Inventur eines Landes

Eine EU-Verordnung über Volks- und Wohnungszählungen verpflichtet die Mitgliedstaaten im Jahr 2011 Zensusdaten zu erheben. Eine gigantische Aufgabe bei der die aktive Teilnahme aller Bürger gefragt ist. In Portugal ist der Zensusstichtag der 21. März, d.h. alle Antworten müssen sich auf diesen Tag beziehen
Volkszählungen blicken auf eine lange Tradition zurück. Bereits 2238 v. Chr. ordnete der chinesische Kaiser Yao eine statistische Ermittlung der Bevölkerungszahl an. Dokumente belegen die jährliche Durchführung von Zensus im 16. Jh. v. Chr. in Ägypten, und auch die Römer und die Griechen ordneten solche Erhebungen an. Oft beschränkte man sich dabei auf die Erfassung der Einkommen und der waffenfähigen Männer, denn es ging lediglich darum, die zu zahlenden Steuern festzulegen und um die Rekrutierung für die Armee. Heutzutage werden Daten zur Bevölkerung und zu deren Wohnund Arbeitssituation erhoben, welche einer Vielzahl wichtiger Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dienen. Der Zensus kann also als eine Art Inventur des Landes bezeichnet werden, die es der Regierung zum Beispiel ermöglicht zu wissen, wo und wie viele Kinder in den kommenden Jahren eingeschult werden, oder wo aufgrund der Altersstruktur Senioren- und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Des Weiteren hängt die Verteilung der staatlichen Subventionen an die Bezirke von der Bevölkerungsdichte ab. Auch die Sitze der EU-Mitgliedstaaten im Europaparlament und -rat oder die Zuteilung von Zuschüssen für den Bau von Infrastrukturen wie Krankenhäuser hängen von aktuellen Einwohnerzahlen ab. Deshalb schreibt die Europäische Union durch die EU-Verordnung Nr. 763/2008 ab diesem Jahr für alle Mitgliedstaaten die Durchführung von Volks- und Wohnungszählungen im Abstand von zehn Jahren vor. Die Verordnung legt auch die Merkmale fest, die alle EU-Länder liefern müssen, denn nur so sind die Ergebnisse des Zensus 2011 europaweit vergleichbar. In Deutschland fand die letzte vollständige Erhebung für das frühere Bundesgebiet im Jahr 1987 statt, und in der DDR gab es 1981 eine Volkszählung. In Portugal seit 1890 alle zehn Jahre. Wer führt den Zensus durch und wie? Müssen auch ausländische Residenten teilnehmen? Gilt wie in Deutschland die Auskunftspflicht? Welche Daten werden erhoben? Stehen diese unter Datenschutz? Portugal benutzt das traditionelle Verfahren einer Volkszählung, bei der mittels Fragebogen alle Einwohner befragt werden. In den vergangenen drei Jahr dienten zwei Zensus-Tests und ein Pilot-Zensus dazu, die unterschiedlichen technischen und organisatorischen Möglichkeiten zu untersuchen, um nun die Aufgabe erfolgreich durchführen zu können. Diese Tests führten zu einigen Änderungen bezüglich der Fragebogen und der Erhebungsmethode. Die wichtigste davon ist, dass erstmals die Fragebogen per Internet (http://censos.ine.pt) ausgefüllt und eingereicht werden können. Somit soll das Speichern und Abrufen der Daten vereinfacht werden und zukünftig eine schnellere und günstigere Daten-Aktualisierung möglich sein. Weitere Neuigkeiten sind die Registrierung der Gebäude mittels geographischer Koordinaten und die Erhebung von eheähnlichen Lebensgemeinschaften und Homo-Ehen.

Zuständig für die Durchführung des Zensus in Portugal sind das Statistikamt INE, sowie auf kommunaler Ebene die Câmaras Municipais und die Juntas de Freguesia. In den Kommunen werden Erhebungsstellen eingerichtet, deren Aufgabe es u.a. ist, die Einsätze der Interviewer vor Ort zu organisieren. Portugalweit werden ab dem 7. März insgesamt 30.000 Menschen den Zensus durchführen. Davon 18.200 Interviewer, die von Haus zu Haus unterwegs sein werden. Nicht zu vergleichen mit den 80.000, die in Deutschland im Mai unterwegs sein werden oder mit den 2,5 Mio., im April in Indien. Und erst recht nicht mit den 6 Mio., die im November 2010 in China den Zensus durchgeführt haben. Denn statistische Ermittlungen der Bevölkerungszahl werden nicht nur europa-, sondern nach Empfehlung der Vereinten Nationen, auch weltweit organisiert. Nur neun von 225 Staaten haben für dieses Jahrzehnt noch keinen Zensustermin. Mittels INE-Karte identifizierte Erhebungsbeauftragte übergeben die Fragebogen an die Haushalte sowie einen Umschlag mit den Zugangscodes für eine online Ausfüllung. Vier Fragebogen müssen ausgefüllt werden: einer über das Gebäude, dass der Erhebungsbeauftragte ausfüllt, einer zur Wohnung, einer zur Familie und einer zu jeder Person. Auf Wunsch kann der Interviewer auch beim Ausfüllen behilflich sein. Auch Ausländer, die mehr als die Hälfte des Jahres in Portugal verbringen oder den Großteil ihres Eigentums in Portugal haben, gelten als Bewohner und müssen die Formulare zur Wohnung, Familie und Person ausfüllen. Sollten sie zum Zeitpunkt des Zensus nicht in Portugal sein, werden die Erhebungsbeauftragten versuchen die Formulare mit Hilfe von Angehörigen oder sogar Nachbarn auszufüllen. Mit dem Statistikgesetz Nr. 22/2008 trat auch in Portugal die Auskunftspflicht ein. Dieses Gesetz legt fest, dass alle persönlichen Einzelangaben strikt geheim zu halten sind. Die Erhebungsbeauftragten haben sich zudem dazu verpflichtet, das Statistikgeheimnis und das Datenschutzgesetz zu wahren und Informationen geheim zu halten, die ihnen im Rahmen der Erhebung bekannt werden ­ auch nach Beendigung ihrer Tätigkeit. Am 28. März startet das Einsammeln der Fragebogen. Abgabeschluss ist der 24.4. Wer sich für die Online-Variante entscheidet, muss seine Fragebogen bis zum 10.4. einreichen. Laut INE werden die endgültigen Zensusergebnisse im Dezember 2012 vorliegen, Deutschlands Ergebnisse im Mai 2013.
Anabela Gaspar

Daten & Fakten

 

  • Seit Portugals Gründung führten verschiedene Könige Volkszählungen durch. Die erste ist die ,,Rol de Besteiros do Conto” und wurde von Dom Afonso III im 13. Jh. angeordnet. Im Jahr 1853 organisierte Adolphe Quetelet, der als Gründer der Sozialstatistik gilt, in Brüssel den ersten internationalen Statistik-Kongress, auf dem Absprachen zur besseren Vergleichbarkeit zu erhebender statistischer Daten erfolgen.
  • In Portugal wird erstmals nach den internationalen Regeln eine Volkszählung im Jahr 1864 vorgenommen. Vier Millionen Menschen werden gezählt. Zuletzt im Jahr 2001 waren es 10.356.117. 1878 wurden erstmals Daten zur Ausbildung und zu Behinderungen aufgenommen. 1900 erstmals Daten zur Religion und zu Ehescheidungen. Diese ist die 15. Volks- und die fünfte Gebäudezählung. Seit 1970 werden beide Zensus gleichzeitig durchgeführt.
  • Die Mega-Operation wird ca. 50 Mio. Euro kosten. Das INE schätzt die Kosten pro ermittelte Person auf 4,50 Euro, dazu kommen die Gehälter der Erhebungsbeauftragten und die Kosten der Werbekampagne. Fast 50.000 Personen haben sich im Januar für die 23.000 Stellen, die INE für diesen Zensus ausgeschrieben hat, beworben. Im Durchschnitt sind die Bewerber 30 Jahre alt. 60 % sind Frauen und 34 % haben einen höheren Schulabschluss. Ein Drittel ist arbeitslos.

ESA 03/11

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