Cavacas  & Promessas

Am 10. Januar ist es wieder so weit: Hunderte von Menschen versammeln sich in Aveiro vor der Kapelle S. Gonçalinho und spannen ihre Regenschirme auf um Kuchen aufzufangen, die sogenannten Cavacas

Ich beginne meine Kolumne mit einem Geständnis. Ja, ich gebe es zu: ich versuche dieses Jahr, einen Heiligen mit Kuchen zu bestechen. Wie das geht? Ganz einfach. Ich habe S. Gonçalinho Kuchen versprochen, wenn er meine Wünsche erfüllt. Das ist meine „Promessa“, mein Versprechen. Pro Wunsch 25 kg trockene Kuchen mit Zuckerguß, die „Cavacas“. Und dass, obwohl ich nicht mal dran glaube. Aber auf der anderen Seite – was soll´s, schaden kann es nicht. Schließlich habe ich nichts zu verlieren.

Werden die beiden Wünsche (ja, auch das gebe ich jetzt und hier zu – es sind gleich zwei) nicht erfüllt, muss ich nichts zahlen. Werden sie erfüllt, zahle ich. Gerne sogar. Ich meine, dafür, dass sie erfüllt werden, gerne.

Was meine Wünsche sind? Na ja, das werde ich hier jetzt natürlich nicht verraten.

Wer S. Gonçalinho ist? S. Gonçalinho ist ein Heiliger. Ein Heiliger, der Wunder bewirkt. Ein Heiliger, der sich mit Kuchen bestechen läßt. S. Gonçalinho hat seine eigene Kapelle in Aveiro, mitten in der Altstadt. Es ist eine kleine Kapelle, sechseckig, eine Kuppel als Dach, und um die Kuppel ein schmaler Gang. Von hier oben werfen die Gläubigen (und wie man sieht auch die Ungläubigen), deren Wünsche erfüllt worden sind, Kuchen in die Menge.

Und zwar am 10. Januar eines jeden Jahres. Das Fest dauert immer ein paar Tage, je nachdem, auf welchen Tag der zehnte Januar fällt. Ein genaues Datum gibt es nicht, dafür gilt die auf den ersten Blick kompliziert lautende Regel: es ist um den zehnten herum, dem Todestag von S. Gonçalinho, und es muss ein Sonntag mit dabei sein.

Das ganze Jahr kümmert sich eine Abordnung um die Ausrichtung des Festes. Am Ende wird ein Strauß Kunstblumen an die Abordnung übergeben, die das Fest im nächsten Jahr ausrichten wird.

Aber nun zu den Kuchen. Es handelt sich hierbei um die sogenannten „Cavacas“, das sind trockene Kuchen aus Eiweiß und Mehl, die mit einer Zuckerglasur überzogen sind. Die Kuchen haben die Form von Schälchen und sind so hart, dass sie eigentlich nicht eßbar sind, jedenfalls nicht so. Und trotzdem kommen Jahr für Jahr Hunderte von Leuten, um
diese Kuchen zu ergattern. Für das Auffangen der Cavacas hat sich ein umgedrehter Regenschirm bewährt.

Das muss man sich mal vorstellen: Hunderte von Leuten, die vor einer Kapelle stehen, die Augen nach oben gerichtet, um mit ihren Regenschirmen Kuchen aufzufangen!

Will man den Kuchen essen, stippt man ihn am besten in Tee oder Kaffee um ihn aufzuweichen. Die Tochter einer Freundin macht Nachspeisen daraus, sie zerstößt die Cavacas und macht mit Hilfe von Sahne, Schokolade und anderen Zutaten köstliche Desserts. Man kann die Cavacas auch mit Portwein füllen und so einweichen. Das ist doch eigentlich eine sehr schöne Variante, finde ich. Der Portwein zieht in die Cavacas ein, und dann schmeckt das Gebäck durch und durch nach köstlichem Portwein. Ja, doch – das klingt gut.

Ich wohne seit Anfang der achtziger Jahre in Portugal und mich fasziniert, wie hier Altes und Modernes nebeneinander existieren. Das Neue wird aufgenommen und genutzt, man denke an Handys, Internet oder Bankautomaten, und das Alte beibehalten, wie zum Beispiel der Gang zum „Knocheneinrenker“ bei verstauchten Gelenken und der Besuch bei einer alten Frau in den Bergen für Hilfe gegen den bösen Blick. Oder eben die Bezahlung eines erfüllten Wunsches mit Kuchen.

Und es sind nicht nur die alten Leute, die auf dem Land oder irgendwo im Hinterland wohnen, die diese Art von Tradition leben. Meine Freundinnen in Aveiro und Lissabon – moderne aufgeschlossene Frauen, die studiert und viel von der Welt gesehen haben – haben beide schon S. Gonçalinho mit Kuchen bestochen. 
Die eine glaubt daran, die andere nicht. Gewirkt hat es bei beiden. Vielleicht hat mich das in einer leichtsinnigen Minute dazu gebracht, es auch mit dieser Kuchenbestechung zu versuchen.

Und jetzt kann ich aus der Nummer natürlich nicht mehr raus. Einfach ignorieren? Geht nicht. S. Gonçalinho ist sehr rachsüchtig, heißt es. Es geht die Legende, dass ein Arbeiter bei der Decken-restaurierung dem Heiligen eine Kippe in den Mund gesteckt hat, mit den Worten: du rauchst doch, oder? Und kurz darauf stürzte der Arbeiter und verletzte sich. Ja, mit S. Gonçalinho ist nicht zu spaßen. Das mußte auch der Pfarrer erfahren, der in einer Predigt an den Wundern des Heiligen zu zweifeln wagte – in dem Moment, wo er es aussprach, rieselte Kalk von der Decke der Kapelle auf eben diesen Priester. So richtig wird man wohl nie wissen, ob was dran ist oder nicht.

Aber ehrlich gesagt, ich finde, das macht überhaupt nichts. So eine Jahrhundert alte Tradition ist einfach schön. Es ist ein toller Anlaß für ein Fest. Alle haben gute Laune. Ganz Aveiro freut sich das ganze Jahr darauf. Die Bäcker haben gute Aufträge, denn man muss die Kuchen ja herstellen. Und wir reden hier nicht von ein paar Kilo Kuchen, sondern von Tonnen. Wieviel Kuchen es insgesamt ist, weiß wohl keiner so ganz genau. Aber mindestens zehn Tonnen 
sind es auf jeden Fall! Zehn Tonnen Kuchen. Das sind ganz schön viele erfüllte Wünsche und Wunder. Und ehrlich gesagt – Wunder kann man doch eigentlich immer brauchen. Auch und vielleicht sogar ganz besonders in der heutigen Zeit, finde ich.

Annegret Heinold
ESA 1/14

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