Zé Indio‘s Art

Sandskulpturen erwartet man normalerweise am Strand. Nicht in der Fußgängerzone. Doch José Monteiro ist kein konventioneller Mensch. Auch seine Werke nicht. Daher der ungewöhnliche Ausstellungsort Gleich am Anfang der Fußgängerzone in Albufeira, nur wenige Meter vom Busbahnhof entfernt, befindet sich das einzige traditionelle Haus der Straße, das dem durch den Tourismus bedingten Bauboom nicht zum Opfer gefallen ist. Bis vor einigen Jahren war das Haus die Werkstatt von José Monteiros Vater, dem letzten Hufschmied von Albufeira. Nun ist es Josés Atelier und gleichzeitig eine improvisierte Kunstgalerie. Zwei Wände dienen jedoch als Hommage an seinen Vater und an dessen Arbeit. Das Haus ist leicht zu erkennen, denn im Sommer stehen davor einige Sandskulpturen zur Schau. Das Thema ist dieses Jahr Walt Disney. Statt wie in den Comics meist genervt, steht Donald Duck lächelnd neben seinen drei Neffen. Die vier haben den Aufenthalt in Albufeira genutzt, um einen Angelausflug zu unternehmen und zeigen stolz ihre Beute. Vor ihnen posiert Daisy Duck für das Foto und gleich daneben ist Onkel Dagobert dabei – vielleicht als weitere Hommage an Josés Vater – sich seine beliebten Dollarscheine zu schmieden. Weitere dargestellte, bekannte Walt Disney-Figuren sind Aschenputtel und ihr Traumprinz, die Meerjungfrau Ariel und Alvin, von „Alvin and the Chipmunks“. Minnie und Mickey, verliebt wie immer, stehen umarmt und bedanken sich freundlich für die Spenden. Der treue Pluto liegt nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt. Um diese Sandskulpturen sind viele kleinere Figuren und Details wie Blumen, Tauben, Delphine oder Muscheln, die von einer sehr minuziösen Arbeit zeugen. José muss eine sichere Hand haben und mit großer Präzision arbeiten. Er kann sich keine Fehler leisten. Alles muss beim ersten Mal klappen, denn ansonsten zerfällt der Sand. Eine Arbeit, die viel Ruhe und Geduld verlangt. Beides hat der 61-jährige José, der in seiner Heimatstadt Albufeira als Zé Indio bekannt ist; Zé, der Indianer. Als Indios werden in der Algarve normalerweise Menschen bezeichnet, die eine wilde Natur haben. José verdankt seinen Spitznamen jedoch nicht einem wilden Charakter, sondern seiner Vorliebe für die Kultur und den Lebensstil der Indianer. Seine Kunst spiegelt oft dieses Interesse von ihm wider. Erst 2012 war das Thema der Sandskulpturen Cowboys und Indianer.In Albufeira geboren und aufgewachsen, spielte José von klein an am Strand und baute wie jedes Kind seine Sandburgen. Mit 14 Jahren machte er dann seine erste, wie er sagt „seriöse“, Sandskulptur im Rahmen des seit fast 60 Jahren jährlich organisierten Sandskulpturen-Wettbewerbes „Construções na areia” der Tageszeitung Diário de Notícias. Der „Indianer“ hätte den Wettbewerb auch gewonnen, wäre da nicht sein Freund gewesen, der neben den von José aus Sand geformten Esel einen Strohballen hinstellte. „Da nur Sand benutzt werden durfte, wurde ich disqualifiziert“, erinnert er sich. Danach hat er nie wieder aufgehört, dem Sand Formen zu geben. Die letzten 30 Jahre hat er seine Skulpturen zur Schau gestellt. Zuerst direkt am Strand von Albufeira und seit 2005 in der Fußgängerzone. „Am Strand wurden die Skulpturen über Nacht stets zerstört. Selbst der Traktor von der Stadt hat keine Rücksicht genommen, obwohl ich eine Lizenz hatte“, bedauert José. Aber der Standort in der Fußgängerzone gefällt ihm. „Hier habe ich mein ganzes Werkzeug bei der Hand“, erklärt er in seiner ruhigen Art. Dafür müsse er den Sand von viel weiter heranschleppen, werfe ich ein. Doch José benutzt keinen Sand vom Strand, sondern vom Land. Vor neun Jahren holte er sich Sand in die Werkstatt und arbeitet seitdem jährlich damit. Im April kippt er ihn ins Freie, gibt etwas Wasser dazu und macht daraus Blöcke. Immer wieder mischt er etwas Wasser dazu, presst den Sand und lässt ihn anschließend trocknen. Im Juni fängt er an, die Sandblöcke mit Hilfe von Messern, Drähten und anderem, von ihm gebas- teltem Werkzeug zu formen. „Wenn das Wetter gut ist, ist die Ausstellung bis Mitte Oktober zu sehen“, so José. Danach zerstört er die Figuren und schleppt den Sand wieder in die Werkstatt. Dort teilt sich der Sand den Raum mit seinen fortdauernden Kunstwerken. Dazu gehören Holz- und Steinskulpturen, Gemälde und Zeichnungen. Sein Stil und die benutzten Materialien und Farben sind sehr abwechslungsreich. Seine Bilder sind abstrakt und realistisch, er benutzt Öl- und Acryl-Farben, zeichnet mit Bleistiften oder Kohle. Er malt Landschaften, vor allem Albufeira-Landschaften, Menschen und Tiere. Ein oft wiederkehrendes Thema sind natürlich Indianer und Pferde. Aber auch für Frauenfiguren hat José eine Vorliebe. Blumen und Meerestiere wie Delphine und Seepferdchen kommen immer wieder vor und die Holzskulpturen sind fast immer eine Mischung aus verschiedenen Figuren. Eine Kunstschule besuchte der Indianer nie. Nicht einmal einen Workshop. „Ich bin mein eigener Lehrer“, erklärt der Künstler. „Im Laufe der Jahre habe ich stets das Ziel verfolgt meine Arbeit zu verbessern“. Angefangen hat er als Teenager. Damals schnitzte er mit Hilfe eines Messers Figuren aus Avocado-Kernen, später probierte er es mit den weißen, porösen Strandsteinen. Farben für seine Gemälde zu bekommen war vor über 40 Jahren in Albufeira auch nicht einfach. „Vor allem war es nicht billig“, erinnert er sich lächelnd. Daher entwickelte José die Kunst, mit den außergewöhnlichsten Flüssigkeiten zu malen, darunter auf Jod basierende Desinfektionsmittel.  Trotz seiner zurückhaltender Natur nimmt José sich gerne Zeit, um über seine Kunst zu sprechen und seine improvisierte Galerie, in der nur ein Bruchteil seiner im Laufe von fast 40 Jahren kreierten Werke ausgestellt sind, zu zeigen.
Anabela Gaspar
ESA 8/13

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