Das Rätsel Portugal

Als ich ein junges Mädchen war, fand ich – irgendwo im Bücherschrank meiner Eltern oder vielleicht auch auf dem Dachboden oder im Keller in einer vergessenen Kiste – zwei Bücher. „Das Mädchen, das den Teufel fuhr“ und „Das Rätsel Manuela“. Beide hatten einen roten Einband aus Stoff, waren 1939 erschienen und beide waren wunderbar kitschig.

Was das mit Portugal zu tun hat, fragen Sie? Ja, das ist doch offensichtlich.
Erstens das Jahr. In dem Jahr, in dem die beiden Bücher das Licht der Welt erblickten, wurde auch Anibal Cavaco Silva geboren. (Was das für Portugal bedeutet, kann jeder für sich selbst entscheiden).
Zweitens fahren die hier in Portugal zwar nicht den, aber doch wie der Teufel. Okay – es sind nicht alle, und es ist in den letzten Jahren etwas besser geworden, das gebe ich zu. Vielleicht ist es aber auch nur gefühlt besser geworden und das auch nur für mich, weil ich in Lissabon und Porto nicht mehr Auto fahre. Und im Sommer in der Algarve schon gar nicht. Und drittens ist Portugal oft ein Rätsel. Oder verstehen Sie hier etwa immer alles?
Diese kleinen Läden in den kleinen Gassen zum Beispiel, in denen man Pullover erstehen kann, die völlig aus der Mode sind. Läden, in denen man nie jemanden sieht – außer der Besitzerin natürlich. Wie überleben diese Läden? Kostet so ein Laden nicht Geld? Miete, Steuern, Versicherung, Strom? Ein Rätsel. Machen die es mit ihren Pullovern so wie früher die Gemüsefrau am Woldsenweg in Hamburg-Eppendorf, wo erst die alte Ware wegmußte, ehe es neue gab? Das ist bei Obst und Gemüse schon kein gutes Konzept, aber bei Mode ist es völlig daneben. (Retro hin, Retro her).
Man fragt sich auch, warum so viele Orte so schlecht beschildert sind. Ich sage nur: Thermen im Monchique. Dreimal im Café und Passanten gefragt. Dreimal an der gleichen Stelle im Kreis gefahren, bis meine Freundin Elsa sagte: Já nem as quero ver, já não me apetece. Auf Deutsch: Jetzt will ich sie gar nicht mehr sehen, jetzt habe ich keinen Bock mehr drauf.
Das war im Süden Portugals. Aber im Norden ist es auch nicht besser. Beispiel: as pedras parideiras. Die gebärenden Steine.
Ein fast einzigartiges geologisches Phänomen, das es nur in Portugal und bei St Petersburg gibt. Es geht bei diesem Phänomen – in laienhaften Worten kurz erklärt – um Steine, die Babys bekommen. Glänzende Biotit-Linsen dringen aus dem Granit an die Oberfläche. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Allerdings mußte ich wegen unzureichender Ausschilderung ein paar hundert Kilometer mehr dafür fahren. Zweimal habe ich mich auf die Suche gemacht. Das zweite Mal waren wir zu fünft. Plus GPS. Da haben wir es dann endlich gefunden.
Dort, wo die Babysteine geboren werden, ist ein kleines feines Info-Center, das einen ausgezeichneten Film über die Entstehung der Welt zeigt. Die Größe des Info-Centers ist völlig ausreichend – schließlich findet kaum jemand hin. Ist das womöglich Absicht, weil alle Besucher (wir auch) in Versuchung kommen, die Steine einzusammeln? Schließlich bewirken diese Steine angeblich Wunder! Also sagt man sich im Info-Center: Wenn keine Besucher kommen, wird auch keiner Steine sammeln. Schildern den Anfang aus, weil es etwas Besonderes ist. Und lassen am Ende des Weges die Schilder weg. Also was nun – will man Besucher oder nicht? Ein Rätsel.
Solche Beispiele gibt es von Süd bis Nord, von Ost nach West. Ein Land mit einer Beschilderung, als wäre es im Guerillakrieg. Variante zwei der portugiesischen Guerilla-Beschilderung: ausschildern, aber nichts dahinter. Wie der Wanderweg PR 9, der uns neulich immer weiter durch Brombeeren und Brennesseln schließlich ins Nichts geführt hat. Er fing geteert an, er wurde schmaler, er endete im Gestrüpp. Und statt der ausgeschilderten Brücke gab es einen Cais de Embarque,
einen Anleger. Auf beiden Seiten des Flusses. Allerdings ohne Boot :-(.
Manchmal treibt es einen in den Wahnsinn.
Man fragt sich: Warum?
Womit wir bei meiner Lieblingsfrage wären. Der Frage, die mir am häufigsten in meinem Leben gestellt worden ist. Der Frage, die ich am meisten hasse. Von allen Fragen dieser Welt. Etwas, dass jeder und immer wieder und immer noch von mir wissen will. Eine Frage, die Sie wahrscheinlich auch kennen, wenn Sie hier wohnen. Die Frage: „Warum bist du nach Portugal gezogen?“
Heute probiere ich es mal mit einer neuen Antwort.
Vielleicht bin ich nach Portugal gezogen, weil mir hier vieles immer ein Rätsel bleiben wird. Und Rätsel sind ja im Grunde etwas ganz Wunderbares. Sie sind auch das Erfolgs-Geheimnis von Krimi, Tatort und Co. Krimis haben Rätselplots. Und gute Rätsel liebt jeder.
Und wenn dann die zerkratzten Arme der Kinder mit Wundsalbe versorgt sind, und wir im Café beim Eis sitzen, froh, dass wir es geschafft haben, wieder am Ausgangspunkt angekommen zu sein, auch ohne Brücke;
oder wenn wir einen gegrillten Fisch unten an den Docas in Portimão essen, der Fisch fangfrisch aus dem Meer, dazu gemischter Salat und gekühlter Vinho Verde (und das alles sogar zu einem vernünftigen Preis);
oder wenn uns auf einer Wanderung durch die Berge eine fremde Frau eine große Tüte mit reifen Kirschen in die Hand drückt, obwohl sie uns noch nie gesehen hat, und nie mehr treffen wird;
dann weiß ich Antworten auf die Frage, warum ich nach Portugal gezogen bin, selbst wenn sie hier oft fahren wie das Mädchen, das den Teufel fuhr.
Das Rätsel Manuela wird am Ende des Buches gelöst. In Portugal dagegen wird wohl einiges für immer ein Rätsel bleiben. Und das ist auch gut so.
Annegret Heinold
ESA 8/14

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