Petri Heil und Unheil

Angeln ist in Portugal nicht nur ein äußerst beliebtes Hobby, sondern auch die Möglichkeit, den Kühlschrank zu füllen. Freizeitangler an der Mündung des Arade-Flusses berichten von den Veränderungen in der Umwelt, die ihren Zeitvertreib beeinflussen

Clemente Costa schaut in die Tiefe, auf den Blinker an seiner Angel. Der wippt ruhig auf den Wellen, an diesem heißen Abend beißt kaum ein Fisch an. Costa schielt auf die gefüllten Kühleimer seiner Kollegen. Aber er kennt keinen Neid: Heute hat José den besseren Fang, morgen freut sich Paulo über zwanzig Fische, übermorgen ist João der Glückliche. Die Männer auf Fischfang bilden zwar eine verschworene Gemeinschaft, im Umgang mit der Materie sind sie aber Einzelkämpfer. Das gilt für die Fischer auf See ebenso, wie für HobbyAngler. Clemente Costa ist einer von ihnen. Vor Jahrzehnten hat er sich dem Hobby verschrieben, er hat die Leidenschaft von seinem Großvater geerbt. Heute nimmt er selbst manchmal den Enkel mit. Er mag die Ruhe, die frische Brise und den Umstand, dass ,,immer etwas Gutes zu Essen auf den Tisch kommt”. Costa ist froh, dass er kein Berufsfischer ist: Die müssen ihren Unterhalt mit der immer geringer werdenden Beute aus dem Meer verdienen. Was sie an Land bringen, wird teurer und teurer; Geld, das Costa durch sein Hobby spart. Daheim ist immer eine Dose mit frischen Ködern, gut verschlossen, im Kühlschrank. Da nutzt kein Protest seiner Frau. Costa steht an der Brücke über den Aradefluss. Der verzweigte Mündungstrichter ist nicht mehr so fischreich, wie früher, die hinzufließenden Flüsschen Odelouca und Boina tragen wenig bei zum Glück der Petrijünger. Immerhin werden auch Muscheln und Schaltiere aus dem Wasser geholt und später schmackhaft verarbeitet. Wissenschaftler der Universidade do Algarve erforschen die Flussmündung: Fischarten sollen langfristig beobachtet und katalogisiert werden. Sardinen, Rotauge, Barsche, Makrelen, Hechte, Karpfen und viele mehr: Die flossenbesetzte Fauna interessiert Handel und Amateurangler. Der Biologe Jorge Gonçalves war zu Beginn der Untersuchungen überrascht von der Artenvielfalt in der Arademündung. Eine Liste informiert über den Grad ihrer Bestandsgefährdung (www.projectoarade.org/conteudo /arade/parade/ictiofauna_arade.html). Clemente Costa hat über die Jahre Veränderungen bemerkt. Die Schifffahrt auf dem Arade, dazu nun die anhaltende Trockenheit, haben die Fische dezimiert. Der Landwirtschaftsminister hatte Ende April, vier Wochen früher als sonst, den Anglervereinen erlaubt, an Talsperren zu fischen, deren Wasserstand sehr niedrig war. Es hat nicht überall geholfen: Tonnenweise trieben Fische tot am Ufer, auch an der Algarve-Talsperre Barragem de Bravura, nachdem das bisschen Wasser der Stauseen sich aufheizte und nicht genügend Sauerstoff blieb. Die Bilder machen Clemente Costa traurig, das ,,hat es früher nicht gegeben”, auch nicht die organischen und nicht organischen Abfälle, die hier vorbeischwimmen. Costa fürchtet: ,,Wenn die Natur einmal umkippt, ist nichts mehr zu reparieren.” Immer mehr Menschen entdecken das Angeln, auch viele Ausländer. Costa unterhält sich selten mit Passanten. Angeln ist Meditation, kein Kaffeekränzchen. Und: Jeder Unbekannte könnte ein Inspektor sein, der überwacht, ob der Fang legal ist. Die Regierung stellt ja nun angeblich Kontrolleure an jede Ecke. Costas Nachbar Inácio Gouveia fischt hier, weil er ,,in der Zeit alles andere vergisst”. Auch er ist ein Veteran, doch hat er Ortswechsel hinnehmen müssen. Dort, wo der Hobbyangler begann, sieht es längst ganz anders aus: Das Flussufer zwischen Portimão und Praia da Rocha wurde zu einer Flaniermeile mit Zugängen zu Freizeitbooten. Laue Sommernächte werden mit Musik und Animation beschallt, seit ,,ein paar Ratsherren touristentaugliche Steinwüsten mit Radwegen und Cafés schick finden”. Angeln darf dort jetzt niemand mehr, das kontrolliert die Polizei ,,streng”. Kurios finden die Angelfreunde ihre Zuschauer: ,,Die witzeln, weil wir stundenlang an der gleichen Stelle stehen; dabei tun sie dasselbe, nur ohne irgendwelchen Nutzen. Wenn der Sommer vorbei ist, werden es weniger: Die Angler und die Zaungäste. Costa und Gouveia fragen sich schon jetzt, wie für sie und die Fische das nächste Jahr aussehen wird.
ESA 8/05

 

 

 

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