Dornröschen ist hellwach

Kaum ist das Grün der Weihnachtsdekorationen verschwunden, blitzen aller Orten rote Herzchen ­ untrügliches Zeichen für den Valentinstag. Doch was wäre das Fest der Liebe und Freundschaft ohne Kuss

Fällt die Wissenschaft über die Gefühle her, bleibt die Romantik auf der Strecke. US-Forscher des Albert Einstein College of Medicine möchten die ,,Gehirnphysiologie der romantischen Liebe” in den Köpfen von Amors Pfeil getroffener Menschen ergründen. Die Opfer stecken in der Röhre eines Magnet-Resonanz-Tomographen. Der liefert detaillierte Bilder aktiver HirnRegionen, wenn die Probanden ein Foto der oder des Angebeteten und danach ein neutrales Motiv betrachten. Die Entwicklung der Hirnströme hängt ganz unromantisch mit Hormonen zusammen. Doch bald ist Valentinstag und Verliebte wollen Gefühlsdemonstrationen.

Eine preiswerte Gabe ist der Kuss. Obwohl auch labiale Zärtlichkeiten Verpflichtungen wie ein kreditfinanziertes Präsent schaffen können: ,,Kaufen Sie jetzt, zahlen Sie später.” Im Mittelalter konnte mit einem Kuss immerhin ein Vertrag besiegelt werden. Das weckt Erinnerungen an Schmatzer später Reichsverweser wie Honni & Gorbi und ist so wenig stimulierend wie Darwins These, der menschliche Kuss sei die Evolution prä-sexueller Beißriten der Primaten. Auch die pro-biotische Botschaft von WellnessAposteln, Küssen trainiere 34 Muskeln und verbrenne pro Minute 20 Kalorien, weckt kaum Gelüste. Ein Risiko ist auch dabei, nicht nur wegen des Eindrucks, den der Lippenabdruck mit Nachdruck hinterlässt: Nach dem Bussi kam der Allergieschock, der Hals schwoll an, Atemnot und Hautausschlag folgten. Der Arzt ermittelte, dass der Freund des Kuss-Opfers vor dem Lippen-Bekenntnis Garnelen gegessen hatte, die Freundin war allergisch. Da wird die Liebe anstrengend. Eins rechts, eins links für Freunde: Beijinhos sind allgegenwärtig in Portugal. Beijar é como beber água salgada; quanto mais se bebe mais a sede aumenta, ,,ein Kuss ist wie Salzwasser, je mehr man trinkt, desto größer wird der Durst”: Ein Buch über portugiesische Sprichwörter offeriert auf 500 Seiten ganze fünf Weisheiten zum Zusammentreffen zweier Münder. Eine diskrete Angelegenheit, auch wenn die Werbung da nicht mitspielt: Ein ToilettenpapierHersteller pries sein Produkt mit dem Hinweis, es mache den Po zur Kuss-Zone. Der Bischof von Leiria warnte, Madonnenstatuen zu küssen:

Bei so vielen Jüngern herrsche Infektionsgefahr. Das Geheimnisvolle scheint abhanden gekommen. Dornröschen ist hell wach, der Prinz küsst per E-Mail oder SMS. Doch die Erinnerung an andere Zeiten lebt: Arménio Martins, über Sechzig und Direktor der Algarve-Regionalzeitung ,,A Avezinha” erinnert sich schmunzelnd an seine Jugend: Das Stelldichein und verliebte Küsschen waren auf Sonntagnachmittag beschränkt. Küssen ist eine globale Sitte. Anthropologen schätzen, dass sich 90 Prozent aller Menschen küssen, wobei die Bussi-Dramaturgie variiert. Japaner lieben Küsse an einsamen Stränden ­ so könnte der Algarve-Tourismusverband RTA die Region als Winterferienziel vermarkten. Dabei haben asiatische Knutschtechniker im Kamasutra über 30 verschiedene Küsse aufgeführt. Wichtigster Grundsatz: Er sollte auf Gegenseitigkeit beruhen. Graf Dracula kannte übrigens ebenso viele Kuss-Techniken. Abschieds- oder Begrüßungskuss, Gutenachtkuss, Handkuss, Pustekuss ­ jeder von ihnen so süß, dass er den IQ um 100 Punkte senkt, Gesichtszüge entgleisen lässt und dabei glückliche Menschen schafft. Und das gut 100.000 Mal im Leben mit einer Durchschnittsdauer je Kuss von über zwölf Sekunden. Kein Kino ohne Kuss. Einer der ersten Filme überhaupt bestand 1896 aus einer einzigen Kuss-Szene und hieß folglich ,,The Kiss”. William Heises erotisch unterbelichtetes Kinostück galt als Pornografie ­ und das Publikum war begeistert. Zehn Jahre zuvor hatte der Bildhauer Auguste Rodin zwei Liebende küssend in leidenschaftlicher Umarmung in Stein gehauen. Weitere hundert Jahre früher wurde in der noblen Gesellschaft eine Empfangsdame an eine Elektrisiermaschine angeschlossen: Sie begrüßte Gäste mit einem Funkenkuss. Was am Valentinstag auf keinen Fall dazu gehört, ist ein Judaskuss: Bitte nur ernst gemeinte Mund-zu-Mund-Bekundungen. In diesem Sinne: Beijinho!

Körpersprache besiegt Schönheit. Adrianne Blue, Kolumnistin der Zeitschrift Cosmopolitan, hat das Bussi-Universum durchleuchtet, Begleitphänomene, wie Hormone, Nerven und Muskeln und nationale Kuss-Riten von Frankreich über die Kalahari und China bis nach Hollywood entschlüsselt. Adrianne Blue: Vom Küssen oder Warum wir nicht voneinander lassen können. dtv-Taschenbuch 1997, 256 Seiten; ISBN 3423241055, ca. 12

Henrietta Bilawer

ESA 02/05

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