A Arte do Desenrascanço

Wir alle bewundern die portugiesische Fähigkeit beziehungsweise Kunst des Desenrascanço. Kann man das lernen? Ja, ich denke schon. Bis zu einem gewissen Grad zumindest. Aber um das echte portugiesische Desenrascanço in seiner ganzen Dimension zu beherrschen, muss man wohl doch hier geboren sein. Wie jetzt? Sie wissen nicht, was „A Arte do Desenrascanço“ ist? Na, dann wird es aber höchste Zeit!

Was haben ein rosafarbener BH in Größe 120 DD am Straßenrand, mein Blitzableiter und die portugiesische Steinsuppe mitein-ander zu tun? Sie beruhen alle auf dem gleichen Prinzip, dem Prinzip des „Desenrascar“, des Improvisierens. Des Lösungen schaffen, ohne das eigentlich Nötige dafür zu haben, aber dafür mit viel Kreativität zu agieren. Das ist „Desenrascar“. Hält vielleicht nicht für immer, ist dafür aber frei von Perfektion. 
Und deswegen hängt am Ortseingang ein rosafarbener BH auf einer Wäscheleine am Straßenrand. Zusammen mit zehn unförmigen fleischfarbenen Unterhosen. Eine Frau hat offensichtlich keinen Platz für ihre Wäscheleine am Haus und hängt daher das Zeug zum Trocknen einfach an den Straßenrand, auf einer Wäscheleine, die sie in den öffentlichen Büschen spannt. 
Deswegen zieht der Elektriker ein Kabel aus meinem Keller durch das Fenster in den Garten und befestigt es an einem Eisenstab im Boden. Das ist ab jetzt mein Blitzableiter. Das hätte ich eigentlich auch selber gekonnt. Aber ich bin natürlich nicht auf die Idee gekommen. 
Und nach diesem Prinzip des Nutzen, was da ist und das Beste draus machen, funktioniert auch das Rezept der Steinsuppe. Ich denke mal, Sie haben von der Legende des Mönches gehört, der bei einem armen Bauernpaar um ein Nachtmahl bittet und da es nichts im Haus hat, anbietet, eine Suppe aus einem Stein zu kochen. Selbst wenn Sie die Legende noch nicht kennen, können Sie sich jetzt sicher vorstellen, wie es weiter geht. Der Mönch gießt zunächst Wasser auf den Stein, dann bittet er um etwas Knoblauch, eine Zwiebel, und so weiter und so fort. Und zum Schluß noch etwas Speck oder Wurst und die Steinsuppe ist perfekt. 
Ohne Desenrascar geht nichts in Portugal. In der Zeitschrift „Psychologie Heute“ würde das vermutlich so formuliert werden: Das Desenrascar ist eine Kernkompetenz der portugiesischen Lebensgestaltung. Und dank „Psychologie Heute“ weiß ich auch, dass ein Leben ohne Perfektionismus eindeutig gesünder ist. 
Aber jetzt beginne ich, mir Sorgen zu machen. Ich frage mich, ob diese wunderbare Fähigkeit nicht vom Aussterben bedroht ist. Die Welt wird immer perfekter, auch hier in Portugal. Früher sind wir für ein anständiges Sortiment an Schrauben bis nach Lissabon gefahren, aber heute gibt es an jeder Ecke Läden, die Schrauben und Muttern in allen Größen anbieten. Die Zeiten, in denen Blumenkohl und Zwiebeln im Winter das einzige Gemüse waren, sind endgültig vorbei. Jetzt kann man sich ein Rezept aussuchen und dann entsprechend die Zutaten besorgen. Früher besorgte man erst die Zutaten und suchte dann ein entsprechendes Rezept. Wenn Desenrascar also so etwas wie ein Muskel ist, dann wird es verkümmern, weil es zunehmend weniger gebraucht wird. Oder ist es vielleicht doch eher eine Fähigkeit wie das Radfahren? Etwas, das man einmal gelernt nie mehr vergißt?
Früher brach bei einem Stromausfall in Deutschland alles zusammen, während in Portugal alles seinen gewohnten Gang ging. Und jetzt? Wie wäre das jetzt? Jetzt wird mir klar: Der Strom fällt kaum noch aus. Und wenn er ausfällt, ist er sofort wieder da.
Was ist mit diesem Land passiert? Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass das gute alte Desenrascar überflüssig wird und in Vergessenheit gerät?
Aber zum Glück gibt es auch Hoffnungsschimmer. Der Techniker von der Telekom repariert zwei Tage lang meine Telefonleitung, aber es gelingt ihm nicht, den Wurm, der da drin sitzt, herauszuziehen. Dann ist Wochenende. Er bastelt es irgendwie zusammen, „para desenrascar“, damit ich am Wochenende Telefon und Internet habe. Das ist die gute alte Zeit. Aber dann sagt er, er will am Montag wiederkommen, und es richtig machen, damit es ist „como deve ser“, wie es sich gehört. Das klingt schon sehr nach Perfektionismus und könnte eine echte Bedrohung für das Überleben des Desenrascar sein.
Dann wiederum neulich im Theater beim Konzert im Foyer. Eine Sängerin Anfang dreißig begleitet sich auf der Ukulele (ja, wie M. M. als Sugar in „Manche mögen´s heiß“, genauso süß, nur in schwarz statt blond). Und plötzlich reißt eine Saite und sie hat keine Ersatzsaite dabei. Und einen kleinen Moment lang ist es ihr peinlich, und dann stellt sie einfach ihr iPhone aufs Piano, begleitet sich mit Musik aus dem iPhone und das Konzert ist gerettet.
Bin richtig froh, dass das passiert ist. Denn es zeigt: Das gute alte Desenrascar ist doch immer noch eine Kernkompetenz der portugiesischen Lebensgestaltung. Auch bei der jungen Generation. Und das moderne Equipment wird geschickt für zeitgemäße „Arte do Desenrascanço“ genutzt.
Annegret heinold
ESA 6/14

Share.

Comments are closed.