Steinskulpturen

Der Tempel der Zeit
António Villares Pires ist ohne Zweifel ein interessanter Mensch. In einem Satz könnte man ihn als einen
philosophischen Künstler mit praktischer und bodenständiger Facette bezeichnen.
Nachdem er 35 Jahre lang Kunst unterrichtete, kann er sich nun ganz seiner Leidenschaft, der Steinbildhauerei,
widmen. Seine Werkstatt ist sein Tempel; sein Ziel seine Kunst mit seinen Mitmenschen zu teilen

Wir treffen uns in seiner Werkstatt im ehemaligen Lager des Bahnhofs von Silves, direkt neben dem Hauptgebäude. Das Wort Atelier lehnt er ab. Von 9 bis 17 Uhr ist er dort anzutreffen, während einer ganz normalen Arbeitszeit, die er diszipliniert einhält. Etwas staubig begrüßt er mich freundlich und führt mich sogleich durch das große Gebäude. Seine Kunst macht er in erster Linie für sich selbst. „Um meinem inneren Drang nachzugehen. Ansonsten macht das Leben für mich kein Sinn“, erklärt er romantisch. Aber natürlich sei ihm die Anerkennung seiner Mitmenschen ebenfalls sehr wichtig. „Schließlich sind die Werke eines Künstlers so etwas wie sein Nachlass an die Menschheit.“
Bei all seinen Skulpturen folgt er stets dem Motto: Animus Manusque Artem facient. „Das bedeutet, dass meine Hände das umsetzen, was meine Seele idealisiert“, so der Künstler, der wie die alten Meister lediglich mit Bildhauereisen, Knüpfel und Sandpapier arbeitet. „Vielleicht stelle ich keine außergewöhnlichen Werke her“, sagt Villares Pires bescheiden, „aber immerhin etwas, wozu mein Herz, meine Seele und meine Hände ohne technische Hilfe fähig sind“. Das Material, das er benutzt, ist u. a. Calcário de Moleanos, ein Weichgestein aus der Gegend von Coimbra, aus dem auch die atemberaubende Kloster von Alcobaça, Jerónimos oder Batalha gebaut wurden und mit dem früher in den Kunstschulen unterrichtet wurde. „Da es ein sehr zerbrechliches Material ist, verlangt es hohe Präzision“, erklärt Villares Pires.
Der Künstler entdeckte seine kreative Ader bereits im frühen Alter. Als 5-jähriger modellierte António erstmals mit Knetmasse. Aus den anfangs ungeschickten Versuchen wurden im Laufe der Zeit perfekt modellierte Figuren. Mit 12 oder 13 Jahren begann er dann mit Ton zu arbeiten und mit 20 Jahren startete er seine Ausbildung in der Kunstschule Escola de Belas Artes in Porto. Sein Lehrer war 
Eduardo Tavares, einer der bedeutendsten Steinbildhauer des 20. Jahrhunderts in Portugal. Wie alle Kunststudenten musste er damals Malerei, Skulptur und Architektur studieren. „Nach dem Abschluss konnte man seiner Berufung folgen“, erklärt er, „aber das Examen erhielt man erst, wenn man diese drei Bereiche meisterte“. Villares Pires ließ die Architektur komplett fallen und widmet der Bildhauerei mehr Zeit als der Malerei.
Zuletzt unterrichtete er in Silves und war die letzten vier Jahren mit dem Aufbau seiner Werkstatt, „O Templo do Tempo“ beschäftigt. „Ein Tempel ist eine Gebetsstätte, ein heiliger Ort. Wenn ein Künstler malt, schnitzt oder meißelt, ist es wie sein eigenes Gebet“, erklärt der Mitte 60-Jährige. „Daher ist die Werkstatt der Tempel des Künstlers“, fasst er zusammen. Diese Sichtweise macht sich in der Dekoration seiner Wirkungsstätte bemerkbar. Auf der Hinterwand ist ein großes geöffnetes Portal gemalt. Davor steht ein Ritter mit erhobenem Schwert. Im Hintergrund sind die Burg und der Fluss von Silves zu sehen. Der Ritter stellt den jungen Villares Pires dar. Veni Vidi Vici?, frage ich. „Nein!“, antwortet er gut gelaunt, „erobern ja, aber nur meinen Platz hier in Silves – und falls möglich die Herzen der Bewohner, denn wie gesagt, ohne sie bin ich nichts“. Rechts und links vom Portal sind eine männliche und eine weibliche Gestalt zu sehen. Wer die männliche Gestalt genauer betrachtet, wird ein kleines, interessantes Detail entdecken: in seiner Hand hält er ein Bildhauereisen und ein Knüpfel. Über den Figuren ist die Inschrift Celum et Infernus in Terra sunt zu lesen, was soviel heisst wie: Himmel und Hölle sind auf Erden. Denn, „durch Liebe kann man auf Erde himmlische Momente erleben, aber wenn man die geliebte Person verliert, erlebt man auch die Hölle“, weiß Villares Pires.
Da ein Tempel auch ein Ort der Verehrung darstellt, plant der Künstler auf der rechten Wand einen Schrein für sein Idol António Soares dos Reis, den berühmten Steinbildhauer, von dem sich Villares Pires stets inspirieren ließ. Auf der linken Wand verehrt er seine literarischen Idole: Luís de Camões, Florbela Espanca, Fernando Pessoa und Herberto Helder. Bislang sind lediglich die Zeichnungen der Figuren zu sehen. Zum Malen hatte der Künstler noch keine Zeit, da er meistens an seinen Skulpturen arbeitet.
Seine letzten Werke waren mit Portugals Geschichte verbunden, die beiden derzeitigen ebenfalls. Eine Plastik stellt D. Pedro I. mit D. Inês de Castro dar, die eine der schönsten aber zugleich tragischsten Liebesgeschichten Portugals verkörpern. Ihr Schwiegervater, König Alfons IV. klagte Inês, eine kastilische Adelige, des Hochverrats an und ließ sie ermorden. Kronprinz Pedro soll auf der Jagd gewesen sein, als am 7. Januar 1355 auf Befehl des Königs drei Abgesandte in das Landhaus des Liebespaars bei Coimbra eindrangen und Inês enthaupteten. Villares Pires‘ Skulptur „Ultimum Conventus“ zeigt das Paar in seinem letzten glücklichen Moment. „Ich wollte nicht das Tragische, sondern das Schöne ihrer Geschichte zeigen. Daher die Skulptur von D. Pedro und D. Inês bei ihrem liebevollen, zärtlichen Abschied, bevor Pedro auf die Jagd geht“, so der Romantiker. Während diese Skulptur praktisch fertig ist, befindet sich die von D. Sebastiãos, dem jungen König, der 1578 in einer Schlacht bei al-Qasr al-Kabir in Marokko fiel, noch in der Anfangsphase. Weshalb er sich derzeit den historischen Figuren Portugals widmet, kann er nicht erklären. „Aber wieso muss man für alles eine Erklärung haben?“, fragt er. „Soll ich hier rumstehen und versuchen rauszufinden, warum ich diese Skulpturen mache, oder soll ich mich an die Arbeit setzen? Zum Schluss wird sich schon herausstellen, wofür es gut war“, fasst er 
lächelnd zusammen und wendet sich wieder D. Inês zu.

O Templo do Tempo
António Villares Pires | Mob.: 914 160 605
villarespires@hotmail.com |www.facebook.com/VillaresPires

Der Künstler bietet Workshops und Kurse in den Bereichen Bildhauerei, Malerei u. Zeichnen an.
Zudem besteht die Möglichkeit, mit vorheriger Reservierung an Freitagen od. Samstagen im „Tempel“ zu Abend zu essen und den Künstler und seine Arbeit in gemütlicher privater Atmosphäre kennenzulernen.
Das Essen wird von Villares Pires selbst im Holzofen oder auf dem Grill zubereitet.

Text und Fotos: Anabela Gaspar

ESA 01/15

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