Heilige Rhapsodie

Im Juni werden in Portugal viele Feste zu Ehren verschiedener Heiliger gefeiert. Ob Umzüge, Straßentänze oder Grillfeste, dem Phantasiereichtum des Feierns sind keine Grenzen gesetzt

Ganz Portugal erlebt ein zweites Karneval, wenn im Juni die Volksheiligen geehrt werden. Doch für Santo António (13.6.), São João (24.6.) und São Pedro (29.6.) schmücken die Portugiesen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Städte. Farbenfrohe Laternen, Luftballons, Bänder und Blumen verzieren jede Straßenlampe, jedes Fenster und jeden Balkon und aus allen Winkeln tönt fröhliche Musik. Schon Wochen im Voraus werden bunte Kostüme und Standarte für die sogenannten Marchas Populares genäht. Die Marchas sind Umzüge, bei denen Gruppen aus Stadtvierteln oder Straßen, um das schönste Lied, die schönste Choreografie und die schönsten Kostüme wetten und natürlich die Volksheiligen ehren. Zum ersten Mal fanden diese Umzüge 1932 in Lissabon statt. José Leitão de Barros, Cineast, Dramatiker, Journalist und Dekorateur, wollte die Pracht und Freude der Umzüge, die die Gassen der Lissabonner Stadtviertel in Stimmung versetzten, an einem Ort konzentrieren, so dass ganz Portugal diese Feste miterleben konnte. Die Marchas verbreiteten sich durch das ganze Land und heute sind sie die bedeutendste Äußerung der Feste zu Ehren der Volksheiligen. Zu Ehren von São João, und auch um Glück und Gesundheit für das kommende Jahr zu haben, springen viele Portugiesen noch heute über das Johannisfeuer. Geliebten, Freunden und Familie werden während dieser Tage kleine Blumentöpfe mit Basilikum und einem lustigen Vierzeiler geschenkt. Die Vierzeiler sind meistens Liebeserklärungen oder populäre Gedichte zu den Heiligen. Wie bei allen portugiesischen Festen fehlt auch an diesen Tagen nicht reichlich Essen und Wein auf den Tischen und vor allem, in jeder noch so schmalen Gasse, Straße oder Platz wird ein Grill aufgestellt. Die gegrillte Sardine auf einer dick geschnittenen Brotscheibe ist Königin und wird überall angeboten. Im Stehen, mit Brot und Fisch in einer Hand und einem Glas Wein in der anderen, schmeckt diese einfache Köstlichkeit am besten. Andere typi-sche Leckerbissen während dieser Tage sind febras, pão com chouriço und caldo verde. Doch wie kam es dazu, dass diese Festlichkeiten mit den drei Volksheiligen verbunden wurden? Die Tradition hat die heidnischen Feste der Sonnenwende (Solstitium), die die Fruchtbarkeit feiern, mit dem religiösen Kalender vereint. So kam es, dass Santo António, ein vorbildlicher Franziskaner, São João, Vorbote des Christentums, und der Apostel Jesus São Pedro zu Santos casamenteiros, also heilige Heiratsvermittler, wurden. Der Ruf Santo Antónios als Heiratsvermittler wächst seit 1950, als er durch eine damalige Initiative der Zeitung ,,Diário Popular” bei Hochzeiten von ärmeren Liebespärchen Patenstelle annahm. Durch Anmeldung bei der Zeitung heiratete das Brautpaar am 13. Juni und gewann Brautausstattung und Elektrogeräte. Um teilnehmen zu dürfen, musste die Braut jedoch klinisch beweisen noch Jungfrau zu sein! Diese Initiative wurde Bestandteil der Propaganda von Salazars Diktatur, wie auch zur Tradition in Lissabon. Viele Verlobte heiraten heutzutage, mit Live-Fernsehübertragung, noch an diesem Tag und bekommen Brautkleid, Anzug, Eheringe und vieles mehr geschenkt. Die Feste zu Ehren der Volksheiligen in Portugals Hauptstadt sind auf Platz 19 des europäischen Ranking der 50 beliebtesten Festivals, und somit beliebter als das Saint Patrick Festival in Dublin, Karneval in Nice, das Jazzfestival von Montreux oder die Loveparade in Berlin.

Text: ANABELA GASPAR
ESA 6/05

 

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