Verpackungskunst

Industriedesign mit Symbolwert

Die Galerie Côrte Real zeigt Pete Trews Sammlung meisterhafter Reproduktionen antiker Konserven-dosen als Symbole der lokalen Wirtschaftsgeschichte und ihres Überlebens in der Kunst

Sardinen und Thunfisch bestimmen einen bedeutenden Teil des wirtschaftlichen Lebens von Küstenzonen. In der Algarve war und ist das nicht anders; praktisch alle Orte zwischen Vila Real de Santo António und Sagres blicken auf eine lange, bewegte Fischerei-Geschichte zurück. Noch vor rund sechzig Jahren gab es zweihundert Fischfabriken in der Region. Olhão feiert jedes Jahr einen ‘Tag des Fischers’, an dem die Erfolgreichsten unter ihnen und die schönsten Boote geehrt werden, fast so, als wolle man in feierlichem Gedenken die Zeit zurückdrehen. Vila Real de Santo António und die benachbarten Gemeinden zählen sich zur ‘Rota de Atum’, der Thunfischroute: Der Fisch, der in der Algarve auch als „Fleisch des Meeres“ bezeichnet wird, ernährte weite Teile der Ostalgarve ebenso, wie die Fisch verarbeitende Industrie.
Heute hat der Wirtschaftszweig seine Bedeutung in der Region weitgehend verloren. Zudem beschränken von der EU festgesetzte Quoten die Fangmengen, was ganz aktuell zu einem nahezu kompletten Sardinenfangverbot bis ins Jahr 2016 führt. Vor einer guten Dekade forderte der damalige Staatssekretär für Tourismus, die Sardine als Kulturgut gesetzlich zu schützen, um der ökonomischen Größe der kleinen Fische in der Algarve ein Denkmal zu setzen. Traditionen leben in vielfältigen Formen weiter: In Portimão dokumentiert das städtische Museum (das Gebäude war einmal eine Fabrik für Fischkonserven) eindrucksvoll den Weg der Sardinen vom Meer in die Dose.

Die Galerie Côrte Real in Paderne zeigt nun anhand von Arbeiten des Fotokünstlers Pete Trew, dass es auch bei der Verpackung nicht allein um technische Vorgänge geht. Verpackungskunst wurde zu einem wichtigen Teil der Marketingstrategie von Konservenherstellern, die nicht nur auf dem heimischen Markt um den Absatz ihrer Produkte wetteiferten. Thunfisch und Sardinen in Dosen gingen in den Export und brachten die gastronomische Identität des Landes und das Industriedesign ‘Made in Portugal’ in die Welt. Fisch ist ein Teil des Lebensgefühls. Das sollte die Verpackung vermitteln und Pete Trew dokumentiert es. Bevor der Künstler in die Algarve kam, betrieb er dreißig Jahre lang ein auf Schwarz-Weiß-Kunstdrucke spezialisiertes Fotolabor in London. Linda McCartney, 1998 verstorbene Fotografin und Ehefrau des Ex-Beatle Paul McCartney, ließ alle Bilder für ihre Ausstellungen im Pete Trews Labor drucken und aufziehen. Trew wurde international durch Arbeiten für große Auftraggeber aus Industrie und Mode sowie durch Ausstellungen in London, Paris und New York bekannt.
Jetzt haben es ihm die kleinen Metallbehälter angetan, in denen der Fisch seit gut 150 Jahren als Teil nationaler Kulinarik endet. Ein knappes Jahrhundert später wurden die Behälter selbst zum Objekt der Gestalter. Die Form der Büchse erlaubte nur wenige Variationen, denn sie muss zweckmäßig für Menge und Form des Inhalts sein. Also wurden die Hersteller bei der Gestaltung erfinderisch und beauftragten Künstler, ansprechende Motive zu kreieren, die den Kunden neben Informationen über Hersteller und Inhalt auch noch visuelle Eindrücke verschafften.

Die ersten Dosen-Designs entstanden zu einer Zeit, die später in der Kunstgeschichte als Art Déco bezeichnet werden sollte: Form und Thema sollten bunt und dekorativ eine Geschichte erzählen. So prangt auf der Dose der Marke La Rose nicht nur das sinnbildliche Firmen-Emblem; die dreisprachige Beschriftung bezeugt den Anspruch auf internationale Geltung. Der Illustrator der Büchse mit dem Markennamen Gina überzeichnete bewusst alle Klischees der typischen Portugiesin, von Frisur und Schmuck bis hin zur geblümten Stola. Die Konservendose aus der Fabrik von Arménio Santos in Vila Real de Santo António ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Der Markenname Aremany persifliert eine englisch anmutende Aussprache des Vornamens des Fabrikanten und steht gleichzeitig für das englische „…are may“ – ‘es gibt viele’ – eben: Sardinen, „but none like these“ steht darunter, „aber keine wie diese“. Und die treten ihre Reise um die Welt an, sinnbildlich dargestellt durch Fische, die in Form eines Flugzeugs angeordnet sind.
Pete Trew reproduzierte das Originaldesign der Dosen in Kunstdruckform: Bildgewordene Denkmäler regionaler wirtschaftlicher Exzellenz und gleichzeitig Ausstellungsstücke, die als originelle Dekoration (nicht nur) in der heimischen Küche oder im Esszimmer echte Hingucker sein können. Die Tiefe der Farben und der Schimmer der antik anmutenden Dosendeckel in Großformat entstehen durch eine von Trew entwickelte, spezielle Behandlungstechnik des hochwertigen Materials, auf das die Nachbildungen gedruckt werden. Daneben bietet die Galerie auch Originale an: Fischkonserven in Dosen, die den Anschein erwecken, man halte eine historische Fischkonserve in der Hand. Der Inhalt ist jedoch genauso frisch, einladend und appetitlich wie Trews kunstfertige Reproduktionen der Verpackung.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 10/2015

Galeria Côrte-Real
Paderne
GPS: N 37º 10.224, W 8º 10.942
(ab Boliqueime, Ferreiras und Paderne ausgeschildert)

Geöffnet: Di – So 11 h – 17 h u.n.V.

Tel. 912 737 762, Mob. 918 980 199
galeria@corterealarte.com
www.corterealarte.com

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