Im Spiel von Wind und Zeit

Wer eine Windmühle betreibt, lebe ,,wie im Segelboot auf hoher See. Man muss den Wind kennen und beobachten und darf keinen Moment lang die Augen schließen, nicht mal bei gutem Wetter”, so einer der letzten Müller. Sein Beruf stirbt aus, doch den Mühlen winkt eine neue Zukunft

 
Masten und Segel, mastro e vela, ein Vokabular, das in der Sprache der Seefahrernation Portugal von den Schiffen aufs Land und auf ein bodenständiges Metier überging: Auf Windmühlen, die Mühlenflügel und ihre Bespannung. Einst, so versichern viele Quellen übereinstimmend, war Portugal das Land mit den meisten moinhos de vento: Genau 2.895 wurden gezählt, rund vierhundert davon rund um Lissabon. Das war 1962. Seither hat die schon im Altertum bekannte Windkraftmaschine, in Portugal erstmals 1303 urkundlich erwähnt, an Bedeutung verloren. Die runden Türme mit ihren mehr oder weniger gut erhaltenen Flügelrädern gehören zum Landschaftsbild in Sintra, Óbidos und vor allem in Torres Vedras, aber auch in Odeceixe, Budens, Odiáxere oder Castro Marim. Doch die Männer, die von den Mühlen und für die Mühle leben, werden selten. Der Rückblick stimmt ihn wehmütig: Die Menschen hier arbeiteten für die Versorgung der Hauptstadt. Die Gegend ,,war Feld und Weideland und die Bauern brachten Mais und Weizen zur Mühle”. Von jedem Sack Mehl bekam Vítor Hugo eine Portion, um sein eigenes Brot zu backen. Oft schenkte er dieses Mahlgeld denen, die gar nichts hatten. Brot ,,war das höchste Gut. Wenn ein Stück auf die Erde fiel, hoben wir es auf, küssten es und aßen es auf”. Heute, so meint Alcainca, habe ,,jeder von allem zu viel”. Ein moleiro arbeitet für das tägliche Brot der Gemeinde, aber sein Leben verbringt er außerhalb des Dorfes, auf einem Hang oder auf freiem Feld, wo der Wind weht. Und wenn er weht, egal ob bei Tag oder Nacht, gilt es die Kraft der Natur zu nutzen. Je nach Windstärke muss die Segelfläche verkleinert oder vergrößert werden, während sich drinnen der Mühlstein dreht. Überdreht die Mühle bei starkem Wind oder läuft die Bremse heiß, kann ein Feuer ausbrechen. Vítor Hugo hat vier Jahrzehnte auf seiner Mühle verbracht; sie ,,ist ein Teil von mir”. Von hier kann man das Meer sehen. In der Nähe stehen drei weitere Mühlen. ,,Früher waren es über sechzig. Jetzt liegt alles brach und verfällt. Da blutet das Herz.” Hugos Ururgroßvater war der erste moleiro der Familie, er selbst ist der letzte. Die Enkel leben in der Stadt und ,,kennen die Musik nicht, wenn der Wind die Segel füllt oder sich in den búzios fängt”. So heißen die tönernen Gewichte zum Auswuchten der Mühlenflügel. Der Wind scheint in ihnen zu singen, so wie das Meer im búzio, dem Tritonshorn, zu rauschen scheint. Seit 1993 steht eine originalgetreu gebaute portugiesische Mühle im Internationalen Mühlenmuseum im niedersächsischen Gifhorn. Daheim sorgt sich seit 2006 die Rede Portuguesa de Moinhos um das kulturelle landwirtschaftliche Erbe, so Jorge Miranda, Sprecher des museologischen Vereins. Er führt ein Kataster sämtlicher Mühlen, egal ,,ob alt und verfallen oder in gutem Zustand. Jede erzählt etwas über Mentalität und Lebensweise”. Die Rekonstruktion ist allerdings schwierig, räumt Miranda ein. Das gilt nicht nur für die Beschaffung der Original-Materialien. Kaum jemand verfügt heute noch über das nötige Wissen, um den von Hand hergestellten hölzernen Mechanismus der Mühle zu bauen. Alexandre Candeias aus Odeceixe kann es. Einst selbst Müller und nun der letzte Mühlenbaumeister der Algarve, baut der 68-Jährige auch in anderen Ländern Mühlen. Das geeignete Holz sei Esche, Korkeiche oder ,,die Steineiche, ein Baustoff für drei oder vier Leben”. Ein Zahnradlager anzufertigen kann ein halbes Jahr dauern. Mindestens 90 Tage muss der erste Holzschnitt in Wasser liegen, bevor ,,in Handarbeit mit rigoroser Genauigkeit” das Räderwerk fertig gestellt wird. Je nach Zustand der noch vorhandenen Teile kann die Arbeit zwischen 10.000 Euro und 100.000 Euro kosten, was auch vom Zustand des Daches abhängt. Ist es stark verwittert, bot es auch dem Räderwerk keinen Schutz vor Wind und Wetter.

,,Als dem Teufel das Mahlen zu hart wurde, hat er die Mühlen den Menschen überlassen”
Vítor Hugo verlässt als einer der letzten seine Mühle. Das Rentenalter hat der 81-Jährige schon lange erreicht. Doch wer einmal moleiro war, legt die Verbundenheit nie ab: ,,Der Teufel hat die Mühlen gebaut. Und als ihm das Mahlen zu hart wurde, hat er sie den Menschen überlassen”, schmunzelt er. Als das Mehl bereits in modernen Fabriken hergestellt wurde, bekam Hugo einen kleinen Zuschuss vom Staat, auf dass er seine strahlend weiß gekalkte Mühle in São João das Lampas bei Sintra als Lehrstück für Schulen erhalte. Der Anschauungsunterricht für den Nachwuchs gefiel ihm. Dann strich die Obrigkeit das Geld. Das letzte Mehl verließ die Mühle vor gut einem Jahr, nun steht dem alten moleiro der Abschied von seinem Lebensmittelpunkt bevor.

Je nach Windstärke muss die Segelfläche verkleinert oder vergrößert werden
Die Mühlenbau-Veteranen José Timóteo, Henrique Dias und José Aniceto aus der Gegend um Torres Vedras gewannen den Tourismussektor als Kunden, dazu Privatleute, die aus alten Mühlen schicke Wohnhäuser machen möchten. Auch ohne Mehlproduktion möchten moderne Mühlenherren eine funktionstüchtige Immobilie, bei der sich die Flügel drehen. Sie müssen sich gedulden, denn den Profis fehlt die Hilfe von handwerklichem Nachwuchs: Die Jugend ,,ist heute nur an Elektronik interessiert”. Und dann hat José Timóteo noch ein spezielles Angebot auf Lager: ,,In der Region Mafra gibt es Wind-Wasser-Mühlen an Bächen und Flüsschen. Ein romantischeres Refugium kann man sich kaum vorstellen.

 

Henrietta Bilawer

ESA 01/09

 

Share.

Comments are closed.