, Moped oder Motorrad fahren, dann ist es Ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen. Denn jedes Fahrzeug muss ja mal in die Werkstatt. (Leider.) Und so haben Sie es vermutlich auch schon gemerkt. Etwas, das jahrzehntelang zum festen Bestandteil jeder portugiesischen Autowerkstatt gehörte, ist verschwunden. Kleiner Tipp: Es hing an der Wand. An allen Werkstattwänden. Von der Wand der großen unordentlichen Werkstatt unten am Hafen in Setúbal bis zur kleinen Autowerkstatt oben in den Bergen von Melides. Dort gab es keine Hebebühne, sondern die Autos wurden auf eine Art Schacht gefahren. Da stand der Mechaniker dann unter dem Auto, guckte nach oben und suchte den Schaden. Und wenn er Pech hatte, tropfte ihm das Öl direkt ins Gesicht. Ich hatte mal einen alten Morris Marina (ja, das ist ein Auto). Ein Zweisitzer mit Ladefläche und Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 km. Jetzt fahre ich schon lange keinen Morris Marina mehr (zum Glück!). Und ich habe auch schon lange keinen mehr auf der Straße gesehen. Kein Wunder, mein Morris Marina war damals auch mehr in der Werkstatt als auf der Straße. Und wenn er auf der Straße war, landete er oft in der Werkstatt. Und zwar immer dann, wenn es morgens vor zehn Uhr und unter zehn Grad war. Dann blieb er nach zehn Kilometern stehen. In der Nähe der Werkstatt ohne Hebebühne oben in den Bergen. Ich lief zu Fuß zur Werkstatt. Der Mechaniker kam und konnte den Schaden nicht finden. Und nach einer Weile sprang das Auto dann wieder an. Das war mein orangefarbener Morris Marina, für den man jedes Teil dreimal bestellen mußte, weil die beiden ersten nie passten, denn das Auto lief mit einem Sammelsurium von Teilen. Ich sage nur: Scheibenwischermotor vom Lastwagen. Wer baut einen Scheibenwischermotor für Lastwagen in so einen PKW ein? Aber ich bin vom Thema abgekommen. Und obwohl ich versucht habe, Sie abzulenken, sind Sie bestimmt mittlerweile darauf gekommen, was es früher in den Autowerkstätten gab. Und was heute fehlt. Richtig. Die Michelin-Kalender mit den halbnackten Frauen und den Reifen. Eine langhaarige Mieze – mit oder ohne BH – in Hotpants auf, über, in oder neben einem Reifen. Oder zwei Reifen. Oder drei. Diese Kalender hingen doch in jeder Werkstatt. Werkstatt bedeutet hier: ein halbdunkler Raum. Eine Werkbank in der Ecke. Eine Sammlung Werkzeuge wie vom Sperrmüll. Und ein Mechaniker, dessen Ausbildung aus langer Erfahrung, geprägt von viel Versuch und Irrtum, bestand. Wie sagte die Friseuse über das Mädchen, das bei ihr den Boden fegte? Se tiver olhinho – wenn Sie ein gutes Auge hat – wird sie eines Tages auch Friseuse. So war es hier früher mit den Ausbildungsberufen. Dafür lief ́s doch eigentlich richtig gut. Jedenfalls – die meisten Mechaniker hatten Olhino und Mãozinho und Jeitinho und die Reparaturen gingen meist gut aus. Und an jeder Wand hing der obligatorische Kalender. Wahrscheinlich für ́s Olhinho. Was sage ich – ein Kalender? Mindestens! Die alten Kalender wurden nämlich nicht entsorgt, sie blieben an der Wand hängen. Manchmal einfach übereinander, an einem Nagel in der Wand. Manchmal nebeneinander, an vielen Nägeln in der Wand. Mir war das ja immer ein bisschen peinlich. Man steht als Frau, also – äh – frau steht also in dieser Werkstatt, meist inmitten lauter Männer, und von der Wand guckt die halbnackte Reifenschönheit auf einen runter. Aber wissen Sie was? Selbst das ist heute im Rückblick eine schöne Erinnerung. Damals genervt von der langen Wartezeit, heute eine Erinnerung an schöne Stunden. Ich stehe in der Werkstatt in diesem kleinen Dorf im Alentejo, während António den Betonmischer repariert, dessen Schaden er im Grunde selber mit verursacht hat. (Er hat uns den Betonmischer nach einer Überholung ohne Öl zurückgegeben / Einmal anlassen – und der Motor war hin / Wir sind über unseren deutschen Schatten gesprungen und haben uns nicht beschwert, und sind mit einer jahrelangen Freundschaft belohnt worden). António erzählt aus der Vergangenheit und repariert dabei Betonmischer, Moped oder Auto im zeitlichen Verhältnis von 90 : 10. Eine Reparatur gewürzt mit Geschichten aus der alten Zeit und Anekdoten. Eine Reparatur mit einer Lehrstunde in politischer Ökonomie aus der Zeit der Diktatur. Ein Live-Bericht über die Zeit des Widerstands in den Jahren vor der Revolution. Sah António einen Wiederspruch zwischen kommunistischer Lehre und halbnackten Frauen? Nein, natürlich nicht. Was sollte der Kommunismus gegen hübsche Frauen haben? Und jetzt sitze ich im Hier und Jetzt in dieser Werkstatt, während mein Auto vier nagelneue Reifen bekommt (Mist, das wird teuer, wie bezahlen die Leute hier das alles? / Ein Rätsel in politischer Ökonomie, dieses Mal zeitgenössisch). Es ist eine Halle. Großzügig. Hell. Gut ausgeleuchtet. Das Büro hat Glaswände. Die Autos sehen alle top aus. (Ein Morris Marina ist nicht dabei.) Die Angestellten tragen Uniform. An der Wand hängt Reklame für Autos. Und niemand erzählt mir Geschichten oder Anekdoten. Und da fällt es mir plötzlich auf. Das, was fehlt. Von einem Kalender mit aufreizend auf Reifen drapierten halbnackten Miezen ist in dieser Werkstatt der Neuzeit keine Spur. Ist das gut oder schlecht? Ehrliche Antwort – keine Ahnung.

Annegret Heinold

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