Kein Budenzauber

Hallen, die einst Bauern und Fischern den Verkauf ihrer Erträge ermöglichten, bieten wahre landwirtschaftliche Festivals. Wochenmärkte in Portugal haben touristischen Wert erlangt und bieten für Auge und Magen Ursprünglichkeit, Abwechslung und Überraschungen

Unsere tägliche Nahrung bestehe sowieso nur noch aus Herbi-, Pesti-, Fungiziden, Nitraten, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen. Das Gemüse im Supermarkt sei wenigsten verbraucherfreundlich abgepackt und sauberer als auf dem Markt. Solche Sprüche hört bisweilen, wer sich als Wochenmarkt-Besucher outet. Verkaufshallen für Obst, Gemüse, Käse, Blumen, Fleisch und Fisch in der Algarve erinnern nicht an die umstrittene Architektur der Münchner Schrannenhalle, auch nicht an den historischen Mercat de la Boqueria in Barcelona mit seinen Glasmosaiken oder an den alten Londoner Covent Garden. Niemand hat einem portugiesischen Markt ein Denkmal gesetzt wie Émile Zola dem ,,Bauch von Paris”, den Pariser Halles. Es duftet nicht betäubend wie auf dem Gewürzmarkt in Agadir. Dennoch: Mercados der Algarve stehen bei Reiseveranstaltern auf dem Programm und das Angebot wird gerne genutzt. Freie Bahn dem Süchtigen nach frischem Grün. Und ­ am Markt lernt man die Leute kennen. Pedro steht um fünf Uhr früh auf. Er hilft seiner Mutter, die Ware zum Stand zu bringen. Beim Verkauf von Kohl, Kartoffeln und Tomaten verlässt sich Amália Cunha lieber auf die eigene Erfahrung. Sie hat Pedro zwar Jahre lang das Sortiment erklärt und wie man die sachgemäße Lagerung der Einkäufe erläutert, ohne den Kunden zu bevormunden. Aber ,,junge Leute gehen zum Supermarkt”, lächelt die 60-Jährige über ihre Ware. Woher die Tomaten kämen, fragt eine Engländerin in holprigem Portugiesisch, ,,aus Spanien?” Nein, das ist die Ernte aus dem eigenen Treibhaus. Auf der Insel sind eben die roten Früchte von den Kanaren ein Begriff. Laut Welternährungsorganisation steht Portugal am Ende der Liste der zehn weltweit wichtigsten Tomatenproduzenten. Sind Tomaten Obst oder Gemüse? Das ist nicht eindeutig geklärt. Lycopersicon esculentum heißt das Nahrungsmittel auf Lateinisch. Über vierhundert Arten existieren; nachzulesen bei www.kuechen garten.de. Handelsüblich sind nur einige. Und es gibt Größenskalen. EU-Richtlinien sind auch auf dem Dorfmarkt angekommen, doch Dona Amália verkauft auch Obst und Gemüse, das in Brüssel durchfallen würde. Den Kunden schmecke es am besten. António José, den alle Tó-Zé rufen, betreibt einen Käsestand. Stolz beschreibt er die Kundschaft: Feinschmecker und die Köche der Nobelhotels. Seine Welt ist ein Freundeskreis von Meisterwerken aus Milch. Er sehe nicht in jedem Marktbesucher einen potenziellen Kunden. Wer etwas von Queijo da Serra versteht, finde schon den Weg zu ihm. Mit dem Begriff ,,Marktschreier” kann er nichts anfangen. Wettbewerbe soll es in Deutschland geben und Gilden? Na, die müssen es wohl nötig haben, ihr Zeug loszuschlagen. Budenzauber ist nicht gefragt. Einfühlungsvermögen hingegen sehr. Der Dialog mit Kunden ist wichtig, er muss sich nicht um die Ware drehen: ,,Wie geht’s? Und die Familie?” ­ Die meisten Besucher der Hallen sind Stammkunden. Carlita, über die Dona Teresa mit ihrer Kundin über deren Tochter spricht, ist ­ der Kosename täuscht ­ zum zweiten Mal Mutter geworden. Großmütter diesseits und jenseits der Theke, die sich seit Jahrzehnten kennen, das verbindet. Dona Teresa schwört auf Tradition: Kiwi oder Karambole, ,,Exoten” hat sie nicht im Angebot. Dafür Madeira-Bananen, die sind klein, aber besonders süß. Orangen hat sie kunstvoll zu einer Pyramide arrangiert. Das hat sie im Fernsehen gesehen und fand es eindrucksvoll. Dass sich Wissenschaftler mit der Frage beschäftigen, wie man Rundes am besten stapelt, ist ihr unbekannt, aber die Methode sei platzsparender als jede andere. Das weiß sie ohne mathematischen Beweis. Durch die Markthalle von Portimão schallt Baulärm. Nebenan wird eine neue Halle errichtet, Altes verschwindet. Das sei ,,der Preis der Moderne”, sagt der Bürgermeister. ,,Ein bisschen amerikanisch” wird der Neubau, hofft Dona Amálias Sohn. Er trinkt eine Bica, dann geht er ins Büro. Auch Dona Amália kennt den Preis der Moderne.

ESA 03/06

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