Ein Schuster und seine Leisten

Zunft mit ungewisser Zukunft

Als Zwölfjähriger tauschte Senhor Fernando de Oliveira den Federkiel gegen Ahle und Falzzange. Sechsundsiebzig Jahre später steht der Schuhmachermeister zwar noch immer an seiner Werkbank, aber seine Leisten liegen längst ausgemustert im Regal

Gelernt hat Fernando de Oliveira das Schusterhandwerk von der Pike auf von seinem Vater: Als Meister seiner Zunft war Joaquim Fernandes in Monchique und in der Umgebung hinreichend bekannt. Aus Lagos, Silves und Portimão kamen Kunden zu ihm in die Werkstatt nach Monchique oder riefen ihn zu sich ins Haus, um Schuhe nach Maß anfertigen zu lassen. Sein Sohn Fernando, gerade Zwölf geworden, hatte die vierte Klasse absolviert und von da an ging er seinem Vater als Stift zur Hand. Nach und nach lehrte dieser ihn den Umgang mit Ahle, Falzzange, Nagelbohrer und Ausputzmaschine, unterwies ihn chronologisch in jedem einzelnen Arbeitsschritt der Schuhmacherkunst und lehrte ihn den Umgang mit den Leisten, den Holzmodellen für Schuhe nach Maß. Er zeigte ihm, wie er am geschicktesten das Leder falzt, welches Leder für welchen Schuh geeignet ist, damit dieser wie angegossen am Fuß des Kunden sitzt, und wo exakt die Naht verlaufen muss, damit der Schuh eine bequeme Passform bekommt. Außerdem lehrte er seinem Sohn einen angemessen höflichen, kompetenten Umgang mit den Kunden und auf deren Wünsche einzugehen.
Neben den handwerklichen Fähigkeiten lernte Senhor de Oliveira die entsprechend modischen Aspekte und Trends der Schuhmanufaktur kennen. Beim Maßnehmen für den ersten Damenschuh seiner Laufbahn erkannte er sein persönliches Faible für die filigranen Kunstgriffe seiner Handwerkskunst. Das kreative Spektrum bei der Auswahl der Absatzform und Höhe sowie die Arbeit an den Nähten, um den Schuh nicht nur passend, sondern schick zu gestalten, gefiel ihm. Er verfeinerte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet stetig, experimentierte mit Accessoires und Applikationen und fertigte für seine Kundinnen Schuhe mit individuellem Charme. Einen Schuh aus seiner Manufaktur erkenne er Jahre später noch auf Anhieb wieder, erklärt Senhor de Oliveira stolz.

An seinen ersten Auftrag erinnert er sich lebhaft. Eine Woche lang wohnten er und sein Vater im Haus eines Kunden und fertigten erst Leisten und dann Schuhe für die gesamte Familie an. Vormittags half der Zwölfjährige seinem Vater beim Schustern, nachmittags spielte er mit der jüngsten Tochter der Familie im Garten. Der junge Schusterlehrling war seinem Vater ein fleißiger Zuarbeiter, verrichtete seine Aufgaben eifrig und staunte über sein erstes, selbst verdientes Geld: Zwanzig Escudos.
Aus dem Lehrling wurde bald ein routiniert arbeitender Schustergeselle mit offiziellem Ausbildungsnachweis, der Carteira Profissional, ausgestellt von der Schusterzunft in Loulé. Gerade erst sechzehn Jahre alt geworden, fertigte er bereits eigenständig Schuhe an. Zuerst nahm er gewissenhaft bei jedem Auftrag wieder Maß an den Füßen seiner Kunden. Anhand der Maße suchte er die passenden Leisten aus oder fertigte sie individuell anhand der Skizzen des jeweils linken und rechten Fußes neu an. Die Skizzen der Füße seiner Kunden füllen Hunderte Seiten in einem dicken Malbuch; neben Namen und Adressen der Kunden stehen Notizen darüber, ob der eine Fuß größer, breiter oder schmäler oder der Spann höher ist als der andere. Das Buch nennt Senhor de Oliveira seine Kundendatei. „Sorgfalt beim Maßnehmen gewährleistet ein optimales Ergebnis. Drückt der Schuh, ist der Schuster Schuld und der Kunde verärgert. Schmiegt sich der Schuh bequem an den Fuß, ist der Kunde zufrieden und kommt wieder.“ Das Journal seines Lebenswerks ist gewichtig. Senhor de Oliveira hält es mit beiden Armen umschlungen. Die Seiten sind vergilbt, die Ecken zu Eselsöhrchen umgeknickt. „Meine Arbeit und meine Lebenslinie sind in diesem Buch zusammengewachsen. Alle Menschen, mit denen ich je zu tun hatte, sind mit mir durch dieses Buch verbunden.“

Mit seinen achtundachtzig Jahren steht Senhor de Oliveira heute immer noch Tag für Tag hinter der Schusterwerkbank in genau der Werkstatt, in der er seit achtundsechzig Jahren arbeitet, davon vierund-zwanzig Jahre als angestellter Schuster und vierund-vierzig Jahre selbstständig. 1971 bot ihm sein ehemaliger Arbeitgeber an, den Schusterbetrieb zu übernehmen. Er nahm die Herausforderung an und gründete mit zwei Teilhabern die Gesellschaft -Sapataria Boavista – Lopes Oliveira & Carmo, Lda. Die drei Teilhaber arbeiteten viele Jahre gut ausgelastet mit sechs Angestellten, bis der Schuhmarkt sich in den 1990er Jahren rapide veränderte. Schuhfabriken überschwemmten den Markt mit Konfektionsschuhen in Preiskategorien, mit denen die Zunft der Schuhmacher auf Dauer nicht konkurrieren konnte. Der Schuh nach Maß verlor seinen einstigen Stellenwert im Kampf gegen einheitlich nach Größen sortierte Konfektionsschuhe, alle über ein und denselben Leisten geschlagen. Der Betrieb von Senhor de Oliveira musste erstmals seit seinem Bestehen Mitarbeiter entlassen. „Eine schmerzhafte Abwertung unserer Zunft“, seufzt der Mestre Sapateiro.

Vor dreißig Jahren arbeiteten in Monchique ein Dutzend Schuster mit etwa vierzig Mitarbeitern. Drei davon sind übrig geblieben und sie flicken getragene Schuhe. Einer von ihnen ist Senhor de Oliveira. Heute repariert der Schuhmachermeister Absätze und Sohlen. Den letzten Maßschuh für Kunden hat er vor über zehn Jahren angefertigt. Aus einer Tasche zieht er zwei Paar Herrenschuhe, seine eigenen, die er seit über zwanzig Jahren trägt. Qualität, die überzeugt.
„Das war einmal“, resümiert er. „Heutzutage kann ein Schuster mit seinem Handwerk allein keinen anständigen Lebensunterhalt mehr verdienen.“ Senhor de Oliveira ist der Letzte in der achtundsechzigjährigen Existenzgeschichte der Sapataria Boavista im gleichnamigen Treppengässchen Escadinhas da Boavista in Monchique. Neben kleinen Reparaturen bietet der Mestre Sapateiro eine bescheidene Auswahl an Damenschuhen, Herrenschuhen und Pflegezubehör zum Kauf an. In der Schuhmacherwerkstatt schimmert nostalgisch-melancholisch die Patina der Vergangenheit, fast so, als mache die Werkstatt bloß eine längere Pause. Die Regale sind gefüllt mit Schusterleisten aus Holz in diversen Größen und Formen. Dutzende Paare als Spuren einstiger Betriebsamkeit stehen mit einer Staubschicht bedeckt ausgemustert nebeneinander aufgereiht. Denkt der Meister daran, eines Tages aufzuhören? „Nein. Ich möchte mich jeden Tag daran erinnern, wer ich bin. Deshalb bleibe ich hier – bei meinen Leisten.“

Text und Foto: Catrin George
In ESA 01/016

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