Die Fischer von Alvor

Einmal Kameraden – immer Kameraden

Die Fischer von Alvor sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie teilen alles miteinander: Strapazen, Gefahr und Ausbeute

Der Fischerort Vila de Alvor ist eine Gemeinde der Stadt Portimão und liegt, getrennt vom Meer durch eine kilometerlange Sanddüne, in einer natürlichen Hafenbucht am Ostufer der gleichnamigen Lagune Ria de Alvor.
Durch die Düne vor den Launen des Meeres geschützt, diente die Hafenbucht bereits den karthagischen Seefahrern als Anlaufhafen Portus Hannibalis, benannt nach ihrem General, Hannibal Barkas, der die Siedlung etwa 225 v. Chr. entdeckt haben soll. Mit der Ankunft der Seefahrer entwickelte sich alsbald ein reger Handel mit lokalen Produkten und frisch gefangenem Fisch. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs Alvor zu einem dynamischen Marktplatz mit Fischerhafen heran.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Alvor zu einem properen Tourismusort mit Hotels und Gastronomie entwickelt; seine Infrastruktur am Strand und im Ortskern wurde grundlegend modernisiert. Dennoch ist Alvor ein Fischerort geblieben und das weiterhin von Hand ausgeübte Fischerhandwerk reflektiert die soziale und wirtschaftliche Struktur der Gemeinde.
2004 wurden die einstigen Fischerhütten abgerissen. Die Fischergilde zog von der Sandbank auf ein eigenes, für sie reserviertes Gelände um und wechselte von Lagerschuppen in massive Holzhäuser mit individuellen Mieteinheiten in zwei Größen und zwei Preiskategorien. Ein abgeschlossener Hafensteg bietet seitdem jedem Fischerboot einen eigenen Ankerplatz. Während die Fischer früher ihre Ausrüstung vor und nach jedem Fang mit einem Beiboot an und von Bord schaffen mussten, schieben sie jetzt sämtliches Handwerkszeug mit einem Handkarren über den Steg zu ihrem Boot. Eine eigene Zufahrt zum Fischerhafen und bis an die Bootsrampe heran sowie der hydraulische Schiffshebekran am Kai haben die allgemeinen Arbeitsbedingungen für die Fischer enorm verbessert.
Doch trotz all dieser Verbesserungen bleibt das Fischerhandwerk Knochenarbeit. Durchschnittlich sechzehn Stunden auf See gehören zum Alltag. Die Arbeit endet auch nicht, nachdem der Fisch gelöscht wurde. Sie geht in anderer Form weiter: Die Ausrüstung muss aufgeräumt, sortiert und für den nächsten Fang vorbereitet werden.
Die Fischer von Alvor arbeiten meistens zu dritt oder zu viert an Bord ihrer Fischerboote. Die Aufgabenverteilung an Bord läuft nach einem bestimmten Schema, damit alles reibungslos klappt. Bedingungsloses Vertrauen untereinander ist die Voraussetzung für Sicherheit und Erfolg. Fischer packen dort zu, wo es gerade nötig ist. Hierarchiedenken kann sich niemand leisten, die Folgen wären fatal. Jeder Fehler könnte der letzte sein oder den Fang, ihrer aller Lohn, zunichtemachen.

Fischer sind fleißige Männer, die ihre Arbeitskraft dem Fischfang opfern. Sie leben mit und auf dem Meer, ihre Sehnsucht gehört der See. Sie sind Kameraden auf Gedeih und Verderb und schuften etliche Stunden mehr als Angehörige anderer Berufe. Trotzdem wissen sie nie, wie hoch ihr Lohn am Ende des Tages sein wird. Sie werden älter, die Knochen müde, aber sie bleiben ihrer Gilde bis ins Rentenalter als fleißige Helfer an Land treu. „Einmal Meer, immer Meer“, sagen sie und können kaum erklären, was ihre Liebe zum Ozean nährt bei all den Strapazen, die das Fischerhandwerk ihnen täglich abverlangt. Vielleicht ist es die Kameradschaft, vielleicht ist es das stille Gelübde, die Macht des Überirdischen niemals infrage zu stellen. „Wie in der Ehe“, gestehen sie mit Augenzwinkern.
Aurélio Miguel Santana Lourenço, 47 Jahre alt, ist Fischer und Eigner des Fischerbootes Rio Alacem und hat das Fischerhandwerk seit er zwölf war von seinem Vater erlernt. Mit zwanzig versuchte er eine andere Beschäftigung und arbeitete im Hotel. Mit dreißig erkannte er, dass sein Herz dem Meer und dem Fischerhandwerk gehört. „Ein Mann muss seine Pflicht erfüllen. Wenn er keine Wahl hat, muss er jede Arbeit annehmen. Wenn er eine Wahl hat, ist er ein zufriedener Mann”, resümiert er, spießt stoisch Köder um Köder auf Haken, hält inne und lächelt versonnen: „Ich hatte die Wahl.“ – Worte eines Mannes, der täglich sechzehn und mehr Stunden schuftet, sich Tag und Nacht den Gefahren und Strapazen auf See aussetzt und die Verantwortung für seine Besatzung trägt.
Die Fischer von Alvor sind beherzte Burschen. Sie arbeiten still, schimpfen über die Politiker, zanken wegen Schiedsrichterentscheidungen beim Fußball und vertragen sich wieder. Sie betreiben die Kunst des Fischens, auf Portugiesisch Pesca artesanal, mit drei verschiedenen Fangmethoden abwechselnd, denn pro Fangfahrt ist gesetzlich lediglich eine Fangmethode erlaubt. Um Wirbellose, Krebse, Dorsche, Muränen und Meeraale in die Falle zu locken, verwenden Fischer Korbreusen. Diese speziellen Käfigfallen aus Plastikmaschen stellen die Fischer in unterschiedlicher Größe her. Das Ziel ist, die Beute mittels Köder in die Falle zu locken. Die Fischer setzen die Korbreusen einzeln, mit jeweils eigener Boje am Seil, knapp über dem Meeresboden aus, bestückt mit Lebendködern für Wirbellose und Krebse oder mit bereits fermentierten Fischstücken für Dorsch und Meeraale.
Für die aktive Netzfischerei benutzen sie Netze mit mittlerer Maschengröße bis zu 500 Meter Länge, die bis zu achtzig Meter in die Tiefe reichen. Das Netz dient den Fischern wie ein Käscher für den Schwarmfang, hauptsächlich von Makrelen und Sardinen. Sobald das Echolot einen Fischschwarm anzeigt, lassen die Fischer das Netz ins Wasser gleiten. Die mit Bleikugeln beschwerte Randleine (Untersimm) sinkt ab, das Netz breitet sich im Wasser aus, während der Skipper einen Kreis um den Schwarm herum steuert und das Netz den Schwarm einkreist. Sind der Anfang und das Ende des Netzes zusammengeführt, holen die Fischer das Netz ein und ein an Deck montierter Flaschenzug hievt den Fang im Netzbeutel an Bord.
Die dritte Methode ist der Fischfang mit Langleine und Angelhaken, genannt Anzóis-Methode. Als adäquate Alternative zur aktiven Netzfischerei dient diese Metho-de den Fischern für die Hochsee-fischerei der Edelfischsorten Brasse, Barsch und Barbe. Die Langleine misst etwa 3.500 Meter. Im Abstand von zwei Armlängen werden an die Haupt-leine kürzere Stücke Leine geknotet und an deren Ende jeweils ein Haken. Die Summe der Haken beträgt ungefähr 1.900 Stück. Nach dem Fang muss die Langleine entwirrt und neu gewickelt, die Haken überprüft und unter Umständen ausgetauscht werden. Bis jeder Meter Langleine und jeder Haken überprüft und alle sauber aufgereiht nebeneinander im Korkschwamm am Rand der speziell für die Langleinenmethode entwickelten Holzkiste, genannt Aparelho, stecken, sind zwei Männer zwei Tage lang beschäftigt. Fehlt nur noch der Köder. Hierfür verwenden die Fischer überwiegend Krake oder Tintenfisch, schneiden ihn in Stücke und spießen auf jeden der 1.900 Haken jeweils einen Köder. Dann kommt der Haken zurück in den Korkschwamm.
Die vierköpfige Besatzung des Fischerbootes Rio Alacem trifft letzte Vorbereitungen, dann geht es los mit Kurs Südsüdwest. Der bevorzugte Fischgrund liegt fünfunddreißig Meilen vor der Küste von Sagres. Hin und zurück sind die Fischer jeweils vier Stunden unterwegs. Für den eigentlichen Fischfang bleiben sie weitere acht Stunden auf See.
Auf dem Rückweg steuert die Rio Alacem den Hafen von Lagos an und die Fischer löschen den Fang. Der Fisch wird registriert und geprüft, kommt anschließend direkt in die Fischversteigerungshalle (Lota), dort zuerst auf die Waage und danach unter den Hammer. Der Erlös muss nach einem einheitlich festgelegten Kommissionsschlüssel der Aufsichts-behörde DOCAPESCA aufgeteilt werden, um Gleichbehandlung des Einzelnen zu garantieren. Um por todos, todos por um. Einer für alle, alle für einen. Einmal Kamerad – immer Kamerad.

Text: Catrin George; Foto: Miranda Opmeer
In ESA 03/16

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