Tonangebend – Hobbychöre der Algarve

Gesang ist eine Weltsprache

Konzerte wie wir sie kennen gibt es erst seit rund zweihundert Jahren. Musiker kennen die gemeinschaftsstiftende Funktion ihrer Beschäftigung und Chorsänger geraten rasch ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Hobby erzählen. Wer ein Klangerlebnis mit Gleichgesinnten inszenieren möchte, erkennt schnell: Die Algarve singt. ESA stellt eine Auswahl der Hobbychöre vor – und alle haben noch Plätze frei

Auf der vielstimmigen, stets international besetzten, musikalischen Reise von West nach Ost klingen die Lieder zunächst beim Coro International de Aljezur (www.coroaljezur.com). „So alt wie die gemeinsame Eurowährung“ ist der Chor, der „Einheimische und Zugezogene miteinander bekannt und vertraut machen möchte“, sagt Gründungsmitglied Doris Wroblewski, die wie andere Sänger der ersten Stunde bis heute mit starker Stimme dabei ist. Dank vieler Unternehmungen, zum Teil über das gemeinsame Singen hinaus, wuchs rasch das Interesse, bei der polyphonen Gruppe mitzutun. Der Chor begrüßt jeden, der Spaß an der vokalen Hobbykunst hat. Das Repertoire reicht von Haydns ‘Missa brevis’ und Beethovens ‘Ode an die Freude’ über Gospels und Volkslieder bis zu portugiesischen Stücken, gelegentlich begleitet von Orgel, Gitarre oder Klavier. Aufgrund seiner Vielseitigkeit ist der Chor oft Gast regionaler Veranstaltungen.

In Carvoeiro leitet Gabriella Seewer eine Gesangsgruppe unter dem Dach der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde. Seewer, ausgebildete Sängerin und Musikerin, die auch an Schulen der Region unterrichtet, leitet seit vielen Jahren Chöre in der Algarve, weltliche und solche, deren Repertoire christliche Lieder bestimmen. Sie hat die Gabe, auch Zeitgenossen zum Gesang zu bringen, die seit den ersten Brummtönen im Schulchor an der Überzeugung leiden, sie seien für Vokalmusik ungeeignet. Seewer erzählt von Auftritten bei Feierlichkeiten und von Ad-hoc-Chören, 
in denen sie in der Ferienanlage Hapimag in Albufeira auch schon einmal fünfzig Gäste spontan zum Mit-singen bringt. Die Chorgemeinschaft ist ebenso international wie die Lieder, die sie singt und neue Mitglieder sind jederzeit willkommen. (www.deka-algarve.com u. Tel.: 282 332 154)

In Silves gibt es gleich zwei Gruppen mit Freude am guten Ton: Der Chor der Amigos da Pedreira sind Teil eines Freizeitvereins, der sich um Kultur und Unterhaltung für die Gemeinde kümmert. Die Sänger begeistern mit Balladen, Volksliedern und fröhlichen Weisen, meist mit instrumentaler Begleitung. Dasselbe gilt für den Chor Os Alegres. Neben ihrer Leidenschaft für Lieder teilen die singenden Residenten gemeinsam mit einheimischen Sangesfreunden eine soziale Aufgabe: Unter anderem treten sie in Seniorenheimen der Algarve auf. In diesem Monat sind die Hobbysänger auf den Straßen in und um Silves anzutreffen, wo sie das portugiesische Brauchtum der Janeiras pflegen, eine Art Dreikönigssingen zur Begrüßung des Jahres, bei dem die Gruppe von Haus zu Haus ziehend kleine Konzerte gibt. Traditionell erweisen die Hausherren dem Chor Dank in Form kleiner Geschenke, die die Sänger sozialen Einrichtungen spenden. (Info: Heike Metzer (s. ESA 7/2015), Tel.: 282 332 664)

In Paderne sorgt die Sociedade Musical für musikalische Momente. Die Gesellschaft besteht seit 157 Jahren und ist einer der ältesten Vereine in Portugal. Lange Zeit war vor allem die Band des Vereins überregional ein Begriff. Dann kam der Chor dazu, der seit knapp zwei Jahrzehnten wohlklingenden Liederreichtum verbreitet. Chorleiterin Traute Finken berichtet von einem wackeren Dutzend Hobbysängern auf der Bühne der Sociedade Musical, die gerne weitere begabte Kehlen in ihre Mitte aufnehmen würden. Ihr 
Programm umfasst zeitlos populäre Musik, moderne Klassik und alles, was zum Mitsingen anregt. Die Auswahl folgt einer klaren Verteilung: Die Hälfte der Lieder sind portugiesische Stücke, die andere Hälfte folgt internationalen Liederbüchern und ist vielsprachig. (Traute Finken: Tel.: 965 770 037)

Der Coro dos Amigos do Museu in São Brás de Alportel steht kurz vor seinem zehnten Geburtstag. Gegründet von fünf Frauen, entstand im Lauf der Zeit ein gemischter Chor mit rund dreißig stimmstarken Vertretern zahlreicher Nationen. Folglich ist auch die Sprachvielfalt der Gesangsstücke groß, die mehrstimmige Chorsätze der Renaissance und des Barock, romantische Stücke und populäre portugiesische Musik umfassen. Aus der Mitte der Gruppe wuchs der stimmlich edle Kammerchor Canticorum. Er trägt sakrale und säkulare Chorwerke unter anderem von Mozart, Purcell, Bach und Mendelssohn vor sowie Madrigale und Volkslieder verschiedener Epochen und Länder vor. Die Sänger sehen „Musik als elementaren Bestandteil des Lebens.“ Sie zaubert Atmosphäre und vermittelt die musikalischen Charakteristika der Nationen, deren Lieder erklingen. Diane Ings, Chormitglied der ersten Stunde, betätigt sich in Zukunft auch als Netzwerkerin, um Aktivitäten und Repertoire der Algarve-Chöre systematisch zu erfassen. (http://coro-amigos.com u. cantar@coro-amigos.com)

In Moncarapacho singt seit acht Jahren Bella A Capella und der Name ist Programm. Die Sänger aus derzeit sechs Nationen bilden Portugals einzigen Barbershop-Chor und haben ein englischsprachiges Repertoire, denn Barbershopper singen ohne Instrumentalbegleitung, der Tradition ihres Genres folgend: In den US-Südstaaten war es lange vor der Zeit des Radios modern, Schlager und Songs aus Vaudeville–Shows nachzusingen und dabei auch den Part der Instrumente mit der eigenen Stimme zu übernehmen. Bella A Capella wurde gerade mit der Silbermedaille des Barbershop-Wettbewerbs in Spanien ausgezeichnet. Derzeit sucht der Chor einen neuen musikalischen Leiter. „Leidenschaft für diese Musik ist das Wichtigste, zudem ein musikalisches Gehör, Rhythmusgefühl und ein paar Führungsqualitäten“, beschreibt Chormitglied Emmy Wijsman den Wunschkandidaten. Neue Sänger sind ebenfalls sehr willkommen. (www.bella acappella.net; Tel. 914 848 108 u. 925 993 644)

Die Reise durch die sangesfreudige Algarve endet in Luz de Tavira, beim East Algarve International Shanty Choir, dem wohl mitgliederstärksten Sängerkreis der Region. Seit knapp drei Jahren intonieren inzwischen 50 Mitwirkende aus 12 Ländern die mit Meer, Seefahrt und Küstensehnsucht verbundenen Melodien, eine Art „Fado auf See“, wie eine niederländische Zeitung schrieb. Auch deutsche Balladen und Stücke aus der Weltmusik gehören zum Repertoire. Die Gruppe be-weist in ihren zahlreichen Auftritten, dass ein traditionell aus Männern bestehender Shanty-Chor durch weibliche Stimmen nur gewinnt. Zum Gleiten auf den Klangwogen fehlen Musikanten: Insbesondere Akkordeon-, Gitarren- und Banjospieler sowie Flötisten sind gefragt, um die Sänger zu unterstützen. (www.eaisc.eu u. koos.algarve @gmail.com sowie Tel.: 926 684 061)

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 01/16

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