Maut A22: Das Lied der Straße

Die Mautpflicht auf allen Autobahnen in Portugal besteht seit Ende 2011, doch weil das System für Berechnung und Zahlung der Straßennutzungsgebühr zu den unübersichtlichsten in Europa gehört, sind Verwirrung und handfester Ärger eine häufige Begleiterscheinung von Autobahn-Fahrten. ESA-Autorin Henrietta Bilawer sprach mit Wolfgang Bald, der mit seiner Webseite maut-in-portugal.info/den Weg durch die verschlungenen Pfade der Bürokratie weist

Herr Bald, die Urlaubssaison beginnt. Das bedeutet für viele Algarve-Besucher mit Mietwagen: Vor der Tour durch die Region müssen sie sich über Pflichten informieren, die eine Fahrt über die Autobahn nach sich zieht. Was sollte ein Tourist unbedingt wissen?

Die Algarve-Autobahn A22 ist gebührenpflichtig, hat aber keine Bezahlhäuschen. Immer, wenn Sie eine von insgesamt 10 Erfassungsstellen durchfahren, wird das Kfz-Kennzeichen elektronisch erfasst. Wer einen Mietwagen gebucht hat, sollte deshalb unbedingt darauf achten, dass das Fahrzeug einen Transponder an der Windschutzscheibe hat. Ich schätze, die Hälfte der Mietfahrzeuge hat noch keine Transponder.

Wer meint, er könne munter drauflosfahren und am letzten Urlaubstag noch schnell auf der Post die angefallenen Gebühren zahlen, der irrt. Wie wird der Tourist zur Kasse gebeten?

Fehlt der Transponder im Mietwagen, besteht für die Bezahlung nur eine kurze Zeitspanne: Frühestens zwei Tage nach einer Autobahnfahrt (so lange braucht das System zur elektronischen Erfassung) bis maximal fünf Tage danach kann man bei jedem Postamt zahlen. Dieses Zahlsystem für portugiesische Kennzeichen ist für Touristen mit Mietwagen ohne Transponder nur bedingt geeignet: Wenn Sie den Wagen am Flughafen abgeben, sind Sie ja normalerweise vorher noch damit auf der Autobahn gefahren. Sie können die angefallene Maut nicht mehr bezahlen, weil die erst zwei Tage später im System erscheint. Da sind Sie aber schon abgereist. Eine Bezahlung aus dem Ausland ist nicht möglich; also geraten Sie mit diesem wenig durchdachten Zahlsystem unverschuldet, aber automatisch in Zahlungsverzug. Wer das verhindern möchte, darf an den letzten beiden Miet-Tagen nicht mehr auf der Autobahn fahren.

Andere Probleme entstehen, wenn ein Mietfahrzeug an einem Tag zweimal vermietet wird. Vormittags fährt Mieter A damit zum Flughafen, nachmittags fährt Nachmieter B ebenfalls auf der Autobahn und erlebt später die Überraschung im Postamt, denn er muss die Mautgebühren von A mitbezahlen: Das System kann Fahrten eines Tages nur pauschal erfassen. Teilzahlungen sind nicht möglich.

Und wie sieht es mit Bearbeitungsgebühren aus?

Die Post berechnet pro Fahrt (Gesamtstrecke) Ä 0,32 Bearbeitungsgebühr. Autovermieter, die ihre Fahrzeuge mit Transpondern ausgestattet haben, verlangen pro Tag Ä 1,85 Leihgebühr, maximal Ä 18,50 für die gesamte Mietdauer. Dieser Betrag ist gesetzlich festgelegt. Angefallene Mautgebühren werden dann direkt von der Kreditkarte abgebucht. In dem Fall muss man sich um nichts kümmern und kann die Autobahn sorglos benutzen.

Ist das Mautverfahren für alle Autobahnen landesweit gleich geregelt?

Leider nein. 70 Prozent aller Autobahnen haben das Ticketsystem mit Bezahlung am Mauthäuschen. Mit einem Transponder dürfen Sie jedoch die sogenannte „Via Verde-Spur“ benutzen und durchfahren. Achten Sie darauf, die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit nicht zu überschreiten; das wird bei der Durchfahrt gemessen – und geahndet. Und: Benutzt man auf Autobahnen mit Bezahlhäuschen die „Via Verde-Spur“ ohne Transponder, wird das Doppelte der Gesamtstrecke in Rechnung gestellt.

In einer Maut-Debatte im Lissabonner Parlament hieß es kürzlich, die Region sei in ihrer Mobilität um zwanzig Jahre zurückgefallen. Wie äußern sich die User Ihrer Webseite?

Mit einer Mischung aus ungläubigem Staunen und Kopfschütteln, denn für die Regierung ist die A22 keine Einnahmequelle, sondern ein Millionengrab. Sie hat Verträge mit einem „Konsortium“ aus Banken, Po-litikern, Computer- und Baufirmen sowie privaten Mautbetreibern geschlossen, denen zufolge bei Nichterreichen eines mittleren Verkehrsaufkommens (ermittelt noch zu mautfreien Zeiten) Ausgleichszahlungen an das Konsortium fällig werden und die sind saftig – das „mittlere Verkehrsaufkommen“ beträgt im Jahresdurchschnitt gefühlt nur ein Fünftel des Vereinbarten.

ESA erhält oft Zuschriften von Residenten, die von teils abenteuerlichen Erlebnissen rund um die Maut berichten. Kennen Sie auch solche Beispiele?

Oh ja. Etwa bei der Einteilung der Fahrzeugklassen. Es wird problematisch, wenn ein Pkw ein Kanu auf dem Dach hat, das bis zur Vorderachse reicht. Bis heute weiß keiner, wie das richtig abgerechnet wird. Einmal gilt Klasse 1 (was richtig wäre). Automatisch erfasst wird aber auch die teurere Klasse 2. Und das auf derselben Autobahn, nur an unterschiedlichen 
Erfassungsstellen.

Die größte Frustration erzeugen Verleiher von Mietautos ohne Transponder. Bei Zahlungsverzug fordert der Mautbetreiber Brisa schriftlich die Maut plus Mahngebühr vom Fahrzeughalter (ab 1.8.: das 7,5-Fache der überzogenen Gesamtmaut, aber nie weniger als Ä 25). Der Fahrzeuginhaber, also die Mietwagenfirma, zahlt den Betrag und belastet Ihre Kreditkarte. Für diese Dienstleistung werden zusätzlich bis zu Ä 25 „Bearbeitungsgebühr“ ungefragt abgebucht. Das wird irgendwo im Kleingedruckten erklärt. Lesen Sie deshalb Ihren Mietvertrag genau durch. Sonst kann aus Ä 2,20 Mautgebühr locker ein richtiger Batzen Geld werden.

In den Leserbriefen geht es häufig um undurchsichtige Abrechnungen oder Mahnungen, bei denen die dazugehörige Fahrt auch schon mal zwei Jahre zurückliegen kann. Wie sollte man sich da verhalten?

Die rechtlichen Voraussetzungen für eine Vollstreckung sind umfangreich (s. maut-in-portugal.info/vollstrecken.htm). Ich kenne allerdings keinen Fall, bei dem eine Mautschuld aus Portugal in Deutschland vollstreckt wurde. Meistens fehlen die rechtlichen Voraussetzungen.

Anders ist es, wenn Sie innerhalb von 5 Jahren (Verjährungsfrist) wieder in Portugal sind. Werden Sie dann kontrolliert, kann der Polizeibeamte sofort in bar kassieren. Viele Spanier und Franzosen (das sind meist portugiesische Emigranten, die mit ihrem französischen Auto ihre Heimat besuchen) kümmern sich wenig um die Bezahlung der Maut. Alleine bei der A22 sind zwischenzeitlich Außenstände in Höhe von  65 Millionen Euro aufgelaufen, deren Eintreibung nahezu unmöglich ist.

Portugals Autobahnen zu befahren, ist nicht gerade billig. Wie sieht das im EU-Vergleich aus?

Die Autobahnen hier sind teuer und im oberen Drittel der Maut Europas. Mit Sicherheit hat Portugal jedoch das komplizierteste Erfassungssystem, das zudem nicht richtig durchdacht wurde und nicht immer praktikabel ist.

Seit Einführung der Maut gibt es regelmäßig Protestaktionen gegen die Maßnahme. Wie schätzen Sie persönlich die Lage rund um die Straßengebühr für die Zukunft ein?

Solange sich Politiker der großen Parteien PS und PSD nicht deutlich gegen die Maut aussprechen und die Abschaffung zum erklärten Wahlziel machen, so- lange zudem namhafte Politiker an diesem System mitverdienen, so lange wird sich nichts ändern. Und es wird weiter Tote und Verletzte auf der hoffnungslos überlasteten Nationalstraße EN 125 geben. Ein kompletter Boykott der Autobahn würde sicher Wirkung zeigen, ist aber in der Durchführung unmöglich.

Was hat Sie motiviert, die Webseite maut-in-portugal.info einzurichten?

Ich finanziere und betreibe neben meinem Kultstand „Letzte Bratwurst vor Amerika“ am Kap St. Vicente seit nunmehr sechs Jahren ein umfassendes Länderforum über Portugal (www.portugalforum.de). Dort tauchten seit 2011 immer wieder dieselben Fragen zur Maut auf. Da dieses Thema so unübersichtlich und kompliziert geworden ist, habe ich mich entschlossen, eine spezielle Info-Seite ins Netz zu stellen und regelmäßig zu aktualisieren. Je nachdem, ob Sie mit dem eigenen Fahrzeug (mit deutschem oder portugiesischem Kennzeichen) oder einem Mietfahrzeug in Portugal fahren, finden Sie auf www.mautinportugal.info sämtliche Angaben zur Maut. Ich denke, dass es keine umfassendere Information zu diesem Thema im Internet gibt.

Die immerhin zehn Seiten umfassenden Maut-Informationen, die Sie zum Download zur Verfügung stellen, kosten nichts. Was hat Sie dazu bewogen, diese aufwendige Zusammenstellung gratis anzubieten?

Als ich vor zwanzig Jahren nach Portugal kam, wäre ich froh gewesen, nützliche und ehrliche Informationen zu Land, Leuten und Gesetzen zu bekommen. Die gab es damals nicht und ich habe deshalb viel Lehrgeld zahlen müssen. Geld verdienen möchte ich mit der Seite nicht, sondern sehe sie als kostenlosen Service und Hilfe, um unangenehmen Erfahrungen vorzubeugen. Natürlich freue ich mich über jeden Besuch am Kap, und wenn dann noch eine original letzte Bratwurst vor Amerika an meinem Stand gegessen wird, freut es mich doppelt. Und natürlich auch darüber, dass das www.portugalforum.de unaufhaltsam wächst und gedeiht.

ESA 07/2015

INFO:
www.maut-in-portugal.info
Der Protest gegen die Maut artikuliert sich auf
www.facebook.com Suchbegriff: Via do Infante Portagens
Vorabberechnung der Maut für eine gewünschte Strecke: www.portugaltolls.pt

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