Ein Kandidat auf der Kippe

Die erste Zigarette am Morgen schmeckt immer ein bisschen bitter. Am Abend dann hatte der letzte Glimmstängel diesen Beigeschmack verloren. Zum Weltnichtrauchertag überlegt ein potenzieller Aussteiger, ob sich dies aufs Leben übertragen lässt

Befreundet sind sie seit ihrer Schulzeit und die Mittdreißiger treffen sich noch immer regelmäßig auf ein Bier oder eine Bica. Rui arbeitet im Hotel, Chico im Bauamt, Nando ist Lehrer und Paulo Finanzbeamter. Paulos Freundin Ana wird am 31. Mai dreißig. Das soll gefeiert werden. Als Nichtraucher-Party: Paulo ist in der Clique der Einzige, der noch an der Lulle hängt. Abstinenz um ihn herum, nur frische Luft von tabakfreien Menschen, das soll auch ihn entwöhnen, hoffen Ana und die Freunde. Schließlich haben sich sogar einige Vulkane das Rauchen abgewöhnt. Außerdem ist der 31. Mai Welt-Nichtrauchertag. Paulo leidet präventiv: Tabak ist Gemüse, ein Nachtschattengewächs wie Kartoffel und Tomate: Gemüse ist gesund ­ so hat er bisher gelebt. Wie soll er ohne sein Kraut zurecht kommen? Sogar eine EU-Resolution, die auch im Jahr 16 nach ihrer Verabschiedung noch immer gegen die Realität kämpft, billigt den Suchtleidenden ein Raucher-Eckchen zu. Aber Null Toleranz? Dieses Prinzip geht Paulo schon beim Straßenverkehr auf den Nerv. Im Mittelalter galt alles Vergnügliche als verwerflich. Das christliche Iberien sah im Rauchen eine heidnische Sitte. Die Inquisition predigte, der Teufel sei in den Raucher gefahren, deshalb der Höllenqualm aus dessen Mund. Wird auch der neue Chef im Vatikan demnächst zum RaucherExorzismus blasen? Nikotinstängel haben es in sich, sagt Freund Chico, ein Überläufer. Er gehört zur Glaubensgemeinschaft militanter Nichtraucher. Jemand, der Sätze wie ,, Ich habe früher selbst geraucht” anstimmt, erinnert an die öffentliche Selbstgeißelung spätmittelalterlicher Flagellanten. Paulo will keine Bußübungen, er will in Ruhe eine paffen. Schwermetalle, Vinylchlorid, Arsenverbindungen, Nitrosamine, Formaldehyd, Anilin, Cadmium, Ammoniak, Polonium 210, das beim Zerfall von Uran entsteht ­ tausende chemische Verbindungen in einer einzigen, appetitlich weißen Stange, das kann ja sowieso nicht sein. Als der Seefahrer Vasco da Gama 1489 Indien erreichte, traf er auf Eingeborene mit Räucherstäbchen zwischen den Lippen. Historische Darstellungen belegen: Der Traumstrand war die erste Raucherecke der Welt. In vielen indischen Bundesstaaten ist heute das Rauchen überall verboten, wo Menschen verkehren. Tabak diente den Indianern zur Zwiesprache mit den Göttern, rauchen gehörte zu Kulthandlungen und Zeremonien. Wären aus verfeindeten Völkern je Freunde geworden ohne Friedenspfeife? Alles passé, der Raucherklassenkampf scheint global verloren. Der Zivilgouverneur von Faro habe ab 1. April ein Rauchverbot für Autofahrer eingeführt, hieß es im Regionalradio. Solche Nachrichten belasten ein Raucherherz stärker, als Teer und Nikotin, selbst wenn der Blick auf das Datum fällt: Mit dem Entsetzen der Knasterfreunde Scherz treiben, ist unfair. Paulo soll sich vom wohl ältesten Genussmittel der Welt trennen. Sonst, so droht Freundin Ana, mache sie Schluss. Es stinkt ihr und das scheint sie wörtlich zu meinen. Nun beginnt Paulo, für den der Weg zur Lunge bisher geteert sein musste, über gestiegene Zigarettenpreise zu philosophieren. Oder über den Übelkeit erregenden Effekt von Krebsgeschwüren auf den Packungen, die er kürzlich auf einer Englandreise gesehen hat. Doch er will der letzten Zigarette keine allerletzte folgen lassen. Lieber mit Hexen leben als von ihnen verfolgt zu werden. Er bezeichnet sich als Wohlstandsgewohnheitsraucher und sucht nach Integration in die tabakfreie Gesellschaft. In der ersten Zeit ist Beschäftigung angesagt, vor allem die Raucherfinger brauchen eine greifbare Alternative. Soviel verrät Freund Chico, der Ex-Raucher. Kalorienarmen Kaugummi oder Karotten lieben lernen, sonst hat Ana gleich wieder neue Beschwerdegründe. Das Aufhören war wohl doch nicht ganz so einfach, wie Chico glauben machen will. Ein starker Raucher ist ein schwacher Mensch. Das will Paulo jetzt mal glauben. Und stark sein. Als Mensch.
ESA 05/05

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