Die vergessenen Bücher der Revolution

Am 25. April 1974 war die portugiesische Nelkenrevolution. „Das war die Zeit, als wir noch Träume hatten“, hat mal ein Bekannter gesagt, als wir (vermutlich bei einer oder zwei Flaschen Alentejo-Rotwein) über die 70er und 80er Jahre redeten. In diese Zeit der Träume fiel die Nelkenrevolution in Portugal. Und wurde in Deutschland dementsprechend begeistert aufgenommen.
Die Uni Hannover führte ein Forschungsprojekt mit dem Titel: „Modernisierung und Unterentwicklung in Südportugal 1950 – 1990“ durch. Ein Beispiel in der Studie war der Ort Melides, ein kleiner Ort an der Westküste des Alentejo. Die Bevölkerung war – kein Wunder nach fast fünfzig Jahren Diktatur – äußerst mißtrauisch gegenüber jeder Art von Befragung.
Es wurden Einheimische angeheuert, die die Landbevölkerung interviewen sollten. Was für ein Gedanke, als ob auch nur eine portugiesische Kleinbäuerin irgendwem die Anzahl ihrer Tiere verrate würde. Erfahrungsgemäß führte jede Angabe zu Steuern und anderen Nachteilen. Dementsprechend realitätsfern fielen die Ergebnisse aus. (Aber wahrscheinlich trifft das nicht nur auf diese Studie zu).
In dem Buch „Die vergessene Revolution“ von Michael Vester findet man Berichte von Deutschen, die auf Kooperativen geholfen hatten. Es gab Sprachprobleme, da die meisten Helfer kein Portugiesisch sprachen. Die deutschen Frauen versuchten die gewachsenen Strukturen der getrennten Männer- und Frauengesellschaft aufzubrechen, indem sie in die nur von Männern besuchte Kneipe gingen. Und lehnten die Essenseinladungen portugiesischer Frauen ab, um ihnen keine Arbeit zu machen.
Und die Landarbeiter wunderten sich, dass die Deutschen sich diese langen Aufenthalte in Portugal leisten konnten. Mussten die denn nicht zu Hause Geld verdienen? Da prallten in der Tat zwei völlig verschiedene Welten aufeinander.
Der Mitteldeutsche Verlag Halle brachte eine Solidaritätsbuch heraus: „Grândola. Reportagen aus Portugal“. Ohne Gliederung und roten Faden erzählen die Texte von der Stimmung im Land. Schwarz-weiß Fotos zeigen das zerfurchte Gesicht eines Landarbeiters, die Parolen an den Wänden, die Menschen auf der Straße. Farbfotos zeigen Menschen mit Fahnen der PCP, den Blick auf slum-ähnliche Häuschen am Lissabonner Stadtrand und die rote Fahne der PCP auf der Krone einer Kork-eiche in der Weite des Alentejos.
Zwei Deutsche besuchten den Liedermacher José Afonso in Portugal. In ihrem Buch: „Eh, Zeca Afonso“ stellten sie den Liedermacher vor, dann folgten die Liedtexte auf Portugiesisch und Deutsch. Nicht nur das Lied „Grândola, Vila Morena“ war während der Diktatur verboten gewesen, auch viele andere Lieder von José Afonso, wie zum Beispiel das Lied über Catarina Eufémia: eine Landarbeiterin aus dem kleinen Ort Baleizão bei Beja, die wegen der Bitte um Lohnerhöhung von der GNR erschossen wurde.

Chamava-se Catarina
O Alentejo a viu nascer
Serranas viram-na em vida
Baleizão a viu morrer.
Ihr Name war Catarina,
sie wurde im Alentejo geboren,
die Frauen in den Bergen sahen sie leben,
Baleizão sah sie sterben

Layout, Fotos, Organisation und Konfusion“ steht im Impressum des Buches „Eh, Zeca Afonso“, gefolgt von den Namen der Autoren. Das ist richtig klasse, so was würde sich doch heute keiner mehr trauen. Was für Zeiten! Wieviel Engagement, Hoffnung und Träume in diesen Büchern stecken. Schade, dass sie vergriffen sind. Aber ich hoffe trotzdem (und von mir aus auch gegen jede Vernunft), dass sie nie ganz in Vergessenheit geraten, die Bücher aus der Zeit, als wir noch Träume hatten.

Text: Annegret Heinold, Foto: Henrietta Bilawer
In ESA 04/16

Share.

Comments are closed.