Volksfest der Masken

Im Karneval wird ein paar Tage lang mit der Rationalität des Alltags gebrochen. Die Formen des Feierns sind vielfältig, Maskerade gehört dazu. Im nordportugiesischen Lazarim herrscht urtypisches Brauchtum, das langsam zum Publikumsmagneten wird

Erlenholz, frisch geschlagen, verfärbt sich an den Schnittstellen blutrot. Etwas Mystisches scheint in dem Holz zu stecken; Dichter und Legenden sahen in dem Baum das Sinnbild des Geisterhaft-Bedrohlichen. Die Masken, die zu Karneval im nordportugiesischen Lazarim getragen werden, sind aus Erlenholz geschnitzt. Der siebenhundert Einwohner zählende Ort, der zur Stadt Lamego gehört, hütet die Seele des Karnevals, die sich am Entrudo genannten Karnevalsdienstag ein letztes Mal vor der Fastenzeit austobt. In Lazarim ist Portugals archaischer Karneval zu Hause. Der Ort inmitten einer Landschaft aus Obstgärten und Ruinen alter Klöster ist nur über eine einzige Straße zu erreichen und wer die an Karneval befährt, wird über kurz oder lang in jedem Sinn und mit allen Sinnen gefangen genommen und betritt ein zum Leben erwachtes Brueghel-Gemälde: Opulent, teuflisch, farbenfroh. An der Grenze zwischen Winter und Frühjahr poltern die Dämonen ungezügelt, bevor sie ausgetrieben werden. Figuren, eingewickelt in Stickerei, grobes Leinen oder Strohumhänge mäandern durch die Straßen. Einige reiten auf Eseln, alle tragen hölzerne Masken, die keinen Aufschluss über den Träger und seine Absichten geben. Die Maske schafft eine Kurzzeit-Identität: Alles ist erlaubt und niemand weiß, wer dort Leidenschaften auslebt, die er ein Jahr lang aufgestaut hat. Ungefähr so, wie die Besucher hier, müssen sich portugiesische Seeleute gefühlt haben, als sie unbekannte Kulturen entdeckten, deren Riten sie nicht verstanden und die eine Mischung aus Furcht und Faszination auslösten.

Das Fest beginnt lange vor den Defilées am Karnevalssonntag und -dienstag. Es geht nicht nur um die Masken, die wichtiger sind als die übrige Verkleidung. Viele Fasnachtsmasken haben überlang heraushängende Zungen. Andere tragen gewaltige Hörner. Die Symbolik zielt eindeutig unter die Gürtellinie. Auch der Hintersinn der Maskerade braucht Vorbereitung. Manchem Bürger droht zum Entrudo ein Ende mit Schrecken: Die so genannten Testamente der Schlüsselfiguren Compadre und Comadre halten den Karnevalisten den Spiegel vor: Jeder Fehler, jeder Leichtsinn, jede Bosheit wird übers Jahr registriert, und am Karnevalsdienstag als Testament in unzweideutigen Reimen marktschreierisch verlesen. Die Maske als Versteck wird verbal heruntergerissen, der Mensch steht da, entblößt sind all seine Unzulänglichkeiten. So geht es auch schon mal handfest zu, unverblümte Scherze und Anfassen erlaubt. Nur einmal ging das Treiben so weit, dass die Polizei erschien. Im folgenden Jahr wurden die Uniformierten prompt im Karnevalstestament parodiert. In portugiesischen wie auch in deutschen Karnevalsstudien taucht die These auf, in Anlehnung an Schriften des Augustinus sei die Fastnacht bis in die frühe Neuzeit hinein mit dem Teufelsstaat ,,civitas diaboli” verglichen worden. Die mittelalterlichen Grundlagen des Festes, diabolische Gestalten, ganze Figurenfamilien, deren Mitglieder verschiedene Charaktereigenschaften und Aufgaben haben, archaische Masken, das Treiben auf den Straßen, sonore Rhythmen von Blas- und Schlaginstrumenten, die Musik nicht genannt werden wollen, erinnern an Riten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Der Karneval kommt aus Zeiten, als ­ carne levare, die Fleischwegnahme ­ verderbliche Lebensmittel vor der Fastenzeit verzehrt wurden. Auf dem Hauptplatz in Lazarim werden lokale Delikatessen aus getrocknetem Schweinefleisch verkauft. In der Nähe stehen dampfende Töpfe mit feijoada. Die Gastronomie spielt, modernisiert, in Lazarim eine große Rolle. Der Verein Progestur, dessen Ziel die Förderung des Kulturtourismus in Portugal ist, hat sich des Karnevals in Lazarim angenommen und präsentiert Gästen aus dem In- und Ausland die Traditionen mit Speisen und lokalem Kunsthandwerk. Zum Schluss verlesen zwei ziemlich schräge Totengräber von einem Balkon, begleitet von Trommelwirbeln und Rufen, das derbe Testament der Compadres und Comadres. Ein feierlicher Zug geleitet dann die bunten Papierpuppen aus dem Ort und verbrennt sie unter viel Getöse in einem Feuerwerk mit buntem Rauch. Die kollektive Katharsis findet ihren Höhepunkt. Danach fallen die Masken, ein neues Jahr beginnt und alles, was sich ereignet, wird im nächsten Karneval verspottet, bestraft und ausgetrieben.

Info und Programm: www.progestur.net/programentrudo08.html

Der Tischler José António da Silva Costa weiß genau, wie lange Erlenholz trocknen muss, damit es beim Bearbeiten nicht reißt oder bricht. In alter Technik bearbeitet er den Block mit Klopfholz und Beitel: So entsteht nach 30 Stunden Arbeit eine ausdrucksstarke Maske, etwa 30 bis 50 cm hoch und 20 bis 25 cm breit. Die Gesichter folgen überlieferten Motiven, dabei versucht Costa auch, in seinen Masken jährlich wechselnde Mottos des modernen Karnevals einzubeziehen. In Lazarim widmen sich nur noch wenige diesem Kunsthandwerk, José Costa ist mit 36 Jahren der Jüngste; übers Jahr baut er Möbel. Seit einiger Zeit kommen Touristen, die die Masken als Souvenir mitnehmen, vornehmlich Spanier, Franzosen und Deutsche. Die Handarbeit kostet an die 200 Euro.

Text: HENRIETTA BILAWER Fotos: HÉLDER FERREIRA/ PROGESTUR
ESA 02/08

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