Das Jahr der Frösche

Ich nenne es das Jahr der Frösche, weil die Frösche überall waren. Sie saßen auf dem Rasen, hüpften über die Terrasse und kletterten die Außenwände hoch. Sie klebten von außen an den Fenstern, und drinnen fühlte man sich beobachtet.
Einmal saß ein grasgrüner Frosch drei Tage lang oben auf der Duschstange in unserem blau-weiß gekachelten Badezimmer. Und immer, wenn man in diesem Winter die Haustür oder die Terrassentür schloss, zerquetschte man ungewollt einen Frosch. Kein schönes Geräusch. Eins von den Geräuschen, die man vergessen möchte, aber nicht vergessen kann. Drei Wörter reichen aus: Regen + Frosch + Tür und aaghh-aua-gggrrrnschrkrk – man hat das Geräusch im Ohr.
Wenn ich mich recht erinnere, war es -November oder Dezember. Irgendwann Ende der achtziger Jahre. Wir hatten noch kein -Telefon und keinen Strom, aber schon fließend Wasser. Und damit meine ich nicht den Regen, der unaufhörlich vom Himmel fiel wie in dem fiktiven Dorf Macondo in „Hundert Jahre Einsamkeit“. Kennen Sie das Buch von Gabriel García Márquez? Können Sie sich an die Stelle erinnern, wo es vier Jahre lang regnet? Das Dorfleben findet im Rhythmus des unermüdlich fallenden Regens statt und langsam überzieht grüner Schimmel alles.
Seit dem November 1989 (ja, ich hab´s jetzt gegoogelt) weiß ich, wie sich das anfühlt. Es fängt ganz harmlos an. Man wacht auf und es regnet. Das ist normal, das gehört zum November. Kein Problem.
Fahren wir eben nicht heute in die Stadt, fahren wir morgen. Waschen wir die Wäsche nicht heute, waschen wir sie morgen. Amanha é outro dia – morgen ist ein neuer Tag.
Und so ein Tag im Haus ist ja auch nicht schlecht. Der Kamin verbreitet eine gemütliche Wärme. Man kann aufräumen und Briefe beantworten (1989! Kein Strom! Internet ist fast noch ein Fremdwort, und Facebook noch nicht erfunden). Wir haben Zeit und trinken im Dorf im Café Central eine Bica, während es draußen weiterhin in Strömen gießt.
In der Nacht liegt man im Bett und hört den Regen aufs Dach trommeln, das hat ja irgendwie etwas Gemütliches. Am nächsten Morgen das Gleiche. Ohne Pause trommelt der Regen auf das Dach. Mal schwächer, mal stärker. Nach ein paar Tagen wirkt das Geräusch nicht mehr gemütlich, sondern eher bedrohlich. Was, wenn es jetzt vier Jahre lang regnen wird, so wie in hundert Jahre Einsamkeit?
Die Reisfelder stehen schon unter Wasser, die Waschstelle im Dorf ist überschwemmt, die Brücke an der Hauptstraße gesperrt. Das Wasser im Fluss steigt weiter beständig an. Haben wir uns im Sommer, als es so trocken und heiß war, Regen gewünscht? Ja, natürlich. Aber das jetzt! Das ist zu viel, jetzt soll es wieder aufhören.
Doch es regnet unerbittlich weiter. Das Geräusch des Regens begleitet Tag und Nacht unser Leben. Regenschirm, Regenjacke und Gummistiefel gehören zur Grundausstattung. Ich wache morgens auf, der Regen trommelt auf das Dach. Ich öffne die Haustür, der Regen fällt in unverminderter Stärke, es regnet Bindfäden, Hunde und Katzen, es gießt wie aus Eimern, der Himmel weint. Vielleicht hat Petrus vergessen, den Wasserhahn zuzudrehen. Die Frösche hüpfen über die Terrasse und kleben an den Fensterscheiben.
Amanha é outro dia? Ja, klar. Pode ser um dia ruim, mas é outro dia – es ist vielleicht ein schlechter Tag, aber ein neuer Tag ist es ja schon, nicht wahr.
Und dann eines Tages. Ich wache auf. Stille. Kein Trommeln. Kein Rauschen. Die Frösche sind verschwunden. Dafür scheint die Sonne. Und das Jahr der Frösche verblasst langsam zu einer Erinnerung.

Annegret Heinold
ESA 11/16

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