Kriminalität

Glaubensfragen und Risikogruppen

In allen EU-Staaten wird Jugendkriminalität als wachsende Gefahr für die innere Sicherheit gewertet. Portugiesische Politiker, Soziologen und die Polizei erforschen Ursachen und vorbeugende Maßnahmen. Insgesamt gibt es in Portugal einen Rückgang der Straftaten

Portugal, so heißt es oft, erreiche die internationale Presse nur, wenn es um Fußball gehe oder etwas Schlimmes passiert sei. So geschehen vor einem Jahr am Strand von Carcavelos bei Lissabon, als dort am 10. Juni, dem Nationalfeiertag ,,fünfhundert Jugendliche die Badegäste wie die Heuschrecken überfielen und Angst verbreiteten.” Das stand auch in deutschen Zeitungen. Portugals Presse sah ,,ausgegrenzte Ausländerkinder” als Urheber, die Polizei nahm vier Jugendliche vorübergehend fest, relativierte später das Geschehen und die Zahlen des Tages. Augenzeugen sahen ,,Polizisten orientierungslos alles niederknüppeln”. Das Wort arrastão zog in die Umgangssprache ein für einen Angriff, bei dem alles mitgerissen wird. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob Touristen in Portugal sicher seien. Bis heute ist unklar, was wirklich los war. Soziologen analysierten ,,aufgestaute Frustration und soziale Ausgrenzung in Wohnsilos am Stadtrand”, nicht nur im Milieu der Einwanderer. Politiker erhoben den arrastão zur Glaubensfrage der Integrations-, Bildungs- und Familienpolitik. Portugals Kommentatoren orakeln nun über das Schlüsseldatum Nationalfeiertag. Die Zeitung Diário de Notícias berichtete von einem Freizeitcamp für Jugendliche aus Problemregionen am kommenden 10. Juni am Strand von Carcavelos: ,,Um amigo hoje, um futuro amanhã”, so das Motto ­ ,,Heute ein Freund, morgen eine Zukunft”. Polizei und Politiker bestreiten ,,Zusammenhänge”. Die Erinnerung an andere Taten wird geweckt: Anfang 2005 wurde der Polizist Ireneu Dinis durch Schüsse aus verschiedenen Waffen getötet, als er Streife im Stadtteil Cova da Moura fuhr. Eine ,,No-Go-Area”, wie sie jüngst in Deutschland ­ unter politischen, nicht unter sozialen Aspekten ­ in die Diskussion gekommen sind. Einer der Täter, 21 Jahre alt, geht nun für 19 Jahre ins Gefängnis. Eine EU-weit durchgeführte Befragung ergab: In allen Mitgliedsländern wird Jugend-Kriminalität als Gefahr für die innere Sicherheit gewertet. Dabei liefert Portugal in der Kriminalitätsstatistik insgesamt weniger dramatische Zahlen als die übrigen Länder. 2005 wurden 5,5 Prozent weniger Verbrechen gezählt, als im Vorjahr. Schon damals wurde ein Rückgang der Delikte gegenüber 2004 verzeichnet, so ein gemeinsamer Bericht von GNR, PSP und Kripo. Der Distrikt Faro registrierte 12,4 Prozent weniger Straftaten. Auch bei Gewaltverbrechen gibt es einen Rückgang um 3,7 Prozent; es gab ein Drittel weniger Opfer solcher Übergriffe als 2005. Steigende Tendenz besteht bei Drogendelikten, Bankraub und Brandstiftung ­ nicht nur im Wald ­ und bei Angriffen auf die Polizei. Gewaltbereitschaft wachse ,,gegenüber Vertretern von Staat und Ordnung, nicht gegen Bürger”, so der Bericht.

Jugendkriminalität hat eine eigene Position im sozialen Gefüge. Sie macht in Portugal nur 1,2 Prozent aller Straftaten aus und wächst in Gruppen, denn ,,gemeinsam fühlen sie sich stark”, so ein Sprecher des Justizministeriums. Etwa zehntausend portugiesische Jugendliche leben in Heimen. Sie sind ,,aus einem Risiko-Umfeld da hingekommen, lernten Kriminalität schon in der Familie kennen. In der Erziehung wurden keine Werte vermittelt”. Das wurde augenfällig, als kürzlich 14 Jugendliche unter 17 Jahren in Porto einen Obdachlosen misshandelten und seinem Schicksal überließen. Der Mann starb. Pedro Silva von der Universität Coimbra schildert ein Gespräch mit einem 14-jährigen Gangmitglied: ,,Vor uns haben sogar die Bullen Angst”, erklärte der Junge stolz. António Capucho, Bürgermeister von Cascais, zu dem der Strand von Carcavelos gehört, will den Schaden begrenzen. Zur Sitzung des kommunalen Sicherheits-Ausschusses Ende Mai erklärte er, an den Stränden der Gemeinde habe es nie zuvor Zwischenfälle gegeben. Seit aber die ,,Konzessionäre der Strandbars immer mehr Alkohol ausschenken, reicht ein Funke für die Explosion”. Das bestätigt der gemeinsame Polizeibericht: Bei häuslicher Gewalt und Überfällen auf der Straße ,,spielt Alkohol ,,Frustration und soziale Ausgrenzung eine immer größere Rolle”. in Wohnsilos am Stadtrand”

ESA 06/06

 

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