Ein Fest für Millionen

Kostüme, Musik, Festwagen, Show und Unterhaltung bestimmen auch in Portugal den Karneval. Dahinter steckt lange Planung, viel Arbeit, Zeit und Geld und die Hoffnung auf rege Teilnahme von Touristen und Einheimischen. Der Karneval ist zum Wirtschaftsfaktor geworden

Muskelverspannung in Rücken und Beinen, wie es ,,nur ein schlecht trainierter Sportler nach einem Marathon hat”, spürt Carlos Sintra. Doch er beklagt sich nicht. Das körperliche Unbehagen ist nichts gegen die Freude, die er verspürt, wenn er das betrachtet, was ihm den Muskelkater eingebracht hat: Gemeinsam mit 150 Freiwilligen arbeitet er an den zwei Dutzend Festwagen für den Karneval in Loulé, dem größten Umzug südlich des Tejo mit jährlich bis zu 100.000 Gästen. Da wird geschraubt, geklebt und mit dem Schleifgerät gearbeitet, das erfordere ,,schon mal ungelenke Haltung und Kriechen auf allen Vieren”. Sintra möchte, dass ,,die Karnevalswagen dieses Jahr noch schöner und professioneller” werden. Ein Freund hat im vergangenen Jahr für die CowParade bei der Gestaltung von Glasfiberfiguren (s. ESA 9/06) teilgenommen, Sintra hat ihn besucht und ein paar technische Finessen für die Gestaltung seiner eigenen Arbeit abgeguckt. Vor wenigen Jahren hat er in Mainz den Rosenmontagszug gesehen: ,,Das werden wir hier nie erreichen”, meint er neidlos. Es gehe aber darum, ,,vorhandene Ressourcen so einzusetzen, dass die Zuschauer auch von kleinen Veranstaltungen begeistert sind und durch ihre Mundpropaganda im kommenden Jahr noch mehr Leute zu uns kommen”. Der Satz, der aus einem Marketinglehrgang stammen könnte, zeigt: Karneval ist ein ökonomischer Faktor, mit dem Portugals Faschingshochburgen ihre kommunalen Kassen auffüllen möchten. Das Angebot ist in der Form und in der Dosierung wohlüberlegt. Aus Deutschland kämen viele ,,Karnevalsflüchtlinge”, denen der Trubel daheim zu viel wird, erzählt Carlos Sintra. Diese Menschen ,,wollen wir nicht mit dem gleichen Tamtam begrüßen”. Es soll nur ein bisschen Spaß sein, bevor die spätwinterliche Ruhe zurückkehrt. Der Karneval in Loulé geht auf eine ökonomisch motivierte Idee zurück: Junge Leute, die sich vor gut hundert Jahren im alten Café Barbosinha trafen, wollten an Fasching ihre Mitmenschen amüsieren und dabei Geld für wohltätige Zwecke sammeln. Ab 1926 wurden die Einnahmen für das örtliche Krankenhaus gespendet. Heute steckt eine umfangreiche Organisation hinter dem Faschingsauftritt. Die Stadtverwaltung unterstützt die Kostüme der Schulkinder mit rund 15.000 Euro. Gemeinsam mit Sponsoren und Tourismusverband plant das Rathaus schon im August die Investitionen in das närrische Treiben. Allerdings schaffe der Karneval ,,nicht, wie in Rio de Janeiro, ganzjährig Arbeitsplätze”, so Carlos Sintra. Die Kosten für den Umzug allein am Entrudo genannten Karnevalsdienstag, traditionell der Haupttag der Aktivitäten, belaufen sich auf über eine halbe Million Euro. Auf der Einnahmenseite rechnen die Veranstalter nicht nur mit ausländischen Touristen: Immer mehr Portugiesen aus anderen Landesteilen reisen an, um in der Algarve das Karnevalswochenende zu verbringen. Hotels melden bereits jetzt hohe Buchungszahlen. Der lokale Handel stellt sich in ereignisarmen Wintertagen auf den umsatzfördernden Karneval ein. Kostüme und Masken haben schon seit Jahresanfang in den Regalen die letzten Schoko-Weihnachtsmänner verdrängt. Sprecher großer Handelsketten verzeichneten 2006 in der Sparte ein Umsatzplus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr, es sieht nach weiterer Steigerung aus, so ein Sprecher des Hypermarktes Continente. Karnevals-Kunden geben für den Zubehör ,, 30 bis 50″ aus. In der Alentejostadt Sines habe der Karneval eine Jahrhunderte alte Tradition, beschwören Einheimische, auch wenn die Annalen vom ersten Straßenkarneval 1926 sprechen. Mitte der 60er Jahre entdeckte der Rat der Stadt den Fasching als Einnahmequelle: 1968 zahlte die Câmara Municipal den Mitwirkenden der Umzüge und Veranstaltungen erstmals Zuschüsse.

Das Korso wurde aus den verwinkelten Gässchen der Innenstadt auf die breiten Avenidas verlegt. Wer seine Freizeit den Monate dauernden Vorbereitungen opfert, hat zur Belohnung freien Eintritt bei allen Maskenbällen. Die Finanzierung von Schmuck, Kostümen und Festwagen tragen die Karnevalsvereine. Die Stadt Sines lässt ,,keinen Enthusiasten pleite gehen”, so ein Ratssprecher. Wer ,,etwas auf die Beine stellt und Verlust macht, etwa weil das Wetter die Gäste vertreibt, bekommt das Geld von der Stadt zurück”. Der Carnaval de Ovar ist für den Ort zwischen Aveiro und Porto als ,,unser Tafelsilber”, sagt Américo Sá Pinto vom Organisationskomitee. Er nimmt das Geschäft mit dem bunten Treiben sehr ernst: 2.000 Teilnehmer, 25 Festwagen und 400.000 Investitionen summieren, was das Publikum in diesem Monat unterhalten soll. So viel kosten Absperrungen, Plakate, Sicherheitspersonal und Teilnehmer, die ,,wenigstens etwas zu Essen haben sollen, wenn wir proben”. Jeder investierte Euro sei ,,gut überlegt”. Der Aufwand der Enthusiasten sei nicht zu beziffern, aber auch, wenn eine Mutter ein paar Meter Stoff für die Kostüme der Kinder kauft, gehöre das zur Bilanz des Karnevals: ,,Ovar kann nur gewinnen”. Karneval in Ovar versteht Sá Pinto als ,,Motor der lokalen Wirtschaft”. Die Leute ,,gehen öfter aus Essen, etwas Trinken”. Ein Lokal, das sich dabei attraktiv präsentiere, trage zum Ruf einer gastfreundlichen Stadt bei. Die steigende Präsenz des Karnevals in Portugal schafft mittlerweile die ersten Karnevalsflüchtigen in der eigenen Bevölkerung: Kurzreisen über die Karnevalstage ins Ausland finden reißenden Absatz in den Reisebüros.

Henrietta Bilawer
ESA 02/07

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