Das Land, wo man die Unterwäsche seiner Nachbarn kennt

Es ist ein Phänomen der Zeit, ein Renner in Buchhandlungen und Zeitungsläden. Na, eine Idee? (Nein, ich rede hier jetzt nicht von den Sachen, die im obersten Regal stehen.) Also?
Ja, genau. Es ist Ihnen also auch aufgefallen, nicht wahr. Diese Dinger vermehren sich ja auch schneller auf den Regalen, als die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden schießen.
Ich rede von den Malbüchern für -Erwachsene. Was heißt hier Malbücher. Es sind Ausmalbücher! So etwas war früher Kindern vorbehalten. In den Zeiten der antiautoritären Erziehung hielt man es übrigens für schädlich, Kinder innerhalb vorgegebener Linien malen zu lassen. Und jetzt zahlen -erwachsene Konsumenten Geld, um innerhalb der Linien zu malen. Selbst die Esoteriker sind mit im Boot. Es heißt, es soll eine therapeutische Wirkung haben.
Und so gibt es diese Malbücher mit Mandalas, Blumen, Ornamenten, Kacheln, Kathedralen und Stadtansichten. Und das bringt mich nun endlich – gelle, Sie haben sich doch schon gefragt, was diese Überschrift mit dem Text zu tun hat, oder? – zu meinem Thema: Der Wäsche vor den Fenstern in Portugal.
Irgendwie hatte ich vergessen, dass das nicht überall so ist. Aber als ich neulich in dem Buch „Portoterapia“ blätterte, wurde ich darauf aufmerksam. Portoterapia ist Porto zum Ausmalen, ganz im Trend der Zeit. Auf einer Seite eine Stadtansicht mit Wäsche vor den Fenstern, ganz in der portugiesischen Tradition. Daneben der Satz: Porto – die Stadt, in der man die Unterwäsche seiner Nachbarn kennt.
Aber in der Tat ist es ja nicht nur Porto, es ist das ganze Land.
An der Nationalstraße wohnt eine Frau, die einen verwaschenen ex-rosa DD-BH besitzt. Mangels geeignetem Fenster trocknet sie ihn an einer zwischen Alleebäumen gespannten Wäscheleine. Im Nachbardorf wäscht eine Frau für eine ganze Fußballmannschaft. Über ihr besitzt jemand eine Decke mit überdimensionalem Tigerkopf.
In Deutschland wäre so etwas nicht möglich. Dort darf man maximal seine „kleine“ Wäsche auf dem Balkon trocknen. Möglichst unsichtbar. Babywindeln, Putzlappen und Unterwäsche sind eine Grauzone. Die Nachbarn könnten sich von dem Anblick gestört fühlen.
Ich kenne jemanden, der hatte das Verbot in seiner Hamburger Hausordnung mit der Begründung: Das sähe so südländisch aus.
Das ist ein interessantes Argument. Denn wenn man sich mal die Urlaubsfotos die Bilder in Reisemagazinen ansieht, was wird dort ganz besonders gerne abgebildet?
Yep.
Die Wäsche, die vor den Fenstern trocknet. Kein Artikel über Porto ohne das obligatorische Wäsche-Foto.
Das könnten die Touristen doch viel einfacher haben. Wenn in Deutschland die Wäsche vor den Fenstern trocknen würde, hätte man den südländischen Charme auch zu Hause. Oder etwa nicht?
Wie auch immer – andere Länder, andere 
Sitten, andere Gesetze.
In Deutschland darf man keine Wäsche vor dem Fenster trocknen.
In der Schweiz darf man nach 22 Uhr keine Toilettenspülung betätigen.
In Lee County, Alabama, darf man am Mittwoch nach Sonnenuntergang keine Erdnüsse verkaufen.
Manche Sitten und Gesetze machen Sinn. Manche nicht, auch nicht auf den zweiten 
oder dritten Blick. Daher ändern sich Sitten und Gesetze manchmal. In Kalifornien kippt gerade das Wäscheleinenverbot.
In Portugal hat es das zum Glück niemals 
gegeben!
Dafür gibt es neue schöne Souvenirs – wie die Portoterapia, bei der man die Unterwäsche 
seiner Nachbarn nicht nur kennt, sondern -sogar bunt ausmalen darf. (Selbst der rosa BH könnte so wieder Farbe bekommen!)

ESA 10/16

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