Foto-Poesie

Gegen das Verschwinden

Filipe da Palma betrachtet sich nicht als Fotokünstler, eher als Zeitenschwimmer zwischen Vergangenem und Vergänglichkeit. Seit zwanzig Jahren sammelt der Profi-Fotograf nostalgische Detailspuren, die das schleichende Verschwinden der architektonischen Vielfalt in der Algarve dokumentieren. Das Ergebnis: Foto-Poesie in Postkartenformat

Filipe da Palma strahlt mit seinen 44 Jahren die Art von Ruhe aus, die zwischen der Wildheit der Jugend und dem erwachsenen Erkennen dessen entsteht, dass die Welt sich nicht einfach mit rebellischem Willen ändern lässt. Nachdem er die Grenzen seines Ungestüms erkannt hatte, machte sich zunächst eine bleierne Unzufriedenheit in ihm breit, die beinahe an Resignation grenzte, doch dann erwachte der Wunsch, seinen Idealen trotz Hürden zu folgen, und er suchte in seiner eigenen Professionalität als Fotograf das Medium hierfür. „Mit der Kamera in der Hand bin ich unterwegs in einer Art Parallelwelt und neben der Hauptstraße dessen, was offensichtlich sichtbar ist. Unterwegs in Hinterhöfen und in Ruinen, auf der Suche nach Spuren von dem, was gewesen ist, bevor der Mensch sie zerstört oder einfach Gras darüber wächst.“
Seit über zwei Jahrzehnten ist Filipe an der Algarveküste und im Hinterland mit dem Finger am Auslöser unterwegs und dokumentiert den fortwährenden Verfall des regional markanten Baustils. Seiner Meinung nach ist es grausam mit anzusehen, wie identitätslos sich die Algarve urban entwickelt hat, seit die für die Algarve typischen Häuserfassaden in den Dörfern und Städten nach und nach völlig verschwinden und Platz machen für ein uniformiertes Straßenbild, das mit der Persönlichkeit der Algarve nichts mehr zu tun hat und den Wiedererkennungseffekt zerstört. Das kräftig farbenfrohe Straßenbild dank der charakteristisch dekorativen Einfassung der Dachkanten, den platibandas, demonstrierte den Hausbesitzerstolz der Algarvios und fand als Epochen-Merkmal seinen Höhepunkt während der ökonomischen Hausse im Handel mit regionalen Produkten mit Lissabon.
Im Zuge neuer Flächennutzungspläne der Salazar-Regierung und dem Einfluss frisch promovierter Architekten samt einer sich in Europa rasch verbreitenden architektonischen Funktionalität in den Sechzigern veränderte sich das urbane Antlitz in Portugal von Nord bis Süd. Niemand dachte damals daran, die jeweils lokale Baustil-Identität zu schützen, gar zu bewahren, beklagt Filipe. Urbane Fehlplanung in allen Gassen. Mehrstöckige Neubauten stehen Wand an Wand mit Häuserruinen oder vor sich hin verwitternden Palais. Dazwischen stößt der Betrachter auf hübsch sanierte Stadthäuser, die zeigen, wie es aussehen könnte.

Auf einer gemeinsamen Fototour zieht eine hölzerne, von Hand bemalte Tür Filipe in den Bann und er deutet auf die abgewetzte steinerne Schwelle. „Es beruhigt mich, wenn ich auf etwas typisch Algarvisches stoße, das mir erzählt, woher ich stamme.“ Dass seine Motivsammlung algarvischer Hausfrontansichten, einzelner Azulejos, Schornsteine, Türen, Fenstereinfassungen und vieles mehr eines Tages Ausstellungen füllen, kam Filipe zu Beginn seiner Motivjagd vor zwei Jahrzehnten gar nicht in den Sinn. Den Impuls, seine Arbeit als etwas poetisch Artistisches zu betrachten und der Öffentlichkeit zu präsentieren manifestierte sich 2012, bei seiner ersten Ausstellung in der Zentralbibliothek der Algarve-Universität in Faro. 400 Motive aus seinem Archiv verdeutlichten den urbanen Verfall in der Algarve, insbesondere entlang der Küste, wo Immobilien in den vergangenen Jahren eine höchst profitable Rolle gespielt haben.

Die Ausstellung diente als Auftakt zu einer akademischen Vortragsreihe über Architektur im Wandel. Filipe fahndete für diese Ausstellung nach einem Überraschungsmoment und ersann gleich zwei: Er wollte den Bezug zwischen sich und seinem Publikum unbedingt abstrahieren und wählte Sand, um seine Werke symbolisch erneut unsichtbar zu machen, indem er den Sand lose über seine ausgestellten Arbeiten streute und den Betrachter animierte, den Sand beiseite zu wischen um zu entdecken, was darunter verborgen liegt. Zum Zweiten wählte er das Format 10×15 Zentimeter für seine Foto-Mosaik-Einheiten: Die Größe einer Postkarte. Eine poetische Metapher für Erinnerung.
Nach der Ausstellung in Faro, bei der Filipe noch mit losem Sand experimentiert hat, wählte der Fotojäger für weitere Ausstellungen Zeichenpapier in Großformat um seine Werke zu „verbergen“ und überzog die Bögen mit Kleister und Sand. Die so präparierten Bögen hängt er wie einen Vorhang, den der Betrachter zur Seite schieben muss, über seine Collagen und bringt zum Ausdruck, was der Titel der Ausstellung verspricht: Sous les pavés, la plage. … Sous la plage un autre Algarve.” Unter dem Straßenpflaster verbirgt sich Sand und unter dem Sand eine andere Algarve.

Filipes Arbeiten reflektieren neben handwerklichem Können, Präzision und Liebe zum Detail vor allem Routine und Disziplin. „Wenn ich auf der Pirsch nach Azulejos bin, würdige ich Schornsteine keines Blickes. Dann suche ich nach Fliesen, die niemand mehr herstellt. Sonst nichts.“ Die verschieden thematischen Alben seiner Kollektion führen den Betrachter in eine Miniaturwelt visueller Ästhetik in der Algarve und nehmen ihn mit in verlassene Häuser mit bröckelnden Fassaden aus dem vorvergangenen Jahrhundert, die vielleicht nur noch für eine kurze Zeit stehen bleiben, bevor der Abrissbagger kommt.
Am Anfang seiner Karriere als Profi-Fotograf stand der Wunsch, in unbekannte Länder zu reisen und die jeweils lokal charakteristische Schönheit und Einmaligkeit zu fotografieren. Nach seiner Ausbildung an der Ar.Co – Centro de Arte e Comunicação Visual in Lissabon arbeitete Filipe als Freelance-Fotograf für diverse Zeitschriften, unter anderen für Forum Ambiente, Descobrir und Casas de Portugal. Vierundzwanzig Jahre später steht er inmitten eines Hains ingwergelber Gräser, den Sucher auf einen prächtig ausladenden Feigenbaum gerichtet und lächelt selig. „Schau, das ist Algarve. Vitale Grünnuancen inmitten von Trockenheit. Zukunft und Vergänglichkeit, vereint in Licht und dem ewigen Blau zwischen Ozean und Horizont.“ So entsteht Fotopoesie.
Text: Catrin George
ESA 08/15

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