Wege zur ewigen Ruhe

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Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag – deutsche Kalender kennen im November gleich fünf Gedenktage für die Verstorbenen. ESA-Autorin Henrietta Bilawer hat sich mit dem morbiden Thema beschäftigt, wie in Portugal die Zeit nach dem Ableben geordnet ist

Portugals Friedhöfe sind reich an Metaphern für das Leben: Sanduhren, durch die die Zeit rinnt, Flügel für die Freiheit von Geist und Seele, Anker für die Stabilität des Seins, da und dort ranken steinerne Girlanden als Triumph des Lebens über den Tod. Eine gebrochene Stele zeigt an: Hier ruht das letzte Mitglied einer Familie. Das Buch des Lebens ist aufgeschlagen, aus Granit oder Marmor, eingraviert ein Dankesspruch oder ein Geleitwort zu dem Ort, den kein Lebender kennt. Auf fast jeder Ruhestätte prangt auf Porzellan gezogen ein kleines Bild, ein besonders schönes, eines, das die Rolle des Verstorbenen zu Lebzeiten zeigt oder einfach das letzte Foto, auch wenn es schon viele Jahre alt ist. Der Tod bekommt ein Gesicht an diesem ‘Ort zum Schlafen’, so die dem altgriechischen koimétêrion entlehnte Bedeutung des Wortes cemitério.
Das friedvolle Ambiente verhüllt, dass jede Grabstätte höchst irdischem Sachwalten unterliegt. Hunderttausend Beerdigungen finden jedes Jahr in Portugal statt und auf dem Markt herrscht Unfrieden. Der portugiesische Bestatterverband streitet mit dem Gesetzgeber um ein unbequemes Erbe. Die Vorgängerregierung dekretierte 2015, dass gemeinnützige Wohlfahrtsinstitute die Beerdigung ihrer Mitglieder ausrichten dürfen. Viertausend Arbeitsplätze bei Bestattern seien gefährdet, wenn Genossenschaften in das Gewerbe einsteigen, klagen die Bestatter und möchten gleichzeitig das Ansehen ihres Berufes verbessern: Die Ausbildung von derzeit 425 Stunden soll verlängert und mehr Fachkurse durchgeführt werden. Um der drohenden Konkurrenz zu begegnen, arbeiten die Bestatterverbände an Modellen für eine eigene Sterbeversicherung.

João Silva legt Wert auf Kompetenz und Kontrolle hinter der Pietät. Gerade hat der Bestatter eine Beisetzung abgeschlossen. Die Trauergemeinde beäugt nun halb verwundert, halb entsetzt die Besucher am Grab eines Russen: Dort gibt es Wodka, Blini und Süßes. Die von den Emigranten mitgebrachte Sitte, an Gedenktagen ihre Toten in die Feier einzubeziehen, wirkt hier fremd. Ich selbst kann mich kaum daran gewöhnen, dass in Portugal ein Verstorbener sofort am folgenden Tag beerdigt wird, sage ich und die Antwort überrascht mich: „Das hängt von den Angehörigen ab“, sagt Silva. Es habe sich so eingebürgert, wohl aus der Zeit, als es noch keine moderne Kühltechnik gab. „Oder der Verstorbene hatte einen langen Leidensweg und die Familie möchte die irdischen Mühen schnell beenden.“ Es gebe kein Hindernis, eine Erdbestattung um „Tage oder Wochen“ zu verschieben, etwa wenn Trauergäste von weit her anreisen müssen. Die Gestaltung liege gänzlich in der Hand der Hinterbliebenen, und zwar sehr weitreichend.

In Portugal gibt es keinen Friedhofszwang und wer die Asche eines Verstorbenen nicht im Kolumbarium des Friedhofs aufbewahren will, darf die Urne nach Hause holen. Silva kennt viele, die das tun „um dem Toten nahe zu sein oder wenn der Friedhofsbesuch aus verschiedenen Gründen beschwerlich ist.“ Bislang wird allerdings landesweit kaum mehr als jeder zehnte Tote kremiert (nur in Lissabon etwa jeder zweite, ähnlich wie in Deutschland). Das ändere sich, sagt Silva. Auch, weil die Religion an Bedeutung verliere: „Der Pfarrer geht ja kaum noch ans Grab. In Alvor und Monchique immer noch, ja, aber andernorts nur selten.“ Die Ruhezeiten bei Erdbestattungen auf Portugals Friedhöfen sind oft extrem kurz, enden mancherorts schon nach vier Jahren und „die Angehörigen müssen sich ein zweites Mal mit dem Tod auseinandersetzen. Spätestens dann wählen viele die Verbrennung“, auch, seit es mehr Krematorien gibt und Urnen, die Leben und Vorlieben des Verstorbenen würdigen – in Herz- oder Fußballform, unter anderem.
Und es gibt immer mehr neue letzte Wege. Seebestattungen wurden entbürokratisiert: „Wer Asche auf dem Meer verstreuen wollte, brauchte die Erlaubnis der Polícia Marítima. Ein Polizeiboot musste das überwachen.“ Die Vorschrift wurde inzwischen aufgehoben. Zudem gibt es heute spezielle Seeurnen aus Salz oder Sand, die sich unter Wasser rasch auflösen. Und biologisch abbaubare Aschekapseln aus Pflanzenfasern, Bienenwachs, Naturharz und ökologischen Bindemitteln dürfen auch auf Privatgelände unter die Erde gebracht werden. Friedwälder, so erfahre ich, gibt es in Portugal nicht. In Setúbal schuf die Friedhofsverwaltung eine Ecke unter Bäumen, wo kompostierbare Urnen anonym beerdigt werden. Muslimische Bestattungen sind streng geregelt: Tote müssen im Sarg transportiert werden, auch wenn sie schließlich nur in Tücher gewickelt beigesetzt werden. Da der Sarg den Friedhof nicht mehr verlassen darf, so sieht es das Gesetz vor, wird er dort zerstört.
Die Friedhofskultur habe sich gewandelt, sagt Silva. „Für Jüngere ist die Grabstätte nicht mehr in dem Maß Ort des Gedenkens, wie es noch für die Eltern war.“ Die Bestatter wollen ihr Gewerbe von seinem konservativen Ruf befreien. Sargtischler sind rar geworden, seit die Produktion in den 1970ern industrialisiert und das Erzeugnis standardisiert wurde, doch die Rückkehr zum individuellen Schrein ist erkennbar. Bezeugte in der Vergangenheit die Grabsteinarchitektur Moden ihrer Zeit, so nehmen Tote heute immer öfter Symbole ihrer eigenen irdischen Vorlieben mit unter die Erde: Es gibt Särge mit Sportmotiven und Klub-Emblem, Blumenmuster oder religiöse Malerei; der Sarg für Patrioten ist mit einer windbewegten Landesflagge bemalt. Auch beim Sarg gehört ökologisch unbedenkliches Material wie Weidengeflecht oder Bananenblatt zum Angebot und die Innenausstattung ist biologisch abbaubar: Kopfkissen mit Sägespänen, Tücher aus ungebleichter Baumwolle.
Wer es sich leisten kann, kauft eine Grabstätte. Doch hier ist Vorsicht geboten: Eine private Grabstelle muss beim Finanzamt eingetragen werden „wie eine ganz normale Immobilie. Dann kann das Letzte Haus auch vererbt werden“, erklärt Bestatter João Silva. Der Erbe muss seinen neuen Grundbesitz ebenfalls dem Finanzamt melden.

Silva erzählt von Kunden, die dem verstorbenen Haustier ein Grab geben möchten, glaubt allerdings, das wachsende Internetangebot für die Trauer ums Tier übersteige die Nachfrage. In der Regel hilft der Tierarzt, wenn der Wunsch nach Einäscherung besteht. „Mit der Urne kann man dann so verfahren, wie mit der Asche eines verstorbenen Menschen.“ 1934 entstand im Lissabonner Zoo Portugals erster Haustierfriedhof. Ein zweiter existiert im nordportugiesischen Santa Maria da Feira; die Algarve-Stadt Lagos will noch vor Jahresende mit der Einrichtung des 
Cemitério para Animais an der Rua do Bairro da -Abrótea beginnen. Nicht jeder Friedhof erlaubt die Beisetzung von Tieren, aber ein Blick auf solche -Gräber offenbart das in Stein gemeißelte Gedenken an Jack, Oscar oder Mafaldinha.
João Silva spricht lieber über Menschen und berichtet, die Zahl der Überführungen nehme zu: „Die Residenten lieben zwar die Algarve, aber viele liegen in der Heimaterde ruhiger.“ Für solche Fälle beschäftigt Silva einen Sachbearbeiter: „Wir setzen uns mit Behörden und Versicherungen im Ausland in Verbindung und erledigen alle Formalitäten.“ Wie empfängt er Kunden, die die Hinterbliebenen davon -befreien wollen, in schweren Stunden über Logistik und 
Kosten nachzudenken und ihren letzten Weg schon zu Lebzeiten planen und bezahlen möchten? Das sei unter Portugiesen bisher die Ausnahme, aber kürzlich habe ein belgischer Kunde danach gefragt. „Alles ist möglich“, sagt Silva. „Aber jeder Fall muss individuell geplant und schriftlich geregelt werden.“ Landesweit sind bisher nicht einmal hundert Verträge für im Voraus organisierte Beerdigungen registriert. João Silva überlegt und sagt, persönlich könne er diese Pläne nicht nachvollziehen: „In meinem Beruf gehört der Tod zwar zum Alltag, aber es gibt doch wichtigere Dinge. Das Leben zum Beispiel.“

Text: Henrietta Bilawer

Agência Funerária João Silva
Lagoa
Mob.: 926 020 150
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