São Brás de Alportel

Keiner weiß genau, warum sich diese herrlich knorrigen Korkeichen im äußersten Südwesten Europas so wohl fühlen. Kalkarmen Boden brauchen sie jedenfalls, salzig-jodhaltige Luft und Sonne. Das alles bekommen sie in Hülle und Fülle in den Küstengebirgen der Algarve. Vor allem in der Gegend des Barrocal beim Städtchen São Brás de Alportel
Sachte steigt diese Landschaft zur Serra de Caldeirão an. Kapitale Korkeichen strecken ihre Äste einem azurblauen Himmel entgegen. Sonnenstrahlen durchweben die lichten Wälder. In diesem Umfeld wurde das 11.000-EinwohnerStädtchen São Bras de Alportel ein Inbegriff für die Kork-Gewinnung. Was ist nun eigentlich das Besondere an Kork? Wasserdicht ist er, er fault nicht, reißt nicht, geht nie unter ­ das ist hinreichend bekannt. Auch die Griechen wussten das schon zu schätzen. Mit Kork verschlossen sie ihre Amphoren, und die Römer besohlten damit ihre Sandalen. Als später die Holzfässer für den Transport von Wasser und Wein wichtiger, weil praktischer wurden, vergaß man die WunderRinde. Erst als man in England im 18. Jahrhundert Glasflaschen industriemäßig herstellte, und vor allem, als die Engländer den Champagner aus Frankreich zu schätzen lernten, brauchte man dringend haltbare Flaschenverschlüsse in bisher nicht gekannten Mengen. Da erinnerte man sich an Kork. Binnen weniger Jahre lebte der Handel wieder auf, vornehmlich in der Algarve. Im Dörfchen São Bras de Alportel reagierten einige schlaue Männer auf diese Entwicklung. Das Dorf wurde eine Stadt. Mit Maultieren zum Palast In der Folge kam eine ganze Reihe von Familien zu beachtlichem Wohlstand und großem Ansehen ­ so auch die des Maultiertreibers António Bentes. Mit Dutzenden von Maultieren und Eseln ließ er die Korkplatten im Auftrag der Waldbesitzer zu den zahlreichen Betrieben nach São Brás transportieren. Immerhin sind acht Firmen heute noch in Betrieb, während das ,,Bentes-Imperium” im 20. Jahrhundert zerfiel. Im bürgerlichherrschaftlichen Stadtpalais der Bentes-Familie wurde später ein Ethnografisches Museum eingerichtet ­ eines der schönsten der Algarve ­ wo alte Fahrzeuge ausgestellt sind, Trachten aller Art, Werkzeuge sowie Maschinen zur Korkverarbeitung. Immerhin arbeitete über die Hälfte der Bevölkerung mit Kork. Seinerzeit wurde São Brás de Alportel weltweit führend in der Gewinnung und der Verarbeitung dieses natürlichen Wunderstoffes. In den Straßen der Ortsmitte zeugen eine Reihe von stolzen Gebäuden vom einstigen Reichtum. Viele sind starkfarbig angestrichen, mutig könnte man sagen, doch ist die Kombinationen von rosa Hauswand und blauen Türen in der Tat höchst gelungen! Andere sind mit teils mehrfarbigen Azulejos aus Lissabons Manufakturen eingekleidet. Fast alle diese ,,reicheren” Gebäude haben eines gemeinsam: herrlich gemeißelte Fensterrahmen aus weißlichem Marmor oder hartem Kalksandstein. Einige Bauten verdienen besondere Erwähnung, wie die Pfarrkiche gegenüber dem Rathaus. Innen ist sie kärglich eingerichtet, da verpasst man nichts, aber die Lage ist herrlich ­ der Blick reicht zur Ilha de Faro. Ein Stück weiter entlang der Einbahnstraße stößt man auf den Stadtgarten mit Resten des ehemaligen Bischofspalastes. Die Gottesmänner hatten ihn im 17./18. Jahrhundert errichten lassen, um in luftiger Höhe der Hitze der Küste zu entkommen. Schöner ist die Aussicht eigentlich nur von der Pousada, die nördlich von São Brás auf einem Hügel thront. Sie könnte einen neuen Anstrich gut vertragen, und der umschließende Garten würde sich über einen Gärtner freuen…

Wo schon die Römer rasteten Nördlich davon wird die N2, die längste Nationalstraße Portugals, enger und kurviger. Römer legten diese Straße an. Reste davon kann man östlich der Pfarrkirche entdecken. Die N2 führt hinter Alportel hoch in die Serra. Links wie rechts gibt es reihenweise idyllisch schöne Picknickplätze. Unter Korkeichen. Diese erhabenen Bäume von den Feuern 2003 und 2004 verschont, bestimmen das Bild und lassen an den einstigen Kork-Reichtum erinnern. Moderner Kleinwohlstand hingegen zeigt sich in den Kofferräumen an jedem dritten Sonntag im Monat auf dem Parkplatz der Bernardo dos Passos Schule: die Deckel werden geöffnet, und alles, was zum Vorschein kommt, ob alte Donald Duck Hefte oder antike Kronleuchter, wird verscherbelt. Dann herrscht Betrieb in São Brás de Alportel, die vielen preiswerten Restaurants sind bald zum Platzen voll, und man versteht schon eher, warum so viele Leute von diesem scheinbar unscheinbaren Städtchen schwärmen.

 

Der Kork und seine Geheimnisse
Raubt man einem Baum die Rinde, stirbt er. So auch die Korkeiche (Quercus suber). Aber: Im Laufe der Zeit entwickelten die Menschen Techniken, dieser Eiche maximal viel Rinde abzugewinnen, sie gleichzeitig indes am Leben zu erhalten und zu pflegen. 200 Jahre lang wird sie ihre korkige Rinde regenerieren, der Baum kann indes weit über 500 Jahre alt werden. Die ,,Ernten” sind alle neun Jahre fällig. Dabei wird jeweils nur so viel Rinde vom unteren Baumteil entfernt, dass der Wasserhaushalt im Stamm intakt bleibt. Immerhin bringt es eine Korkeiche ­ sie werden sehr groß, wachsen in die Breite wie in die Höhe in beachtlichen Dimensionen ­ auf insgesamt 500 Quadratmeter Rinde! Frisch geschält sieht eine Korkeiche rötlich braun aus, nackt, leicht verletzlich. Bei schweren Regenfällen und heißen Winden ist sie für Krankheitsbefall anfällig. Nach dem Schälen pinselt man die letzte Ziffer der aktuellen Jahreszahl auf den nackten Stamm, dessen Rinde von innen nach außen nachwachsen wird. Die Ziffer bleibt immer lesbar. Jeder Eiche sieht man also von weitem schon an, wann die nächste Ernte fällig ist. Eine 4 bedeutet: 2004 wurde zuletzt geschält, 2013 ist der Baum wieder an der Reihe. In den Monaten Juli und August kann man überall im Hinterland das Schälen miterleben. Meist rücken Männer in etwa zehnköpfigen Teams an. Sie wissen, dass ihre Arbeit verantwortungsvoll ist ­ ein falscher Schlag kann der Eiche den Garaus bringen, weil das Kapilarsystem für den Wassertransport im Baum leicht durchtrennt wird. Mit einer speziellen Axt teilen 24 die Männer die Rinde dann in etwa 1,5 Meter lange Stücke auf und lösen sie vorsichtig vom Stamm ab. Bei der Verarbeitung werden Flaschenkorken komplett ausgestanzt, wobei nur 30 Prozent der Rinde direkt genützt wird. Den Rest lässt man freilich nicht verkommen. Daraus presst man Einlegesohlen, Griffe für Tennisschläger, Schwimmgürtel, Schwimmer für Fischernetze, Kellen, Schüsseln, Platten für die Wärme- und Schallisolierung. Das Granulat oder ,,Korkschrot” kann man mit Zement und Sand vermischen und als gut isolierendes Baumaterial einsetzen. Früher verwendete man Kork auch für Zigarettenfilter. Dafür ist er der Industrie nun zu wertvoll. Geduld braucht man, das Geheimnis des Korks unter dem Mikroskop zu enthüllen. Denn zählen ist angesagt, langes zählen. Das Ergebnis scheint unglaublich: Ein Kubikzentimeter Kork hat 42 Millionen Zellen, ein einziger Korken demnach um die 750 Millionen Zellen… Nicht genug. Jede einzelne ist von Membranen umhüllt, die geringste Mengen Fett enthalten, und diese schließen winzig kleine Luftbläschen ein. Dieses phantastische Mikro-Gewebe dient der Eiche als Schutz vor Verdunstung und Verletzung. Heute hat sich die Korkindustrie Portugals dort konzentriert, wo der Rohstoff am meisten gebraucht, nicht gewonnen wird ­ in den Ballungsgebieten von Lissabon und Porto. Das war nicht immer so. Die Provinzstädte im Hinterland der Algarve wurden im 19. Jahrhundert sehr bedeutsam für das Kork-Gewerbe, allen voran São Brás de Alportel.

ESA 06/05

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