Askese und Kommerz

Im Mittelalter propagierte die Kirche Pilgerwege, um bevölkerungsarme Gegenden mit Christen zu besiedeln. Der portugiesische Wallfahrtsort Fátima hat eine andere Tradition, ist aber dennoch bedeutsam für das kirchliche Gefüge. Im Mai feiert die Pilgerstätte den 90. Jahrestag ihres Ursprungs

 
Fátima ist ein arabischer Name, die Tochter des Propheten Mohammed hieß so. Der Legende nach ließ sich die gleichnamige Tochter eines Maurenfürsten im 12. Jahrhundert aus Liebe zu einem christlichen Ritter taufen. In Zentralportugal fand sie ihre letzte Ruhestätte. Der Ort trägt nun ihren Namen und ist eines der international bekanntesten Symbole für Christentum und Katholizismus. In der Kleinstadt 30 Kilometer südlich von Leiria herrscht Feierstimmung. Gerade war der hundertste Geburtstag der Nonne Lúcia dos Santos, die als Kind gemeinsam mit ihrer Cousine Jacinta und dem Cousin Francisco eine Marien-Erscheinung bezeugte (Lúcia starb vor zwei Jahren). Am 6. Mai ist Welttag der geistlichen Berufe. Dann schließlich der eigentliche Anlass der Festlichkeit: Die Erscheinung der Jungfrau Maria nahe dem Dorf Cova da Iria, von der die drei Kinder berichteten, jährt sich am 13. Mai zum 90. Male. Papst Benedikt XVI war eingeladen, sagte aber aus Termingründen ab und schickt als Stellvertreter Kardinal Ângelo Sodano nach Fátima. Die Stadt ist ein wenig traurig über das Fehlen des Stargastes. Echtes Kopfzerbrechen macht aber die Sicherheit: Im Zuge der Polizeireform wurde soeben die Wache der PSP geräumt. Übrig blieb nur ein Bild des Erzengels Michael, Schutzpatron der Polizei. Orte mit unter 15.000 Einwohnern schützt mit weniger Personal und ohne Sondereinheiten die Nationalgarde GNR. In Fátima leben zirka 10.000 Menschen. Allerdings kann in Wallfahrtszeiten oder an hohen katholischen Feiertagen davon keine Rede sein. ,,Gäste zählen nicht für die Polizeireform”, schimpft ein Hotelier des Ortes. Bis zu sechs Millionen Pilger kommen jedes Jahr nach Fátima: ,,Das sind statistisch sechzehntausend Besucher pro Tag”. Ostern setzten sich Pilger aus Russland in Marsch. Die russisch-orthodoxe Kirche setzt sich derzeit mit dem Vatikan nicht gerade freundschaftlich über Wege der Missionierung auseinander und wirft Rom vor, mit unlauteren Mitteln um Seelen zu werben. Doch scheint die Ökumene die Gläubigen zu einen: Das orthodoxe Osterfest, Startzeit der frommen Wanderer aus dem Osten, fiel in diesem Jahr mit dem Fest der Westkirchen zusammen. Die Kirchenkalender bedingen in anderen Jahren einen Unterschied von mehreren Tagen. Die rund 500.000 Katholiken aus dem Reich der orthodoxen Kirche verstehen die Pilgerreise als echten Bußgang. Ihre Delegation absolviert ihn weitestgehend zu Fuß, der Weg ist das Ziel. Wer die Endstation im Blick hat, schaut ins Internet: Der Billigflieger Easyjet bietet britischen Pilgern einen himmlischen Transfer nach Lissabon ab 30 Euro. Wallfahrer aus Deutschland finden Flugangebote für 19 Euro. Einer Umfrage zufolge bevorzugen deutsche Pilger allerdings das französische Lourdes. Fátima kommt an dritter Stelle, gemeinsam mit Mekka, hinter Santiago de Compostela und Rom. Portugiesische Gläubige und Menschen, die einfach mit sich selbst alleine sein und ihre physischen Grenzen finden möchten, laufen. In den Tagen vor dem ErscheinungsGottesdienst an jedem 13. Mai und 13. Oktober, den Daten der ersten und der letzten Marienerscheinung, säumen Pilger aller Altersgruppen die Straßen schon Kilometer vor dem Nationalheiligtum. Sie tragen gelbe Reflektorenwesten und halten Rosenkränze in den Händen. Die frommen Wanderer halten ein Schwätzchen über den Alltag. Vor ihnen liegen noch 40 Kilometer. Manchem geht die Puste aus. Wer in einer Gruppe zum Glaubensmarsch angetreten ist, hört öfter den Mahnruf des Gruppenführers, doch bitte nicht zu trödeln. Für das leibliche Wohl während des langen Marsches ist gesorgt: Am Wegesrand haben Freiwillige aus kirchlichen Organisationen Gulaschkanonen, cozinhas de campo, aufgebaut. Dahinter steckt erprobte Organisation. Eine von ihnen heißt Obra do Bem Fazer (OBF), ,,das gute Werk”. Mitglieder dieses Pilgerverbandes bekommen die Mahlzeit für Gotteslohn, den anderen werden ein paar Silberlinge abverlangt. Hier und da gibt es Rot-Kreuz-Zelte. Salben werden herumgereicht. ,,Heftpflaster gegen Blasen an den Füßen und Kopfschmerztabletten werden am häufigsten benötigt”, verrät ein Sanitäter. Er und seine Kollegen ,,tun alles, um Tragödien zu verhindern, doch keine Infrastruktur kann den Willen Gottes abwehren”, schmunzelt der Sani. Ab und zu muss ein Wallfahrer den Gang nach Fátima vorzeitig beenden. Die Leute ,,sprechen von Besinnung und gehen dann 36 Kilometer an einem Stück”, wundert sich eine Ärztin. Nach der Hälfte der Strecke erreichten viele auch ,,ihr psychisches Tief”. Gerade Gesundheitsprobleme sind es aber oft, die zum Pilgern veranlassen. Fátima steht für so manche wundersame Heilung.

Andere haben in einer Notsituation versprochen, zur Madonnenstatue zu kommen. Einlösen ist selbstverständlich. Wieder andere, wie die Sekretärin Marisa aus Porto, sagen, die Gemeinschaft sei der wichtigste Grund zu pilgern. Menschen wie sie laufen nicht mit dem Gefühl los, Pilger zu sein. Aber bald spüren sie, dass sie hier dazu werden. Die Marienverehrung betrachtet Marisa als Volksglauben. Sie kennt die Geschichten über Wunder, an einen Zusammenhang glaubt sie nicht, ,,aber wundersam ist es schon”. Vor drei Jahren ist Marisa über den portugiesischen Jakobsweg 232 Kilometer nach Santiago de Compostela gepilgert, damals war ihr jüngerer Bruder dabei und fand es ,,cool. Dann hat er die Bücher von Dan Brown gelesen und möchte nicht mehr an den Glaubens-Weg nach Spanien erinnert werden”. Die Stadt Fátima wirkt auf viele Besucher wie ein einziger großer Souvenirladen. An der Allianz aus Kirche und Kommerz partizipieren Cafés, Kioske, Läden, Hotels, mit Namen wie ,,Hirtenkinder”, ,,Santa Lúcia”, ,,Cruz”, ,,Aparição” (Erscheinung), ,,Santa Fé” (Heiliger Glaube) oder ,,Santuário”. Das Phänomen hat Geschichte. Die Marienerscheinungen, das Licht des Weltkriegsjahres 1917, beflügelte Menschen, die nichts Unchristliches dabei fanden, wenn das Geld im Kasten klingt. Improvisierte Baracken tauchten rund um den Weg zur Erscheinungsstätte auf. Essen und Trinken wurde gereicht, Devotionalien kamen später. Als es kirchlichen und weltlichen Ordnungshütern zu viel wurde mit den fliegenden Händlern, kam der erste Erlass zur Regulierung des Handels. Das war 1948. Grundstücke rund um die Wallfahrtsstätte wurden enteignet und neunzig ,,Geschäfte für den Handel mit religiösen Erinnerungsstücken” gebaut. Die Läden waren Eigentum der Kirche, die sie an private Händler vermietete. Nun scheint es selbst dem Klerus zu viel zu werden. Dom António Marto, der Bischof von Leiria, will ,,einige Änderungen in der Infrastruktur von Fátima zur Korrektur struktureller Probleme”. Es gebe ,,in der öffentlichen Meinung ein negatives Urteil über die Schönheit des Heiligtums”, so der Kirchenmann und spricht von ,,comércio kitsch”. Auch anderes merkantiles Gebaren beunruhigt Kirche und Staat. Besucher und Pilger werden immer häufiger angesprochen, für einen Euro ,,ein weißes Tuch zu Ehren der Muttergottes” zu erstehen, mit denen bei Prozessionen der Heiligenstatue zugewinkt wird. Betteln in jeder Form, direkt oder unter dem Vorwand devoten Verkaufs, gehört inzwischen zum Straßenbild. Der Nachfrage angepasst werden an anderen Tagen Kerzen feilgeboten. Die Bettler standen, wie zur Feuerprobe für die Mildtätigkeit der Gläubigen, lange Zeit direkt am Eingang zur Wallfahrtsstätte, bis die Verwaltung sie wegschickte. Ganz in der Nähe, ebenso der monumentale Konvent des Christusordens in Tomar; Weltkulturerbe allesamt. Was hält die Kirche von der so genannten Renaissance des Glaubens? Kirchensprecher Joaquim Paulo erinnert sich an die Bilder des Weltjugendtages in Köln, an den Papstbesuch in Bayern inklusive Segnung aus dem Flugzeug und die kleinen Volksfeste kürzlich auf dem Petersplatz in Rom, als Papst Benedikt Ratzinger achtzig Jahre alt wurde. So etwas kann sich Paulo nicht vorstellen, weder in Fátima noch an einem anderen Ort in Portugal. Er denkt noch einmal über seine Antwort nach, nickt dann bekräftigend und scheint dabei sehr erleichtert. Portugal ist katholisch, La-Ola-Wellen gehören nicht zum Katechismus. Eine Kirche ist ein Ort festlicher Nostalgie, Kirche soll als mütterlich tragende Gemeinschaft erlebt werden. Moderne Mütter nutzen moderne Medien. Aus dem Vatikan kam zwar vor einigen Monaten ein Schreiben, in dem exzessives Surfen im Internet als Sünde eingestuft wurde. Dennoch betreibt der portugiesische Klerus seine Webseite www.paroquias.org. Mindestens 180 Pfarreien im Lande missionieren im Internet, geben Lebenshilfe, verbreiten Kirchennachrichten und beteiligen sich an Blogs. Was ist hier von der in vielen Ländern beschworenen Renaissance des Glaubens zu spüren? Die meisten Einwohner von Fátima sind in der Gegend geboren, ihr Leben dreht sich um die Wallfahrtsstätte. Filipes Vater arbeitete in der Kirchenverwaltung, der Sohn übernahm den Glauben ,,aus Familientradition” und nutzt ihn in seinem Betrieb, einem Beerdigungsinstitut. Helena ist Lehrerin und findet, Kinder sollten ,,auch anderes kulturelles Anschauungsmaterial in ihrem Umfeld kennen lernen”. Bruno hat lange in Deutschland gelebt und vom Ersparten einen kleinen Gesundheitsladen eröffnet. Er findet den Trubel ,,ganz spannend. Zumindest bis jetzt noch.” Miguel Sousinha vom regionalen Tourismusverband möchte Fátima durch ,,zusätzliche Attraktivität” für den weltlichen Tourismus interessant machen, mit ,,einem Rundweg zu anderen Sehenswürdigkeiten”: Die Klöster Batalha und Alcobaça sind Fátima ist gerüstet für die 90-Jahr-Feiern der ersten Marien-Erscheinung. Die Putten strahlen in frischem Weiß, die Fresken sind von altem Kerzenruß befreit, die goldenen Altarleuchter poliert. Der Coro Polifónico aus Santiago do Cacém im Alentejo hat Gospels arrangiert und will sie in Fátima als ,,Lieder für eine bessere Welt” präsentieren, ,,mit Jazzkomponenten”, sagt Chorleiter Fernando Malão. Traditionelle Kirchenmusik wird natürlich nicht fehlen. Die Welt soll Fátima würdig erleben. Marisa, die Sekretärin aus Porto, wird erneut nach Fátima aufbrechen. Nicht alle billigen ihre lange Abwesenheit, ihre Hingabe, die für ein paar Tage nicht den Lieben und dem Job gehört. Fast gab es Streit. Diese Gedanken werden sie begleiten. Auch ein Pilger kann eben nicht vor sich selber weglaufen.

210 Wachsfiguren, die 33 Szenen aus dem Leben von Jesus Christus seit der  Geburt in Bethlehem bis zu Kreuzigung und Auferstehung darstellen, bilden den Kern eines neuen Museums in Fátima, das pünktlich zur 90-Jahrfeier der Marienerscheinungen eingeweiht wurde. Die Figuren wurden im Londoner Gems Studio gefertigt, das für das weltberühmte Wachsfigurenmuseum Madame Tussauds arbeitet. Auf 4.400 qm gibt es ferner zahlreiche Gemälde und andere Darstellungen. Das Haus möchte auch nicht religiös geprägte Touristen ansprechen. Museumsdirektor Carlos Reis erklärte, die Figuren sollen nicht nur die biblische Geschichte darstellen, sondern auch einen ethnografisch korrekten Einblick in das Leben zu jener Zeit geben, etwa im Hinblick auf Utensilien der Häuser und Kleidung der Figuren. Das Gebäude des Architekten Carlos Gonçalves schlägt den Bogen zur Moderne durch umweltschonende Technologie. Dazu gehört eine Fassadenkühlung, die eine Klimaanlage überflüssig macht. Espaço Temático Vida de Cristo; Info Tel.: 249 531 612

ESA 05/07

Henrietta Bilawer

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