Café Central

Vermutlich kennen Sie auch ein Café Central. Denn Cafés mit diesem Namen gibt es viele. Natürlich gibt es auch Cafés mit anderen Namen. „O Cantinho d´Avó Micas”, zum Beispiel, “O Retiro do Caçador”, oder das “Café Luso-Espanhol“, von uns „Café Heidelberg” genannt, weil die Besitzer mal in Heidelberg gearbeitet haben. Aber das Café Central ist irgendwie ubiquitär. Genauso wie Maria als Frauenname, Zé als Männerspitzname und die Rua dos Emigrantes.
Die Zés der Region sind so viele, dass sie einmal im Jahr gemeinsam einen Ausflug machen. Mein Bekannter Wolfi darf seit Jahren mitfahren. Vielleicht weil er als Deutscher ja keine wirkliche Chance hatte, den Vornamen José zu bekommen.
Die Marias lösen ihr Dilemma des ubiquitären Namens, indem sie einfach den zweiten Namen verwenden. So wird aus Maria do Carmo eine Carmo. Aus Maria Isabel eine Isabel und aus Maria José eine Mizé. Und nein, sie darf am Ausflug der Zés nicht teilnehmen, denn hier ist das Geschlecht noch wichtiger als der Name.
Ach ja – die Ruas dos Emigrantes. Es wäre schön, wenn es sie nicht geben müsste. Zumal sie in letzter Zeit wohl eher Auto-Estradas dos Emigrantes heißen müssten. Vor zwei Wochen hat mich die Lokalzeitung interviewt. Nicht, weil ich irgendwie berühmt wäre oder was. Nein, sie portraitieren mich, um zu zeigen, dass es auch Einwanderung gibt. Deswegen berichten sie jede Woche über einen Ausländer, der in Portugal wohnt.
Aber zurück zum Café Central.
Ein Café Central ist normalerweise alt. Es gibt diese Cafés schon „seit immer“. Nicht zuletzt deswegen, weil sie es irgendwie schaffen, mit der Zeit zu gehen. So wie dieses Café Central hier, in dem ich sitze.
Die Zeiten der Stahlstühle, deren Beine ohne Gummikappen schrill über den Fußboden schrappen, sind vorbei. Auch die Tische wackeln nicht mehr. Stattdessen ein modernes Design, das man wohl am besten als „frühen Star-Trekionismus“ bezeichnen könnte.
Die vielen roten und grünen Lämpchen der Kaffeemaschine blinken wie in Captain Kirks Kommandozentrale. Stühle, Tische und Fußboden sind titanweiß. Die Außenwände aus Glas. Die Wände hinterm Tresen in glänzendem Plastikrot. Dazu Fries und aufgesetzte Säulen, also praktisch moderne Pilaster, in schwarz-weiß-gestreiftem Relief. Geradezu psychedelisch. An der Decke Röhren, die außen weiß und innen rot sind. Unregelmäßig verteilt.
Gelle, Sie dachten zuerst, ich übertreibe. Aber so sind sie manchmal hier, in Portugal. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür: oito ou oitenta, eine Art nach oben und unten abgeschwächtes Alles oder Nichts.
Am Nebentisch ein Vater mit Tocher. Sie trinkt Kakao, er versucht mit ihr zu reden. Wo ist die Mama? Ist die Kleine ein Scheidungskind, das am Samstagnachmittag bei Papa ist?
Ein Tisch weiter ein älteres Paar. Sie ziehen die Mäntel nicht aus. Sie kennen das Café wahrscheinlich noch aus den ungeheizten Stahlstuhl-Wackeltisch-Zeiten und behalten die Mäntel aus Gewohnheit an.
Zwei Frauen sitzen unter dem Fernseher. Der Fernseher, ein Flachbildschirm eingebettet in das psychedelische Relief, ist ein Relikt aus den alten Zeiten. Früher hatte er eine Funktion. Wer keinen Anschluß zu Hause hatte, konnte hier die Nachrichten oder Fußball sehen. Heute ist der Ton runtergeschaltet, und niemand sieht hin. Abgeschafft wird er trotzdem nicht.
Es gibt eben Dinge in Portugal, die zeitlos sind. Der laufende Fernseher im Café Central gehört dazu. Und natürlich die Kuchen. Am besten sind die Mandelquadrate mit Schokolade. Aber das ist natürlich nur meine ganz persönliche super-subjektive Meinung.

Text & Foto: Annegret Heinold
In ESA 03/16

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