Senhor Jesus de Alvor

Algarve-Legenden

Nach den Mauren kamen die Christen und deshalb veröffentlichen wir, als letzte Legende unserer Serie, die des Jesus Christus von Alvor. Mit der Jesus-Figur der alten Hauptkirche von Alvor sind einige wundersame Geschichten verbunden. Eine davon betrifft das Erscheinen der Figur selbst. Es sind sehr alte Geschichten. So alt wie die im 16. Jahrhundert erbaute Kirche, die dem Erdbeben von 1755, das fast das gesamte Dorf zerstörte, nicht zum Opfer fiel.

Vor langer, langer Zeit entdeckten Fischer von Alvor auf hoher See in weiter Ferne eine Holzkiste, die leicht auf den Wellen hin und her schaukelte. Das Wetter war gut, der Wind blies sanft und das Wasser war ruhig. Da man seit einiger Zeit nichts von einem Schiffbruch gehört hatte, wunderten sie sich über diese Kiste, die von Wasser an Land getrieben wurde. Sehr verwunderlich war jedoch, dass die Kiste in gerader Linie auf die Küste von Alvor zutrieb, als ob jemand oder etwas, eine Kraft, sie trieb. Die Männer beschlossen, dieses Phänomen nicht aus den Augen zu lassen. Aber aus sicherer Entfernung, wie ihre Angst ihnen empfahl. Als die Kiste endlich strandete, gingen auch die Männer an Land und rannten ins Dorf, um allen zu berichten, was sie soeben erlebt hatten. Alle Bewohner von Alvor trafen sich am Strand und beschlossen, gemeinsam die Kiste zu öffnen. Die Aufgabe erwies sich als kompliziert, als sie es dennoch schafften, entdeckten sie verwundert eine Figur von Jesus Christus am Kreuz. Unentschlossen blickten sie einander an, bis jemand vorschlug, die Figur in die Hauptkirche zu tragen. Dort würde sie gut aufgehoben sein, bis man einen anderen Ort fand. Auch diese Aufgabe erwies sich als kompliziert. Doch nach mehreren Versuchen gelang es ihnen. 15 Männer waren nötig, um die Figur aus der Kiste zu heben, und in dem Moment entdeckten sie auf dem Boden der Kiste eine Tafel mit der Aufschrift „Senhor Jesus – Praias de Alvor“. Überglücklich über dieses Geschenk des Himmels beschlossen sie, die Figur für immer in der Hauptkirche von Alvor zu lassen. Vom ersten Tag an vollbrachte die Figur des Gekreuzigten viele Wunder, die sich schnell in der Gegend herum sprachen. Es dauerte nicht lange, bis die Bewohner von Portimão beschlossen, die Figur aus der Kirche in Alvor zu stehlen. In der vereinbarten Nacht brachen die Portimonenses in die Kirche ein und legten die Figur auf einen an zwei Ochsen gespannten Tierkarren. Bis zum Sítio das Morticeiras verlief alles problemlos, doch an dieser Stelle angekommen, schafften die Tiere keinen weiteren Schritt. Sie spannten immer mehr Ochsen ein, doch ohne Erfolg. Der Karren blieb am Sítio das Morticeiras, der Grenze zwischen den beiden Gemeinden, stehen. Als die Räuber dieses Wunder sahen, brachten sie verschämt die Figur zurück in die Kirche von Alvor. Dem Jesus Christus von Alvor werden viele Wunder nachgesagt. Es wird auch erzählt, dass der Kirchendiener morgens oft nasse Fußabdrücke entdeckte, die von der Tür bis zum Altar des Gekreuzigten führten. An diesen Tagen bemerkte er auch, dass die Knie von Jesus Christus bluteten. Die Wiederholung dieser Erscheinung, meistens an Tagen, an denen es in der Nacht zu Schiffbruch gekommen war, bei denen die Fischer gerettet wurden, machten den Kirchendiener neugierig, so dass er beschloss, heimlich zu beobachten. Eines Abends sah er dann, wie Jesus Christus vom Kreuz herabstieg und die Kirche verließ. Etwas später kam Jesus durchnässt zurück, hinterließ nasse Spuren auf dem Boden und stellte sich wieder ans Kreuz. Er war also der Retter der Fischer. Am 1. November 1755, dem Tag des großen Erdbebens, soll der Gekreuzigte folgendes Wunder in Alvor vollbracht haben: Als die Erde zu beben begann, rannte die Bevölkerung in die Kirche und flehte um Gottes Barmherzigkeit. Sie schlossen Türen und Fenster und lauschten voller Angst der Gewalt der Natur. Enorme Wellen schlugen immer wieder auf ́s Land und zerstörten alles auf ihrem Weg, bevor sie zurück ins Meer flossen. Als ein Fischer sah, wie sich eine weitere enorme Welle bildete und aufs Land zukam, schrie er „Jesus Christus hilf uns!“. Ein kleiner Junge rannte verzweifelt zur Figur des Gekreuzigten, nahm sie vom Altar, rannte mit ihr bis vor der Kirche und hob sie in die Luft. In diesem Moment blieb die Welle wie gefroren stehen und kehrte dann zurück ins Meer. Die Aufregung war zu groß und der Junge fiel in Ohnmacht. Als man die Figur in die Kirche bringen wollte, waren wieder 15 erwachsene Männer nötig, um sie heben zu können. Auch lustige und merkwürdige Geschichten werden erzählt. So soll der Bart von der Jesus-Figur von Alvor immer wieder leicht gewachsen sein. Der Prior bemerkte dies und suchte einen gläubigen, respektvollen Barbier, der wöchentlich der Figur den Bart schneiden sollte. Doch eines Tages starb der fromme Mann und der Prior musste die Aufgabe dem anderen Barbier von Alvor – damals gab es nur zwei erteilen. Dieser war jedoch weder fromm noch gläubig. Er war respektlos, unverschämt und fluchte oft. Der Prior hatte jedoch keine andere Wahl. Er erteilte ihm die Aufgabe und mahnte ihn, seine Zunge innerhalb der Kirche zu kontrollieren. Doch gleich beim ersten Mal, als er die eine Hälfte des Bartes rasiert hatte und dabei war, auf die Leiter zu steigen, um an die andere Seite zu kommen, fluchte er. Der Herr Jesus Christus schaute ihn mit solch Zorn erfüllten Augen an, dass er erschrak und von der Leiter fiel. Ab diesem Tag ist der Bart des Gekreuzigten nie wieder nachgewachsen. Bis heute soll die Figur wie an diesem Tag sein: halbrasiert.

Miriam Meyer

ESA 11/13

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