Ein scharfes Ding

Bei Hubertus Nees können handgemachte Jagd-, Koch- oder Schmuckmesser aus den feinsten Materialien bestellt oder selbst angefertigt werden. ESA-Redakteurin Anabela Gaspar hatte große Freude an der Herstellung ihres eigenen Messers

ESA entdeckte Hubertus Nees auf einer Kunstmesse. Seine Messer waren unübersehbar. Handgemacht, nach Wunsch der Kunden und mit den verschiedensten hochwertigen Materialen, wie Mammutknochen für den Griff und scharfen Klingen aus Damaststahl. Seine Kunst teilt er auch mit anderen, die Interesse daran haben oder einfach mal Lust verspüren, einen seiner Workshops zu besuchen. Ich war das Versuchskaninchen. Da ich nicht jage und auch nicht koche, beschloss ich, ein Messer für meinen Liebsten zu machen. Er kocht gerne. Meine Wahl fällt auf ein Allzweckmesser, das er auch zum Angeln mitnehmen kann. Diese erste Entscheidung ­ wozu das Messer dienen soll ­ ist wohl das allerwichtigste, da die Wahl der zu benutzenden Klinge davon abhängt. Ein Messer, das ständig dem Wasser, noch dazu salzigem, ausgesetzt sein wird, muss natürlich rostfrei sein. Also sagt Hubertus, der wegen seinem Motorradshop eher als Harley Hubs bekannt ist, dass er eine Klinge aus 12C27 rostfreiem schwedischen Stahl auf Lager hat, die ideal dafür ist. Das hört sich doch gut an. Hubs passt die Klinge in das Bolster an und klebt sie in das Griffholz ein, das aus sibirischer Birke ist und eine sehr schöne Maserung hat. Zuerst soll ich entscheiden, welche Form ich dem Griff geben will. ,,Wir können ja mal sehen was raus kommt”, meine ich. Doch so eine ungeplante, schusselige Arbeitsweise ist nicht Hubs’ Art. Was ich mir gleich hätte denken können angesichts seiner sorgfältig sortierten Werkzeuge. Ich entscheide mich für eine simple Form, die aber gleichzeitig ergonomisch sein soll und zeichne sie auf den Holzklotz, aus dem in einigen Stunden mein Messergriff entstehen soll. Sieht nicht schlecht aus. Mit einer kleinen Einbuchtung für den Daumen am oberen Teil und zwei für die Finger am unteren. Ob es zum Schluss auch so aussehen wird, wissen nur die Götter. Dann sagt Hubs plötzlich: ,,Na dann zeig mal was du drauf hast, Emanze!” Alle weiteren Schritte bis zur Fertigstellung des Messers sollen also von mir abhängen? Das kann ja heiter werden, denke ich mir und lege mit guter Laune los. Die weniger handwerklich Begabten wie ich, müssen keine Angst haben. Hubs hilft gerne. Der erste Schritt, der den Einsatz von Werkzeug erfordert, ist das grobe Zuschneiden des Griffholzes mit Hilfe einer Säge. Einmal gerade runter auf der einen Seite, dann auf der anderen und ein kleines bisschen hinten. Abgesehen davon, dass die Säge immer wieder stecken bleibt, läuft dies einfach ab. Dann soll, zuerst grob und dann ein wenig feiner, die Form mit einer Holzraspel gegeben werden. Bei Ansicht der herumfliegenden Holzspäne bin ich ganz stolz auf mich. Doch dann merkt Hubs, dass ich dabei die Raspel nicht im geraden Winkel halte und mein Griff deshalb immer schmäler auf der einen Seite wird. Das korrigiert er schnell. Ich denke mir dabei: wenn ich das weiter so mache, bleibt am Ende nichts vom Griff übrig. Also entscheide ich mich, meinen Enthusiasmus etwas zu zügeln. Wenn ich es trotzdem falsch mache, geht wenigstens weniger Holz verloren. Neben mir ermahnt mich Hubs immer wieder, ,,was weg ist, ist weg”! Die grobe Form steht schon, jetzt wird sie mit Hilfe von Feilen und mit verschieden feinem Schmirgelpapier geglättet und fein geschliffen. Und siehe da! Das Endergebnis entspricht tatsächlich meinen anfänglichen Wunschvorstellungen! Nur unter uns: ohne Hubs’ Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Doch ganz fertig ist das Messer noch nicht. Nach dem Feinschliff erhält der Griff eine Grundierung. Dann wird er mit drei verschiedenen Brauntönen von Lederfarbe eingefärbt. Dies ist einer von Hubs’ vielen Tricks: statt Holzbeize verwendet er Lederfarbe, weil deren Farbpigmente dichter sind und deswegen besser hält. Nachdem die Farbe aufgetragen wird, heißt es gründlich polieren. Für solche Arbeiten eignen sich meine handwerklichen Fähigkeiten scheinbar besser. Hubs’ Hilfe ist nicht nötig. Der nächste Schritt ist die Versiegelung des Griffes. Zuerst mit Carnaubawachs, dann mit einem speziellen Messergrifföl. Überschüssiger Wachs- und Farbanteil wird mit feinster Stahlwolle nachgeschliffen und noch mal poliert. Zuletzt wird die Klinge auf dem Wasserstein von Hand rasierscharf abgezogen. Voilá! Mein Allzweckmesser ist fertig und sieht sehr elegant aus. Ich bekomme noch eine Lederscheide dazu. Darauf freue ich mich schon, wenn mein Liebster sein Geschenk auspackt.

Unter www.algarveknives.com kann man einen Eindruck von Hubs’ Kunst gewinnen. Er hat ständig viele Klingen und all das nötige Material am Lager. In Zusammenarbeit mit Mirela Mack bietet er auch mit der Scrimshaw-Technik verzierte Messergriffe an. Eine Ritz- und Gravurtechnik, mit der Ornamente oder Bilder auf tierische Materialien wie Horn, Knochen oder Zähne aufgebracht werden, die auch in Portugal, vor allem unter den Walfängern der Azoren, sehr beliebt war, doch leider in Vergessenheit geriet.

Anabela Gaspar
ESA 01/10

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