Die Drillinge

Nicht alle Maurinnen der Algarve-Legenden sind bösartig oder suchen Rache. Für den August haben wir die Liebesgeschichte maurischer Drillinge ausgesucht, die sich Hals über Kopf in drei Christen verlieben und sich für sie zum christlichen Glauben bekehren

Eines Tages, als Silves unter maurischer Herrschaft stand, traf König Mohamed während eines Reitausfluges eine seiner Truppen, die christliche Geiseln mit sich schleppte. Unter diesen war eine bildhübsche und prachtvoll gekleidete, junge Dame Sie war die Tochter eines Adeligen, der während eines Angriffs auf seinem Schloss ums Leben kam. Die junge Dame wurde in Gefangenschaft genommen und ihre treue Kammerzofe folgte ihr. Der König gab Anweisungen, sie in seinen Palast zu bringen und umwarb sie mit Aufmerksamkeit und Luxus. Er bat sie, sich zum Islam zu bekehren und seine Frau zu werden. Sie weinte verzweifelt, denn auch sie liebte den König, wusste aber nicht recht, was sie tun sollte. Ihre Zofe schlug ihr vor, dass sie beide nur für die Außenwelt die christliche Religion verleugnen sollten, um den Wunsch des Königs zu erfüllen und die Hochzeit zu ermöglichen. So wurde es beschlossen und ein Jahr später kamen Drillinge auf die Welt. Die Sterndeuter sagten den drei Mädchen Schönheit, Gutmütigkeit, Sanftmut und Intelligenz vorher. Doch sie rieten den König, über sie zu wachen, sobald sie ins heiratsfähige Alter kämen. Mohamed sollte seine Töchter niemandem anvertrauen. Nach einigen Jahren starb die Königin und die Zofe, die den arabischen Namen Cadiga angenommen hatte, sorgte sich fortan um die Prinzessinnen. Als diese zu jungen Mädchen heranwuchsen, ließ ihr Vater sie wegen der Warnung der Sterndeuter in eine abgelegene Burg nahe des Meeres bringen.

Die drei Prinzessinnen wurden schöne Frauen und entwickelten unterschiedliche Charaktäre. Die Älteste war unerschrocken, neugierig und selbstbe­wusst. Ihr Blick war tief und anziehend. Die Mittlere war die schönste der Geschwister und hatte eine Vorliebe für Juwelen, Blumen und Parfüms. Die Jüngste war die zarteste. Sie war sehr schüchtern und verträumt und liebte es, das Meer bei Mondlicht oder den feuerroten Sonnenuntergang zu betrachten. Gegen die Anweisungen des Königs legte eines Tages ein Schiff mit christlichen Geiseln in der Nähe der Burg an. Unter den Gefangenen waren drei stolze, gut gekleidete und sehr schöne junge Männer, die den Prinzessinnen sofort auffielen. Neugierig fragten sie Cadiga, wer diese Männer, die so anders als die Mauren aussahen, wären. Die Kammerzofe erklärte ihnen, dass es sich um christliche Portugiesen handelte und nutzte die Gelegenheit, um den Prinzessinnen alles über ihre Vergangenheit und ihre christlichen Vorfahren zu erzählen. Die drei jungen Damen zeigten immer mehr Inte-resse an den Männern und so kam es, dass Cadiga den König darum bat, die Töchter zu sich zu rufen, ohne ihm jedoch den Grund ihrer Bitte zu erklären. Als die Prinzessinnen zusammen mit dem König und dessen Gefolge nach Silves reiteten, kreuzte sich ihr Weg mit dem der drei christlichen Gefangenen. Diese folgten dem Befehl nicht, ihren Blick zu senken, sondern schauten stattdessen die unverschleierten Prinzessinnen direkt an. Wütend befahl Mohamed, die drei Männer zu bestrafen. Die Prinzessinnen waren untröstlich und fühlten sich dafür verantwortlich. Es gelang ihnen, Cadiga zu überreden, ein Treffen mit ihnen zu organisieren. Die Liebe und die Freude, die dieses Treffen in ihnen auslöste, war jedoch nur von kurzer Dauer. Dem portugiesischen König gelang es, die drei Männer aus ihrer Gefangenschaft zu befreien und sie sollten Silves bald verlassen. Ohne jeden Zweifel beschlossen die Prinzessinnen, ihren Geliebten zu folgen und sich zum christlichen Glauben zu bekehren. Cadiga jubelte vor Freude. Doch als die Stunde der Flucht kam, weigerte sich die jüngste der Prinzessinnen, ihren Vater zu verlassen. Sie blieb zurück und soll, so die Legende, kurz danach wegen ihres tiefen Liebeskummers gestorben sein. Bei Vollmond hört man sie heute noch im Turm der Burg weinen.

ESA 8/13

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