Der Adeira Wanderpokal

…oder der Wunsch, einen Ort mit nach Hause zu nehmen

Ich gebe es nicht gerne zu, aber wie alle anderen kaufe auch ich Souvenirs. Einerseits stehe ich fassungslos vor dem Touristenkitsch, der trillionenfach in den Souvenirshops verkauft wird, und andererseits stehe ich selber im Souvenirshop und spiele mit dem Gedanken etwas zu kaufen, sobald ich mehr als 75 km von meinem Heimatort entfernt bin.
Zum Glück kann ich oft widerstehen. Ich habe immer noch keine gelbe Straßenbahn am Kühlschrank. Ich besitze auch keinen Alfons I
als Hampelmann. Allerdings habe ich ein Kartenspiel mit Zitaten von Fernando Pessoa. Aber das ist ja im Grunde kein Souvenir. Das zählt als Literatur. Schließlich ist Fernando Pessoa DER Dichter des 20. Jahrhunderts.
Und ich habe aus Tomar einen Tempelritter mit nach Hause gebracht. Warum ich den gekauft habe? Tja. Wenn ich das wüsste. Vielleicht weil so viele Ritter im Laden standen und dieser so aussah, als ob er ein Zuhause brauchte. Jetzt steht er hier bei mir im Regal, mit seinen drei roten Tatzenkreuzen. Ja, drei! Eins auf der Brust, eins auf dem Rücken, eins auf dem Schild.
Ist natürlich immer noch besser als ein 
von der Straße gerettetes und nun dauer-
miauendes Souvenir. Mein Ritter steht bewegungslos im Regal. Das kleine graue Bündel dagegen, das hier seit gestern im Haus wohnt und im Moment eher wie eine Ratte als 
eine Katze aussieht, macht richtig Arbeit. 
Ist aber zum Glück nicht meins, sondern 
gehört meinen Mitbewohnern, die es jetzt 
mit Spezialbabyflasche und Spezialkatzenbabymilch aufpäppeln.
Ich habe stattdessen meinen pflegeleichten Tempelritter. (Ach, wenn doch jeder Ritter an unserer Seite so pflegeleicht wäre! Aber das nur nebenbei.) Außerdem besitze ich 
einen bunten Keramikbecher aus Madeira. Den habe ich von meiner Schwester, die 
mit mir auf Madeira war. Ich hatte Campingbecher, Tauchsieder und Teebeutel. Sie hat den bunten Madeirabecher gekauft. So konnten wir gemütlich abends im Hotel 
Tee trinken. (Meist wurde es dann allerdings doch eine Flasche Wein. Aber die löbliche 
Absicht war da.)
Am Ende des Urlaubs war es nur noch ein Iadeira-Becher. Und da sie sowieso lieber aus dünnwandigen Tassen trinkt, landete der Becher bei mir. Mittlerweile ist das M ganz 
ab, und ich habe einen Adeira-Becher.
Freunde haben eine Metalltafel an der Wand, auf der sich Kühlschrankmagneten aus der ganzen Welt tummeln. Eine Bekannte bringt sich aus jeder Stadt einen kleinen Löffel mit. Sobald sie in eine Stadt kommt, macht sie sich als Erstes auf die Suche nach den Souvenirlöffeln. Früher klebte man sich Aufkleber auf die Reisekisten. Später steckte man sich Pins an den Hut. Jetzt sind es die Magneten am Kühlschrank.
Was wird das Nächste sein? Eine Mode 
löst die nächste ab. Zunächst war es der Hahn von Barcelos. Jetzt ist die Sardine im Kommen. Schon gibt es sie nicht nur in der Dose (also zum Essen), sondern aus Keramik, Stoff und Metall.
Wird es eines Tages digitale Souvenirs geben? Aber was schreibe ich denn da! Natürlich gibt es längst digitale Souvenirs. Die Fotos!
Und wofür ist das alles gut? Um ein Stückchen vom Urlaub und vom Land mit nach Hause zu nehmen? Lohnt sich das? Vale a pena? „Tudo vale a pena se a alma não é pequena“ heißt es in einem Gedicht von Fernando 
Pessoa. Alles lohnt sich, wenn die Seele nicht klein ist. Eine Verszeile, die unverständ
licherweise auf dem Kartenspiel fehlt. Aber wahrscheinlich kommt sie irgendwann als Kühlschrankmagnet. Und dann kaufe ich sie. Aber auf der Stelle.
Text: Annegret Heinold
ESA 07/16

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