Filz-Unikate

Wasser, Seife und der Druck von Maria Custódios Händen verdichten die Wolle zu stabilem Filz. Eine einfache, uralte Technik, die gepaart mit Marias Fantasie unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten zulässt

Anders als in Deutschland oder in Frankreich ist die Kunst des Filzens in Portugal praktisch unbekannt. Es wird viel mit Filz, auf Portugiesisch Feltro, genäht und gebastelt, aber im ganzen Land gibt es nur eine Handvoll Filzhersteller, die die Kunst des Nass- oder Trockenfilzens ausüben. Maria Custódio ist eine dieser Künstlerinnen. Obwohl sie die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Paris und dann weitere 22 Jahre in Hamburg lebte, entdeckte sie diese Technik erst in der Algarve, wo sie sich 2005 niederließ. „Beim Durchblättern eines deutschen Magazins fiel mir eine Tasche auf, deren Form und Farben außergewöhnlich waren. Einfach ganz anders als das, was man von der Modeindustrie gewohnt ist“, erinnert sie sich. Marias Neugier war geweckt. Sie recherchierte und entdeckte, dass es verschiedene Filztechniken gibt und das dieses natürliche Material unendliche Möglichkeiten bietet. Sofort probierte sie das Nassfilzen aus und hat seitdem nie wieder damit aufgehört.

Zu Beginn war es ein Hobby. Doch nachdem begeisterte Freunde ihr immer wieder Stücke abkauften, beschloss sie auszuprobieren, ob ihre Kreationen auch das Interesse von Außenstehenden wecken würden, und gab einige Stücke zum Verkauf in ein Modegeschäft in Monchique. „Die Kunden waren fasziniert und schauten immer nach neuen Entwürfen“, so Maria. „Das gab mir Mut, weiter zu machen und mein eigenes Atelier zu eröffnen.“ Im Vordergrund sollte nicht der Verkauf stehen, sondern ihr Arbeitsplatz. Einerseits, weil Maria sehr kommunikativ ist und 
ihr zu Hause oft der Kontakt zur Außenwelt fehlte, andererseits, weil es ihr am Herzen liegt, die Filzkunst generell bekannt zu machen. „Wer mein Atelier betritt, hat die Möglichkeit, mir beim Filzen über die Schulter zu schauen, die Schafwolle zu fühlen, das Kunsthandwerk zu entdecken, es selbst auszuprobieren“, erklärt Maria.

Maria filzt seit fünf Jahren. Sie verwendet dabei Merinowolle, die von Merinoschafen gewonnen wird und sich durch ihre besondere Feinheit und Weichheit auszeichnet. Zudem riecht und kratzt sie nicht, wärmt bei Kälte und kühlt bei Hitze. Die Wolle, die Maria verarbeitet, ist außerdem nach den Richtlinien des Oeko-Tex-Standards 100 gefärbt. Das bedeutet, dass sie schadstoffgeprüft und gesundheitlich unbedenklich ist.
Zuerst zupft Maria die Wolle und legt sie schichtweise übereinander. Dann wird sie befeuchtet und mit nassen Seifenlaugen-Händen sanft gerieben, bevor sie gewalkt wird. Die einzelnen Fasern der Schafwolle verfilzen dadurch, die Wolle bildet ein festes, textiles Flächengebilde.
„Was mich beim Filzen begeistert ist, dass man seine Stücke praktisch bei Null anfängt“, erklärt Maria. „Das Rohmaterial kann ganz nach unserer Fantasie gestaltet werden. Ich wähle die Farben, die Nuancen, die Muster, die Form. Es ist reines kreatives Schaffen“, so Maria. Egal ob Kleid, Jacke, Hut, Schal, Stulpen, Tasche oder Bettdecke, all ihre Kreationen unterscheiden sich durch die faszinierenden Farben und das originelle Design. Die Kombination der Merinowolle mit Seide, Baumwolle oder Leinen – was in der Fachsprache als Nuno-Filzen bezeichnet wird – verleiht ihren Stücken noch weitere Originalität. Alles zusammen – Farbe, Textur und Design – ist ein Fest für die Sinne. Jede von Marias Kreationen ein Unikat.
Die Freude am Experimentieren und die Inspiration eröffnen Maria immer wieder neue, kreative Spielräume. Ihre Hände schaffen auch Dekorationsobjekte wie Bilder, Lichterketten oder Mobiles sowie Broschen und Untersetzer.
Wenn Maria über die Kunst des Filzens und das Material spricht, merkt man, dass sie ihre 
Leidenschaft entdeckt hat. „Die Wolle ist ein 
lebendiges Naturprodukt, das auch weiter lebt, wenn es als fertiges Stück im Atelier hängt“, berichtet sie. „Wolle verändert sich und man muss sie fühlen und kennenlernen, um zu wissen, wie sie sich nach 
dem Verfilzen verändern wird.“ Man könne den traditio-nellen Arbeitsweisen nachspüren oder ganz neue entwickeln.
Als Filzkünstlerin spürt Maria zudem die Verantwortung, ihr Wissen weiterzugeben, damit dieses Kunsthandwerk nicht in Vergessenheit gerät. Daher bietet sie regelmäßig Workshops an, in diesem Monat jeden Samstag. Eine Möglichkeit, Weihnachtsgeschenke für Familie und Freunde selbst zu filzen.
Zu ihren Plänen gehört auch der Aufbau eines Netzwerkes, in dem Filzhersteller ihr Wissen und ihre Erfahrungen austauschen, denn „zusammen ist man immer stärker“, sagt sie lächelnd. Zwölf Filzherstellerinnen konnte sie schon in Portugal ausfindig machen. Auch ein Filzfestival würde sie gerne organisieren, um das Kunsthandwerk in Portugal einem breiteren Publikum vorzustellen. Bis es soweit ist, arbeitet Maria in ihrem Atelier direkt am Hauptplatz in Monchique weiter und begrüßt herzlich alle, die Interesse an dieser uralten Technik der Wollverarbeitung haben.
Text & Fotos: Anabela Gaspar
ESA 12/16

Atelier Maria Custódio
Largo dos Chorões 14-A
Monchique
Mob. 963 355 975
info@mariacustodio.com
www.mariacustodio.com

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