Mit Hut, alles gut?

Mit maritimen Entdeckungen schrieb Portugal Weltgeschichte. Als Ahnherr dieser Geschichte gilt Dom Henrique, Prinz Heinrich „der Seefahrer“. Unübersehbar ist er, prangt auf zig Denkmälern, Menükarten, Buchtiteln. Mit seinem Hut macht er sich ja auch so gut! Aber genau damit hat es einen Haken: Der Hut sitzt nicht auf Heinrich. Fast alle Historiker des Landes wissen das. Aber keiner wehrt sich gegen die nationale Lüge. Jetzt wird das Altarbild, auf dem beide Heinrichs zu sehen sind – der echte (ohne Hut) und der falsche (mit Hut) – in der Algarve ausgestellt: als Mosaik des Künstlers José Freire bei der Arte Algarve Open X

Infante Dom Henrique war ein Mann des Übergangs vom Mittelalter zur Renaissance. Sein größter Widersacher war der Aberglaube jener Zeit. Den zu bekämpfen, brauchte es einen Mann mit vehementem Tatendrang. Heinrich hatte ihn und damit auch Erfolg. Doch am Ende der „Goldenen Epoche Portugals“ suchte man nach einem Abbild des Ahnherrn der portugiesischen Glanzepoche, der nicht brüllte, sondern flüsterte. Einen mit Visionen. Einen, der vom Kap São Vicente aus gewissermaßen die Küste Amerikas erahnte… Man fand ihn. Ach, wie weh- und schwermütig blickt er in die Ferne. Und nicht irgendwo blickt er so dahin, sondern auf dem legendären Altarbild des Heiligen Vicente, Portugals wichtigstem Gemälde aller Zeiten. Das grandiose Meisterwerk von Nuno Gonçalves entstand um 1450. Neben dem Heiligen, dem das 6-teilige Altarbild gewidmet ist, steht das königliche Paar: König Duarte und seine Frau, Eleonore von Aragon. Und da erblicken wir ihn, jenen legendären schlappen schalähnlichen Hut. Aber nicht Heinrich trägt ihn, sondern der König, Heinrichs Bruder. Müde und traurig guckt er in die Welt. Kein Wunder. Er litt an Depressionen, verstarb später gar an Schwermut. Wer bestimmte, dass der Mann mit Hut der Heinrich sei, ist unbekannt. Die Brüder des Königs sind die Prinzen, und die sind auf dem zweiten Paneel von rechts abgebildet. Da sehen wir Prinz Pedro, den vielgereisten, und neben ihm Prinz Ferdinand, der bei einem Angriff gegen die Mauren bei Tangier ums Leben kam. Vor den beiden kniet der dritte Prinz. Ein markantes Kinn prägt ihn, eines, das bissige Energie anzeigt. Diesem Mann traut man zu, dass er gestandene Kapitäne ins Meer hinaus jagte, auf dass sie hinterm Horizont Neues fänden. Richtig: Das ist er, der echte Heinrich. Aber er sieht so gar nicht wie ein Portugiese aus! Kantige Gesichtszüge hat er und rötliches Haar. Kein Wunder: Seine Mutter ist Königin Filipa de Lencastre – die englische Herzogin Philipa of Lancaster. An seiner Halskette baumelt das massiv goldene Kreuz des Christusordens, dessen Gouverneur er war und mit dessen Geldern er die portugiesischen Entdeckungsfahrten bis zu seinem Tod im Jahr 1460 finanzierte. Das Ordenskreuz wurde zum Symbol der Entdeckerperiode. Zu sehen sind Dom Henrique, sein trauriger Bruder Duarte und weitere 56 Persönlichkeiten ihrer Zeit auf einem monumentalen Mosaik des Künstlers José Freire in der Galeria Arte Algarve in Lagoa ab 12. April in der Jubiläums-Ausstellung Arte Algarve Open X.

ESA 04/14

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