Der Zahnarzt und der Chihuahua

Ich sage es mal so: die sogenannte gute alte Zeit war nichts für Weicheier, Warmduscher und zimperliche Nancys. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass die Kinder von heute in den fünfziger Jahren keine drei Tage überleben würden. Und wenn es die Zahnarzt-praxis in Grândola von damals heute noch gebe, dann bestimmt nicht mehr lange, denn die ASAE würde sie schließen. Und zwar auf der Stelle. Schon wegen des Chihuahuas.

So ein neues Jahr fordert einen Rückblick ja geradezu heraus. Wieder ein Jahr vorbei und damit in der Kategorie Gute Alte Zeit. Denn mit der Zeit ist es wie mit Portwein. Je älter, desto besser. Je länger die Erinnerungen gelagert werden, desto schöner werden sie. Und aus einem Zahnarztbesuch in einer Nicht-Praxis in Grândola mit langsamem Bohrer und kläffendem Chihuahua wird ein klassischer Portwein Vintage 1985.

Mein Zahnarztbesuch begann damit, dass ich überhaupt erstmal einen Zahnarzt finden mußte.

Ich ging also in das Papiergeschäft, in die Drogaria und auf die Post und fragte nach einem Zahnarzt. Bis irgendwo irgendwann irgendjemand wußte, wann und wo der Zahnarzt praktizierte. Und zwar: jeden dritten Donnerstag in dem roten Gebäude mit der grünen Tür, in der Nähe der Câmara, dem Rathaus.

Nächster Schritt. Den dritten Donnerstag abwarten, zum bezeichneten Gebäude gehen, im Gang sitzen und warten. 
Termin per Telefon? 1985? Quem quer, vem. Quem não quer, telefona. 
Wer was will, der kommt. Wer nichts will, der telefoniert. 
Das war damals die Einstellung.

Nächster Schritt. Paciência. Geduld. Eine Eigenschaft, ohne die man oder frau im Alentejo oder überhaupt in Portugal in den achtziger Jahren gleich einpacken konnte. Eine der wichtigsten Eigenschaften überhaupt. Die größte Herausforderung, die das Universum uns allen schenkte um Paciência zu lernen, war übrigens die Postfrau von Grândola. Die hatte es wirklich drauf, noch das letzte aus uns herauszukitzeln. Und wenn es eine Weltmeisterschaft im umständlichen Briefmarken verkaufen geben würde, sie hätte den ersten Platz verdient.

Also Wartezeit im Korredor nutzen und Paciência üben.

Nicht an Hamburg und die Zahnarztpraxis am Klosterstern denken.

Weiter warten

Sich klarmachen, dass es in Portugal trotzdem schöner ist als in Deutschland. Schon das Klima! Viel besser als in Deutschland.

Und dann ist es endlich soweit. Eine Frau im Kostümchen mit einem Chihuahua auf dem Arm bittet mich in die „Praxis“. Ein Raum wie ein Wohnzimmer, leer bis auf einen Schreibtisch und den Zahnarztstuhl.

Der Zahnarzt unterhält sich mit der Assistentin, während er den fußbetriebenen Bohrer betätigt. Ich finde, er sieht öfter zu der Assistentin im Kostümchen als in meinen Mund. (Das kann ich sogar verstehen. Aber es ist trotzdem nicht gut). Die Assistentin spielt mit dem Chihuahua, der ihr über das Gesicht und die Hände leckt. 
Die Assistentin reicht dem Zahnarzt die Geräte. Ich versuche weder an die Praxis am Klosterstern noch an die Spucke des Chihuahuas zu denken.

Denn ich weiß, was die Alternative zu dieser Zahnarztpraxis ist. Nämlich das, was die meisten hier auf dem Land machen, aus finanziellen Gründen, weil man die Behandlung beim Zahnarzt selber zahlen muss. Sie lassen sich alle Zähne ziehen und ein künstliches Gebiss machen.

Die künstlichen Gebisse werden von Henrique hergestellt. Er hat mir mal seine Werkstatt  gezeigt, eine dunkle Kammer, in der die ganzen Einzelteile liegen, aus denen er die Gebisse bastelt. Die rosaroten Plastikgaumen. Die Kästen mit den Zähnen in Verschiedenen Farben und Formen. Ich sah auf seine Hände, und dachte: diese Hände haben jemanden umgebracht, denn Henrique hatte vor Jahren im Streit in Grândola einen Mann erschossen. Jetzt hatte er seine Strafe abgesessen.

Warum ich mit in seine Werkstatt gegangen bin? Er war ein Freund von Bekannten. Irgendwie konnte ich das schlecht ablehnen. (Das wird mir erst jetzt klar: ich gehe lieber mit einem Ex-Mörder in eine dunkle Kammer als Nein zu sagen. Mmhh. Nicht gut, eigentlich).

Also weiß ich, was mir blüht, wenn ich hier vom Zahnarztstuhl aufstehe und gehe. Dann müssen meine Zähne irgendwann alle gezogen werden und Henrique wird mir ein rosarotes Plastikgebiß basteln.

Ja, die gute alte Zeit war keine Zeit für Warmduscher, Weicheier und zimperliche Nancys.

Im Portwein Vintage Jahr 1989 wechselte ich zu Dra Silvia. Dra Silvia liebte politische Diskussionen und behandelte meine entzündete Zahnwurzel vom geteilten Deutschland über Honeckers Rücktritt bis zur Maueröffnung. Und als die Mauer offen war, war mein Zahn zu. Das steht natürlich in keinem kausalen Zusammenhang. Es war einfach ein unbedeutender zeitlicher Zufall.

Im Portwein Vintage Jahr 1997 saß ich bei Dr Marcelo auf dem Zahnarztstuhl und lernte durch seine Erzählungen aus Brasilien als Sekundär-Gewinn Brasilianisch, während er däntschi sätschi (= dente sete = Zahn sieben) behandelte. Und daß ich heute in der Lage bin, einer brasilianischen Telenovela zu folgen, habe ich zu großen Teilen ihm zu verdanken. Das sieht man mal wieder, dass doch alles für was gut ist.

Jetzt bin ich bei Dr Pedro. Nagelneue Praxis in neuem Gebäude. Technik vom Feinsten. Hi-Tec Bohrer. Jedes Röntgenbild sofort abrufbar. Und die Entwicklung meiner Zahnbehandlung wird mit einer Digitalkamera dokumentiert. Kein Chihuahua.

Und die Zahnarzthelferin trägt einen weißen Kittel.

Ja, ein Vintage Port ist schon etwas Feines – aber beim Zahnarzt ziehe ich die neue Zeit vor. Ich bin eben doch eine zimperliche Nancy.
Annegret Heinold
ESA 2/14

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