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ARCHÄOLOGIE

Das Fort am Fluss

Die Umgebung von Alcoutim ist besonders reich an archäologischen Fundstätten. Über 400 sind dort dokumentiert. Eine der interessantesten Entdeckungen aus Roms republikanischer Epoche ist das Castelinho dos Mouros

Professor Karl Oberhofer und Studenten bei der Arbeit

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rchäologie ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft und die Vertreter dieser Zunft jagen keineswegs im Stile eines Indiana Jones mit Peitsche und Schlapphut hinter verlorenen Schätzen und legendären Reliquien her oder prügeln sich wie Lara Croft mit anderen Grabräubern um die Büchse der Pandora. Ganz im Gegenteil, sie arbeiten in der Regel als Wissenschaftler oder Dozenten an einer Universität, nehmen aber gerne Gelegenheiten war, Ausflüge in die Antike zu unternehmen und Ausgrabungen durchzuführen, so wie neulich geschehen in Laranjeiras, einer Siedlung am Rio Guadiana, wo sich auf einem Hügel neben der Straße ein kleines Kastell verbirgt. ,,Die Leute nennen es Castelinho dos Mouros. Es ist aber definitiv römischen Ursprungs”, erläutert Diplom-Magister Karl Oberhofer, Dozent für provinzialrömische Archäologie an der Universität Innsbruck. Das internationale Grabungsteam wird von Dr. Alexandra Gradim geleitet und besteht aus einem Dutzend erfahrener Archäologen, Studenten und Volontären des ArchäologieVereins AAA, der das Projekt auch finanziell mit unterstützt. Begonnen haben die Grabungen im Sommer 2008. ,,Wir sind nicht die Ersten, die hier graben. Ein Portugiese aus dem Ort, den alle nur den ,,Verrückten” nannten, hat jahrelang auf dem Hügel gebuddelt, einige Mauern freigelegt, andere zerstört. Gesucht hat er natürlich nach Münzen und anderen Artefakten. Er dürfte aber ­ so wie wir bislang ­ wenig gefunden haben”, bekräftigt Dr. Alexandra Gradim, die im benachbarten Alcoutim als Museums-Direktorin arbeitet und schiebt ihren breiten Strohhut in den verschwitzten Nacken. ,,Aber man muss wohl ein bisschen verrückt sein, um bei dieser Hitze zu graben.” Für das dreckige Dutzend, wie sich das Team intern nennt, ist die freiwillige Arbeit ein echter Knochenjob in sengender Sonne ohne jeglichen Schatten. Sie schuften mit Spitzhacke, Schaufel, Hammer und Maurerkelle von 6 Uhr bis 12 Uhr. Das reicht, danach ist man ausgelaugt und über und über mit feinem ockerfarbenem Staub überpudert. Die Aussicht über die weit geschwungene Flussschleife des Rio Guadiana ist zwar grandios, doch dafür haben die wenigsten Zeit, denn bei der auf vier Wochen festgelegten Grabungszeit will man natürlich so viel wie möglich von dem Kastell freilegen. ,,Mit jedem Tag gewinnen wir neue Kenntnisse über die ehemaligen Bewohner, entdecken neue Details.” Gerald Grabherr ist ebenfalls Dozent in Innsbruck und Spezialist für die römische Epoche. ,,Wir sind uns ziemlich sicher, dass diese Fortifikation im 1./2. Jahrhundert v. Chr. entstand, als die Zeiten noch ziemlich unruhig waren und der Spanische Krieg seinem Ende zuging. Mit dem Verrat und dem Meuchelmord an Viriatus, dem Anführer der keltiberischen Stämme brach der Aufstand zusammen. Man kann davon ausgehen, dass hier ein einheimi-

Überreste einer römischen Villa rustica in Laranjeiras

scher Edelmann mit seiner Familie lebte, der Kultur und Sprache der römischen Besatzer angenommen hatte. Später, zur Zeit Kaiser Augustus, als Lusitanien ruhig und sicher war, zogen die Nachkommen der Familie ins 500 Meter entfernte Laranjeiras und ließen sich dort nieder. War ja auch wesentlich bequemer und direkt am flachen Flussufer.” Der Tiroler Professor ist eine Frohnatur und hält das Team mit flotten Sprüchen bei Laune, denn dieses ist recht spartanisch in der Jugendherberge im nahen Alcoutim untergebracht, die kaum Privatsphäre zulässt. Sein Cowboyhut verleiht ihm einen Hauch von Abenteuer und Verwegenheit. Andere Grabungsteilnehmer schützen sich mit Kappen, Kopftüchern und Kufiyas vor Staub und Sonne. Man wäre wesentlich weiter, wenn man einen Bagger hätte einsetzen können, doch das Terrain ist zu steil. Für den Abtransport des Gerölls muss die gute alte Schubkarre herhalten. ,,Wir haben unendliche Tonnen an Dreck, Schotter und Steinen abtransportiert. Manchmal ist es wie eine Sisyphosarbeit und trotz Einsatz eines Metalldetektors bleiben unsere Funde bislang eher unspektakulär. Doch im Schutt des 2-stöckigen Hauptgebäudes haben wir Fragmente von Amphoren und Keramik gefunden, darunter auch Scherben von schwarz bemaltem Geschirr aus Kampanien, das damals sehr wertvoll war.” Professor Karl Oberhofer fegt den Staub von 2100 Jahre alten Stufen und markiert mit breitem Filzstift das Gestein, zeichnet Messpunkte auf für Tachymeter und Spezialkameras. Das gesamte Grabungsareal wird akribisch vermessen, jede Einzelheit notiert. Der explorativen Arbeit am Objekt, folgen später in Alcoutim und Innsbruck das Zusammenfügen von Tonscherben und das Dokumentieren und Auswerten von Daten und Erkenntnissen ­ der wichtigste Teil einer Grabung, denn niemand weiß, ob die Grabungsstelle im nächsten Jahr so wieder vorgefunden wird, wie sie Mitte August 2011 von dem Archäologen-Team verlassen wurde.
Bernd Keiner

Exponate wie Münzen, Grabsäulen, Skulpturen, Keramik, Pfeilspitzen, usw., findet man im Kastell und Núcleo Museológico de Arqueologia in Alcoutim www.cm-alcoutim.pt Informationen über das Castelinho dos Mouros und weitere Grabungs-Kampagnen in der Algarve erteilt der Archäologie-Verein AAA www.arqueoalgarve.org
Amphoren aus dem Museum in Mertola

ApolloStatue, gefunden bei Álamo am Guadiana

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