Besorgt & besonnen

Momentaufnahmen vom nationalen Gemütszustand Portugal ist nach allen internationalen Daten eines der sichersten Länder, die Algarve eine der sichersten Regionen des Kontinents, doch weite Teile der Bevölkerung fühlen sich betroffen von auswärtigen Gewalt-Ereignissen und analysieren die Lage im eigenen Land

Vormittags wurde es unruhig im Lissabonner Diplomatenviertel Restelo. Überall Polizeifahrzeuge und gesperrte Straßen. Schließlich dröhnten Explosionen. Was sich dort abspielte, waren weder Dreharbeiten zu einem Actionfilm noch eine Einsatzübung. Es war der erste terroristische Ernstfall in Portugal, als am 27. Juli 1983 Mitglieder der armenischen Befreiungsorganisation Asala mit 
dynamitbeladenen Autos auf das Gelände der türkischen Botschaft vordrangen, Geiseln nahmen und drohten, das Gebäude zu sprengen. Stunden später 
beendete eine Sondereinheit der Polizei den Überfall, bei dem sieben Menschen starben. Politische Spannungen ferner Länder hatten sich an einem unbeteiligten Ort entladen. Lissabon hatte zuvor nie als gefährdet gegolten; keiner der Attentäter hatte in Portugal gelebt. Der Anschlag trug dazu bei, dass das Land schon früh terroristische Handlungen als gesonderten Tatbestand einstufte und „Prävention und Bestrafung von terroristischen Akten und Organisationen“ gesetzlich regelte.
Heute nehmen die Menschen zwischen Algarve und Minho das gewaltsame Weltgeschehen intensiv wahr und sind verunsichert. Im Juli verursachte der Anschlag auf die Kirche im französischen Saint–Étienne-du-Rouvray und der brutale Mord an einem 85-jährigen katholischen Geistlichen einen besonders tiefen Schock: Neun von zehn Gläubigen, die diese Kirche regelmäßig besuchen, haben portugiesische Wurzeln. Tage später ging die Nachricht von sechs Algeriern durch die Presse, die am Lissabonner Flughafen Portela versucht hatten, Sicherheitskontrollen zu umgehen. Sie wurden auf dem Rollfeld gestellt. Es handelte sich um einen Versuch illegaler Immigration; die Unidade Nacional Contra Terrorismo der Kriminalpolizei ermittelt. Im Mai hatte eine Notiz über einen Messerstecher im bayrischen Grafing aufgeschreckt: Neben Videos mit islamistischem Inhalt wurden bei dem Mann auch Hinweise auf eine geplante Reise nach Portugal gefunden. Schon im März war ein IS-Video mit einer direkten Terrordrohung an das Land aufgetaucht.

Portugal sei kein Terrorziel, bekräftigt António Nunes, Leiter des Beobachtungsdienstes für organisierte Kriminalität und Terrorismus (OSCOT) und widerspricht jüngsten Erkenntnissen von Europol. Damit das Land jedoch nicht zur Drehscheibe für Terrornetzwerke werde, fordert Nunes eine Lockerung einzelner Gesetze, etwa zum Abhören von Telefonen, was Gerichte derzeit nur bei nachgewiesenem Verdacht oder im Kontext eines laufenden Prozesses genehmigen. Unter diesen Bedingungen sei Prävention schwierig, sagt der OSCOT-Chef und warnt ferner, Terroristen profitierten vom Fehlen europaweit einheitlicher rechtlicher Regelungen.

Debatten über Terrorgefahr für Portugal tauchen in den hiesigen Medien nicht mit der Frequenz auf wie in Deutschland. Meist nehmen sich Analysten des Themas an, erklären und kommentieren, statt präsumtive Lösungen feilzubieten. Maria do Céu Pinto, Politologin und Islam-Forscherin an der Universidade do Minho, fordert, die Öffentlichkeit müsse Partei ergreifen bei der Abwägung von Werten und Wegen. Sie kritisiert den Echtzeitjournalismus, der Angst schüre, wo er nur Abläufe schildert, solange Hintergründe unbekannt sind und lobt die Entscheidung der französischen Zeitung Le Monde, Fotos von Terroristen und deren Propagandamaterial nicht mehr zu zeigen. Dagegen vertritt die Kommunikationswissenschaftlerin Laurinda Alves die Auffassung, „ausnahmslos alle haben das heilige Recht auf Information. Wir dürfen Nachrichten nicht nach gut oder schlecht sortieren.“
Alle Forscher warnen vor pauschaler Vorverurteilung der geschätzt 50.000 Bürger islamischen Glaubens im Land (die Religionszugehörigkeit wird seit 1991 bei Volkszählungen nicht mehr erfasst). Soweit bekannt, haben sich knapp ein Dutzend Portugiesen dem IS angeschlossen. Sie alle kamen als Emigranten in den Ghettos in Frankreich, England oder Belgien mit dem Islamismus in Kontakt. Einer von ihnen, ein Sohn portugiesischer Auswanderer in Luxemburg, hält sich seit 2014 in Syrien auf. Er nennt sich Abu Muhadjir Al Andalousi und soll bei der Video-Drohung vom März mitgewirkt haben, in der es unter Verwendung des historischen Namens der Iberischen Halbinsel hieß: „Geliebter al-Andalus! Ich schwöre bei Gott, dass wir dich nicht vergessen haben. Wir werden dich zurückholen.“

Historisch herrschten Mauren über Jahrhunderte auf dem Territorium des heutigen Portugal und prägten Religion, Wirtschaft und Kultur. Davon blieben der portugiesischen Sprache über tausend Wörter arabischen Ursprungs und 136 geografische Namen wie ‘Algarve’ erhalten. Nach der Reconquista ging die muslimische Bevölkerung in der christlichen auf. Eine tolerante Gesellschaft ohne Konflikte zwischen Muslimen und Christen formte sich und selbst versklavten Mauren war der gesellschaftliche Aufstieg möglich.
Ende der 1950er Jahre kamen Moslems, zumeist Sunniten und Ismailiten, aus der damaligen Kolonie Mosambik und „in Portugal ein guter Moslem zu sein, bedeutete gleichzeitig immer auch, ein guter Portugiese zu sein“, sagt die in Hannover lehrende Soziologin Nina Tiesler, die an der Universidade de Lisboa Religions- und Migrationsfragen erforscht hat. Nach der Unabhängigkeit der Kolonien wanderten vor allem aus Guinea-Bissau weitere Muslime ein, die nicht als Immigranten wahrgenommen wurden, sondern als Heimkehrer ins Mutterland, ohne Sprachbarriere.
Diese Personengruppe und ihre Nachfahren bilden bis heute die Mehrheit der Besucher in der 1985 eröffneten Mesquita Central de Lisboa, weiteren zwölf Moscheen und einigen Gebetshäusern landesweit. Spätere Einwanderer aus Indonesien, Nordafrika, Indien, Pakistan, Afghanistan und Irak seien in der Minderheit; „unterschiedliche Glaubensströmungen innerhalb des Islam spielen in der muslimischen Diaspora Portugals kaum eine Rolle“, so Tiesler. Muslimische Frauengruppen oder Studentenorganisationen existieren ebenso wenig wie Debatten über islamische Erziehung an öffentlichen Schulen. Proteste gegen eine geplante neue Moschee im Lissabonner Stadtteil Mouraria mit einem interkonfessionellen Kultur- und Begegnungszentrum richten sich nicht gegen den Tempel, sondern gegen die Art, wie der Stadtrat dafür Grundstücke enteignen will.

„Die muslimische Gemeinschaft in Portugal ist integriert und als Stützpunkt für potenzielle Terroristen ungeeignet“, urteilt Politologin Pinto und nennt als Beispiel Abdool Vakil, der vor 48 Jahren die muslimische Gemeinde gründete: Vakil ist in Mosambik geboren, hat in Lissabon Wirtschaftswissenschaften studiert und war in der Direktion verschiedener Banken tätig. Er hat eine Katholikin geheiratet und ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei PSD. Angesichts der Biografien von Muslimen in Portugal verortet José Conde Rodrigues, Autor und Professor an der ISCTE Business School in Lissabon, das Land fern jeder terroristischen Bedrohung. Damit das so bleibe, reiche verbales Engagement aber nicht aus, sagt Rodrigues und favorisiert ein drastisches Konzept als Konsequenz aus Portugals jüngerer politischer Vergangenheit: „Wer Truppen in den Irakkrieg oder nach Afghanistan geschickt hat, der muss sich auch auf IS-Gebiet begeben, um die Terrormiliz zu zerstören.“ Die Gefahr eines Blowback sieht er nicht: Der Effekt, dass außenpolitische Aktivitäten später auf den handelnden Staat zurückfallen, wurzele in Kolonialisierung und Ausbeutung Nordafrikas und des Mittleren Ostens seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg: „Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Palästina, Jordanien – das waren nie portugiesische Schlachtfelder.“
Egal, ob Analysten „Ängste und Gefahren thematisieren, besonnen diskutieren oder mit dem Säbel rasseln – jeder Diskurs ist wichtig“, findet José -Pedro Teixeira Fernandes, Jurist und Universitätsdozent. Instabile Informationspolitik begünstige diejenigen, die Angst und Nichtwissen ausnutzen. Es sei gut, dass gesellschaftliche Themen wieder breiten Raum einnehmen, nachdem in den Jahren der Troika-Präsenz die Wirtschafts- und Finanzkrise andere Fragen weitgehend verdrängte. Wichtig sei aber nicht nur, was die Medien präsentieren, sondern auch, was sie im Prioritäten-Dickicht ignorieren, denn „Freiheit, Demokratie und Europa, wie wir sie kennen, sind keine Errungenschaften für die Ewigkeit. Sie bestehen nur so lange, wie Gleichgewicht herrscht zwischen diesen Werten und dem Aufwand, den die Generationen für ihre Aufrechterhaltung treiben müssen.“
Text: Henrietta Bilawer
ESA 09-16

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