Höhenflug & Gegenwind

Zum Tode von Mário Soares

Gegensätze prägten von Beginn an sein Leben, erzählte Mário Soares: „Mein Vater war sehr katholisch und sehr links. Er ließ mir Freiraum, mich selbst zu informieren, schickte mich aber auch zu Gesprächspartnern seiner Wahl.“ Der Philosoph Agostinho da Silva, der die Freiheit des Menschen als bestimmenden Faktor der Gesellschaft ansah, wurde zum Mentor des späteren Staatslenkers Mário Soares, dessen Vater João Soares Theologie studiert hatte, sich aber nach dem Sturz der Monarchie 1910 weltlichen Dingen zuwandte: Er wurde Parlamentsabgeordneter und Minister für koloniale Fragen der jungen Republik. Nach dem Militärputsch von 1926 kam João Soares als Gegner der Diktatur wiederholt in Haft. Zudem widersetzte er sich der vatikanischen Anordnung, das Theologenamt auszuüben, und lebte mit Mários Mutter Elisa Nobre ohne Trauschein – als die Eltern heirateten, war Mário neun Jahre alt und hatte vier Halbgeschwister. Immerhin gelang es dem Vater, 1935 in Lissabon die bis heute renommierte humanistische Privatschule Colégio Moderno zu gründen, die auch Sohn Mário absolvierte, bevor er an der Universidade de Lisboa Geschichte, Philosophie und Jura studierte.

Mário Soares war stets politisch aktiv, ab 1942 in der kommunistischen Partei PCP, von der er sich in den 1950er Jahren abwandte. Als Anwalt verteidigte er Regimegegner wie Álvaro Cunhal, die Ikone der portugiesischen Kommunisten, und die Familie des Generals Humberto Delgado, der nach seiner oppositionellen Kandidatur 1958 zum Staatspräsidenten von der Geheimpolizei ermordet worden war. Auch Soares selbst lernte die Kerker der Diktatur kennen. 1949 heiratete er im Gefängnis seine politische Weggefährtin Maria Barroso. Bis 1968 wurde Soares zwölfmal verhaftet und schließlich mit Ehefrau, Sohn João und Tochter Isabel für ein halbes Jahr in die Kolonie São Tomé verbannt. 1964 gründete er in Genf die „Portugiesische Sozialistische Aktion“ und kandidierte bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1965 und 1969 für ein antifaschistisches Bündnis, das offiziell kaum fünf Prozent der Stimmen bekam.

Soares ging ins Exil nach Frankreich und vertiefte den Kontakt zu sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien Europas: Bruno Kreisky, Olof Palme, François Mitterrand und vor allem Willy Brandt unterstützten ihn aktiv. So kam es, dass die Partido Socialista (PS) nicht am Tejo gegründet wurde, sondern im Konferenzzentrum der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bad Münstereifel. Ein Jahr später beendete die Nelkenrevolution die Diktatur. Mário Soares erlebte jenen 25. April 1974 in Deutschland: „Frühmorgens kam ein Anruf – irgendetwas sei passiert in Portugal, eine Revolte, ein Umsturz. Nichts war klar.“ Er reiste über Paris mit dem Zug nach Lissabon: „Am ersten Bahnhof nach der Grenze hielt uns eine Menschenmenge auf. Ich improvisierte eine Rede und sah plötzlich einen Uniformierten. Also wieder ins Gefängnis, dachte ich. Doch der Uniformierte salutierte und sagte: ‘Können wir bitte weiterfahren? Wir haben schon eine halbe Stunde Verspätung.’ Da wusste ich: Wir haben gewonnen.“

Soares trug dazu bei, Portugal nach 48 Jahren Diktatur zur Demokratie zu führen, zuerst als Außenminister. 1976 bis 1977, erneut 1978 und 1983 bis 1985 als Regierungschef – da erstritt der überzeugte Europäer die Aufnahme Portugals in die Europäische Gemeinschaft, die spätere EU. Dazu war eine belastbare Wirtschaft nötig. Soares steuerte einen harten Sparkurs und nahm Sanierungshilfe des Internationalen Währungsfonds an, was ihm harsche Kritik im eigenen Lager bescherte. Im EG-Beitrittsjahr 1986 wurde Mário Soares Staatspräsident – der erste Nicht-Militär nach sechzig Jahren amtierte zweimal, bis 1996. Von 1999 bis 2004 war er EU-Parlamentarier und Förderer der EU-Osterweiterung und plädierte für den Beitritt der Türkei. Die Wahl zum EU-Parlamentspräsidenten verlor Soares gegen die französische Konservative Nicole Fontaine. Bei einer erneuten Präsidentschaftskandidatur in Portugal 2006 wählten ihn nur noch 14 Prozent. Die Zeit offenbarte: Ikonen verblassen.

Soares habe „Höhenflüge im Gegenwind“ erlebt, schrieb der Kommentator Raul Vaz. Kritiker bemängeln, Soares habe ab 1974 bei der Dekolonisierung als verantwortlicher Minister zu rasch und unüberlegt gehandelt, was das Leben der 500.000 retornados (aus den Kolonien heimgekehrte Portugiesen) erschwert habe und auch die politische Zukunft der ehemaligen Kolonien, denn Soares habe mit gleich gesinnten afrikanischen Befreiungsbewegungen gesprochen, aber andere politische Kräfte ignoriert. Und daheim in Portugal schien in den Wirren des Jahres 1975 die Bildung eines kommunistischen Regimes ebenso möglich wie eine rechte Konterrevolution. Soares’ damaliges Walten ist bis heute umstritten: Die einen sind überzeugt, er habe mit Unterstützung der deutschen Sozialdemokraten den Rückfall in den Totalitarismus verhindert. Die anderen sehen die Eingliederung Portugals in den liberaldemokratisch-marktwirtschaftlichen Konsens Westeuropas als Verrat am „dritten Weg zum Sozialismus“ der Nelkenrevolution.

In der letzten Dekade zog Soares sich vom politischen Tagesgeschäft zurück, ohne zu verstummen: Als Portugals Parlament 2011 die Troika rief und ein EU-Rettungspaket annahm, konstatierte er, die EU exerziere „Raubtierkapitalismus“. Soares prangerte Sparpolitik und wachsende soziale Ungleichheit in Portugal und Europa und die Vernachlässigung von Flüchtlingen an. Als Privatmann eckte er immer öfter an. Da ist die Geschichte einer Verkehrskontrolle wegen überhöhter Geschwindigkeit, bei der Soares den Polizisten im Vorbeifahren geraten habe: „Verschwinden Sie einfach“ (was die auch widerspruchslos taten). Und als er 2015 den wegen Steuerhinterziehung, Korruption und Geldwäsche angeklagten Parteifreund und früheren Regierungschef José Sócrates in der Untersuchungshaft besuchte und flammende Reden für den seiner Meinung nach „politischen Gefangenen“ hielt, fragten sich viele, ob Soares in seiner unbedingten Freiheitsliebe die Orientierung verloren habe.

Mário Soares resümierte, er habe im Leben „das Glück gehabt, Positionen zu beziehen und damit Recht zu haben.” Am 7. Januar ist Mário Alberto Nobre Lopes Soares im Alter von 92 Jahren gestorben.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 02/2017

 

 

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