Karneval

Satire und Samba

Knapp zwei Wochen vor Fasching war die Aufführung des Karnevals in vielen Gemeinden der Algarve ungewiss. Einige verzichten dieses Jahr auf den Umzug. Doch die, die feiern, haben wegen der Geschehnisse vom letzten Jahr im In- und Ausland besonders viel Stoff zum Veralbern – die Besucher erwartet viel Spaß

Lediglich im Karnevalsmekka Loulé, wo die Stadtverwaltung das Faschingsfest organisiert, liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren und die Umzüge wurden rechtzeitig angekündigt. In manchen kleineren Städten und Ortschaften übernehmen die Rathäuser dagegen nur einen Teil der Kosten. Dort wird der Karneval etwas bescheidener gefeiert, denn die Korsos werden von kulturellen Vereinigungen vorbereitet, die um finanzielle Unterstützung kämpfen müssen und auf freiwillige Helfer angewiesen sind. Andere, wie Vila Real de Santo António organisieren dieses Jahr keinen Umzug oder lassen den Fasching sogar ganz ausfallen. Der Straßenkarneval von Loulé ist in der Nebensaison eine der wichtigsten touristischen Attraktionen der Stadt und der Algarve und darf gerade deshalb nicht ausfallen. Der Einnahmenverlust wäre wohl größer als die Organisationskosten. „Zivilisierter Karneval“ war das Motto des ersten offiziellen Karnevals in Loulé im Jahr 1906. Zuvor war das Fest ein aggressives Volksfest, geprägt von geschmacklosen Scherzen. Aus dieser Zeit stammt der Brauch – der noch bis vor nicht allzu vielen Jahren praktiziert wurde – Eier, Mehl und manch- mal auch andere unhygienische und klebrige Gegenstände und Flüssigkeiten auf die Zuschauer zu werfen. 1941 begannen die Gemeinden, sich am Karneval mit geschmückten Wagen an den Umzügen zu beteiligen. Es dauerte nicht lange, bis mit den Prunkwagen Forderungen und Beschwerden von Ortschaften gegenüber der Obrigkeit dargestellt wurden. Auch dieses Jahr ist keine Ausnahme. Vor allem Portugals stellvertretender Premierminister Paulo Portas ist ins Visier der Organisatoren geraten. Es war sein Rücktritt vom Amt des Außenministers im Juli 2013, der als Inspiration für das diesjährige Thema diente: „Único e Irrevogável“ (z. Dt.: Einzigartig und unwiderruflich). Der Chef der Koalitionspartei CDS löste damals eine Regierungskrise aus und meinte, seine Entscheidung sei „unwiderruflich“. Doch kurz darauf einigte er sich mit Premierminister Passos Coelho. Das Abkommen sah vor, dass CDS-Chef Paulo Portas als stellvertretender Regierungschef für die Wirtschaftspolitik und die Beziehungen zur Troika hauptverantwortlich sein würde. Später erklärte er, er hätte im Interesse der Nation gehandelt. Passos Coelho, PS-Parteichef António Seguro und natürlich die Troika und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden ebenfalls Opfer der politischen Satire in Loulé sein. Da dieses Jahr das 40. Jubiläum der Nelkenrevolution gefeiert wird, wurde auch ein Wagen zu diesem Thema gebaut, auf dem Figuren der Persönlichkeiten zu sehen sind, die Portugals 40-jährige Demokratie kennzeichnen, wie der ehemalige Staatschef Mário Soares oder Cavaco Silva, ehemaliger Regierungschef und aktueller Staatschef. Auch die großen Fußballbosse, Idol Cristiano Ronaldo und natürlich der „König“ Eusébio werden dargestellt. Neben den 15 buntverzierten Wagen mit ihren riesigen und lustigen Karikaturen sind hunderte, kostümierte Sambatänzerinnen und -tänzer eine der Hauptattraktionen des dreitägigen Korsos. Während dieser drei tollen Tage gilt überall das Motto „É carnaval, ninguém leva a mal“ (es ist Karneval, niemand nimmt es übel). Gefeiert wird zu Ehren des Königs Momo, der seinen portugiesischen Hofstaat zum Fröhlichsein und Spaßhaben während seiner dreitätigen Herrschaft aufruft. Folgen Sie dem Aufruf! Schließlich heißt es ja auch „A vida são dois dias e o carnaval sao três“!

Miriam Meyer

ESA 03/14

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