Pioniergeist mit Symbolkraft

Ein Kulturmarkt im Kerzenschein, der Mercado de Culturas à Luz das Velas im historischen Convento de São José und den benachbarten Gassen der Stadt Lagoa lädt ein zu Klezmer-Musik, koscheren Häppchen und sephardischen Tänzen

Als Paulo Francisco, Programmleiter des kommunalen Kulturzentrums Convento de São José, zusammen mit João Pedro Vieira Eventmanager von Ibérica-Eventos & Espectaculos nach einer innovativen Idee für ein originelles Festivalkonzept suchten, nach etwas, das Vergangenheit und Gegenwart zusammenführt und sich dem Thema Kultur aus einer übergeordneten Perspektive nähert, kreisten ihre Gedanken um ein Kulturerlebnis im Kerzenlicht. Ein flammendes, mystisch leuchtendes Kerzenmeer wollten sie entzünden und überlegten, was die Kerzen darstellen sollten.
Die regionale Biografie in der Algarve und im benachbarten Andalusien half Paulo Francisco und João Pedro Vieira, das passende Motto für ihr Pionierprojekt „Kulturmarkt im Kerzenschein“ zu finden: Religion. Schließlich spielten die Religionen im Süden von Portugal eine führende Rolle für die gesamte iberische historische Entwicklung. Moslems, Juden, Heiden, katholische Christen fanden neue Wurzeln auf der Iberischen Halbinsel und ihre Kultur-Erbschaften blieben vervielfacht bis in die Gegenwart erhalten.
„Die Botschaft für den Mercado de Culturas à Luz das Velas ward geboren, und mit ihr erwachte eine ganz eigene Symbolkraft bei den Teilnehmern. Begegnung. Betrachten. Experimentieren“, erzählt Paulo Francisco von seinen Beobachtungen während der vier Veranstaltungstage im vergangenen Jahr. „Als die religiösen Symbole am ersten Abend gleich am Eingang zum Basar im Kerzenlicht flackerten, war das für etliche Besucher eine völlig neue Erfahrung, Symbole wie den Davidstern, den Halbmond und das christliche Kreuz, derart nah nebeinander leuchten zu sehen.“ Was zunächst fremd schien, wandelte sich rasch in Bewunderung für die ästhetische Schönheit des entflammten Arrangements. Heuer lautet das Credo bei allen Beteiligten wieder, Glauben in seiner Verschiedenheit und charakteristischen Ursprünglichkeit darzustellen, und Religion mit allen Sinnen zu erleben: „Kosten, hören, sehen, riechen, fühlen.“
Ostern 2014 feierte Lagoa mit dem neuen Projekt „Kulturmarkt im Kerzenschein“ Premiere. Im vergangenen Jahr standen der islamische Glauben, 
seine Kultur und seine entsprechenden Gebräuche auf dem Event-Programm. In diesem Jahr steht der Kulturmarkt unter einem anderen Stern: dem Davidstern von Israel.
Die Intention der Veranstalter in Lagoa setzt sich fort, die lokale, historisch bedingte Verbundenheit zu den unterschiedlichen Kulturen und ihren Religionen auferstehen zu lassen. Das diesjährige Veranstaltungsprogramm ist gespickt mit musikalischen, kulinarischen und künstlerischen Höhepunkten aus der jüdischen Kultur, eingebettet in multikulturelle Basar-Atmosphäre.
Insgesamt siebzig Marktstände bieten Produkte feil, deren Vielfältigkeit sämtliche Weltreligionen und Mittelmeerkulturen repräsentieren. Kunsthandwerk, Schmuck, Kosmetik, Gewürze, religiöse Symbole, Talismane, süße und herzhafte Köstlichkeiten, traditionelle Kunstfertigkeiten und mehr können Besucher vom 9. – 12. Juli jeden Tag ab 17.30 Uhr bis Mitternacht kennenlernen.
In den Austellungsräumen im Convento de São José erwarten den Besucher außerdem zwei Ausstellungen, deren Exponate unterschiedlicher Formate anschaulich die historische Allianz zwischen jüdischen Auswanderern aus Israel nach Portugal und Einblicke in das Leben in Israel dokumentieren, sowie ein Portrait über „El ultimo Sefardi“, den letzten Sephardim.
Richtig magisch wird es aber erst dann, wenn die Sonne den Tag verabschiedet und 10.000 Kerzenflammen den Markt in eine unvergleichbar mystische Zauberwelt verwandeln. Wenn religiöse Symbole dem Besucher den Weg leuchten. Wenn Sichelmond, lateinisches Kreuz und Davidstern gemeinsam die Nacht erhellen und Besucher am Eingang zum Kulturmarkt willkommen heißen. Wenn weitere tausende Kerzen in den Gassen den Weg zum Convento säumen. Jede Flamme ein Symbol für Frieden zwischen den Menschen. Keltische Runen, die Hand Fátimas, die jüdische Menorah. Symbole, verwurzelt in rituel-len Handlungen, die gleichzeitig bestimmte Traditionen der einzelnen Glaubensrichtungen verkörpern. Symbole, die den Gläubigen den Weg zu ihren Herzen deuten und dorthin, wo sie sich sicher und geborgen fühlen. Ein Gefühl, das Millionen Menschen auf dieser Erde eint – unabhängig ihrer jeweiligen Religion.
In der Bar Vinico Kosher goutieren Besucher koscheren Wein: Perene aus der Douro-Gegend und Quevedo, Portwein, dazu koscheren Käse aus der Queijaria Braz in Peraboa in Kreis Covilhã, und sie erfahren mehr über den Handel und die Herkunft koscherer Lebensmittel. Und darüber, wo man koschere Lebensmittel kaufen kann, zum Beispiel in der Mercearia Judaica Shofar, Fachhandel für koschere Lebensmittel und jüdisches Kulturgut in Lissabon. Zu Besuch in Lagoa ist die Küchenchefin Rozita Iles Musafia, Vorsitzende der Asociación Cultural Tarbut Sefarad de Marbella y Mijas aus Spanien, die die Bar Vinico Kosher im Lichthof im Convento São José leitet, wo sie jüdische Kostproben und Tapas kreiert und ihr Kochbuch mit Rezepten aus der jüdischen Küche zum Kauf anbietet.
Klezmer-Musik mit Hristov animiert die stimmungsvolle Atmosphäre im Convento de São José, auf dem Platz dahinter und in den benachbarten Gassen. Jüdische Melodien entführen die Zuhörer in eine Klangwelt zarter und eindringlicher Töne. Fremdartige Klänge, begleitet von fidelen Fiedlern und ihren Streichinstrumenten sowie Akkordeon und Klarinette. Jüdische Musik mit Gesang, interpretiert von Jasmina Petrovic & Taltalim, und der Performer Milo Ke Mandarini mit sephardischen Weisen und entsprechendem Instrumentenmix lösen die Klezmer-Musik im Laufe des Abends ab. Zu Musik gehört Tanz. Und wer von den Besuchern sephardisch tanzen lernen möchte, ist bei Erika la Turka an der richtigen Stelle. La Turka ist Tanzlehrerin für orientalische, arabische und Flamenco-Tänze, ausgebildet in Madrid. Sie bietet an allen vier Abenden Schnupper-Tanz-Workshops an.
Das nächtlich verzaubernde Treiben schwingt aus in Partylaune. Der Kulturmarkt endet jeden Abend mit Klezparty und animiert seine Gäste zum Mittanzen bis Mitternacht. Bruchim ha-Baim – Gesegnet seien die Kommenden.
Text: Catrin George
ESA 07/2015

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